Koran oder Grundgesetz?

Was bedeutet euch eigentlich mehr – der Koran oder unser Grundgesetz? So lautet die bange Frage, die den hier lebenden Muslimen manchmal offen, viel häufiger noch in Gedanken gestellt wird. Dahinter verbirgt sich die begründete Sorge, traditionelle Muslime könnten aufgrund ihres Religionsverständnisses Probleme haben, sich nicht-islamischen Gesetzen unterzuordnen, parallelgesellschaftliche Strukturen etablieren und letztlich Demokratie, Menschen- und Freiheitsrechte unterlaufen. Schließlich erleben wir es täglich: viele Muslime tun sich schwer mit dem westlichen Verständnis von Meinungs- und Pressefreiheit – denken wir nur an den Umgang mit sogenannten Islam-Kritikern oder auch den Karikaturenstreit. Religionsfreiheit wird mit großer Selbstverständlichkeit und in einem sehr umfassenden Sinne eingefordert, aber den religiösen Minderheiten in der islamischen Welt oftmals ebenso vorenthalten wie den Konvertiten vom Islam zum Christentum oder zu anderen Religionen. Dem Gleichheitsgrundsatz unserer Verfassung steht nach der klassischen islamischen Rechtsauffassung die rechtliche Ungleichbehandlung von Mann und Frau wie auch von Muslimen und Nicht-Muslimen gegenüber. In manchen europäischen Ländern wird bereits eine teilweise Anwendung von Scharia-Normen zum Beispiel im Bereich des Familienrechts praktiziert, anderswo zumindest diskutiert. Aber auch der eklatante und letztlich ausnahmslose Demokratiemangel in den mehrheitlich islamischen Ländern ist unübersehbar. Also: Muss das so sein?

„Für viele konservative Muslime bleiben alle Bereiche des menschlichen Lebens religiösen Regeln unterworfen, denn Gott ist oberster Gesetzgeber, und kein Mensch, kein Parlament hätte je das Recht, durch eigene Gesetze das Gesetz Gottes zu relativieren“

„Der Islam ist Religion und Staat“ – so lautet ein geflügeltes Wort, zu dem sich viele Muslime bekennen. Es will sagen, dass der Islam nicht nur das Verhältnis des Menschen zu Gott, sondern eben auch das Zusammenleben der Menschen untereinander regelt, vom Ehe- und Familienrecht über das Wirtschafts- und Sozialleben bis zum Strafrecht und zu politischen Ordnungsvorstellungen.

Die geradezu sprichwörtliche Untrennbarkeit von Religion und Politik im Islam ist dabei nach Ansicht vieler moderner Muslime kein Muss für alle Zeiten, aber sie ist ein Anspruch, der nicht etwa eine nachträgliche oder gar missbräuchliche Interpretation der Glaubensgrundlagen darstellt, sondern im Gegenteil direkt aus den Hauptquellen islamischen Denkens, dem Koran und dem Leben des Propheten, ableitbar ist. In den Anfängen der neuen Religion war das zunächst anders. Als Mohammed um 610 n. Chr. in Mekka seine Berufung zum Propheten erfuhr und die erste koranische Offenbarung empfing, befand er sich in einer überwiegend heidnischen Umgebung, mit einzelnen christlichen und jüdischen Elementen. An politische Dominanz war seinerzeit nicht zu denken, vielmehr konnte die junge muslimische Gemeinde froh sein, wenn sie halbwegs unbehelligt ihren neuen Glauben ausleben konnte und sich die Schikanen der Landsleute in Grenzen hielten. In dieser eher feindseligen Umgebung verkündete Mohammed die Existenz des einen Gottes Allah. Er rief die Menschen zur Umkehr auf, mahnte vor dem Jüngsten Gericht und verlangte „Islam“, das heißt Unterwerfung unter den Willen Gottes. Als die Situation in seiner Vaterstadt unerträglich wurde, wanderte Mohammed 622 n. Chr. mit seinen Anhängern in das nördlich gelegene Medina aus, wo er sich binnen kürzester Zeit zum religiösen, politischen und militärischen Leiter eines Gemeinwesens etablierte, in dem sich auch Andersgläubige der politischen Oberhoheit des Islams zu unterwerfen hatten. Dieser Umbruch erschien den Muslimen so bedeutsam, dass sie die Auswanderung von Mekka nach Medina (hijra) zum Ausgangspunkt der islamischen Zeitrechnung machten. Nunmehr – so eine weit verbreitete Auffassung – wurde der Islam seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt, nämlich als Religion, die alle Bereiche des Lebens bestimmt, eine Religion der Herrscher, nicht der Beherrschten. Der Koran spiegelt diesen Wandel: Nachdem die ersten Offenbarungen vor allem theologische und heilsgeschichtliche Botschaften enthielten, standen nunmehr konkrete Normen und Gesetze menschlichen Zusammenlebens im Mittelpunkt. Insofern geht die Einheit von Religion und Politik im Islam sowohl auf den Koran als das reine Wort Gottes, als auch auf das gelebte Vorbild des Propheten zurück und ist aus dieser Sicht Kernbestandteil des Glaubens. Im Amt des Kalifen wurde die enge Verknüpfung militärischer, politischer und religiöser Belange fortgeführt. Das beratende Gremium (shura), das dem Herrscher an die Seite gestellt wurde, wird zwar vielfach als Vorläufer einer islamischen Demokratie angesehen, konnte sich aber nur innerhalb des festen religiösen Normenkatalogs bewegen. Für viele konservative Muslime bleibt dieser Zustand der frühislamischen Gemeinde in Medina ein Ideal, dem es auch heute so nahe wie möglich zu kommen gilt. Alle Bereiche des menschlichen Lebens sind hier religiösen Regeln unterworfen, denn Gott ist oberster Gesetzgeber, und kein Mensch, kein Parlament hätte je das Recht, durch eigene Gesetze und Verordnungen das Gesetz Gottes zu relativieren oder gar außer Kraft zu setzen. Allenfalls dürfen Religionsgelehrte Dinge regeln, die aus dem Koran nicht eindeutig ableitbar sind, so zum Beispiel die Straßenverkehrsordnung oder die Zulässigkeit von Organtransplantationen für Muslime.

„Es gibt aber auch reformbereite Muslime, für die der Kern ihres Glaubens in der umwälzenden Botschaft von der Existenz des einen Gottes liegt, dem jeder Mensch persönlich verbunden und verpflichtet ist. Sie sprechen sich für eine Historisierung des Korans aus“

Demokratie ist aus dieser Perspektive des Islams die organisierte Gottlosigkeit, denn hier ist die Herrschaft der Menschen/des Volkes an der Stelle Gottes zum obersten Prinzip erhoben, die Religionsausübung hingegen allenfalls Privatsache. Für Extremisten bedeutet selbst die Unterwerfung unter nicht-islamische Regeln und Gesetze eine schwere Sünde gegen den Islam. Dass diese Haltung nicht demokratietauglich ist, steht wohl außer Frage.

Die Realität ist wie so häufig vielgestaltig. In der islamischen Welt sehnen sich große Teile der Bevölkerung nach Freiheit und Demokratie; beides wird ihnen von despotischen Herrschern ebenso verweigert wie von der Geistlichkeit, die um ihren Einfluss und die Moral des Volkes fürchtet. Auch bei einem Teil der in Deutschland lebenden Muslime finden wir unterschiedliche Formen der Demokratie-Verweigerung. Radikale Prediger fluchen auf die Gottlosigkeit des Systems, rufen Muslime mit deutscher Staatsangehörigkeit zum Wahlboykott auf und indoktrinieren ihre Gemeindemitglieder mit einem schier unerträglichen Überlegenheitsgefühl und einer tiefen Verachtung der – aus ihrer Sicht – verkommenen westlichen Gesellschaft. Andere beschränken sich darauf, im Namen der Religion Sonderrechte für die Muslime einzufordern und auf deren mögliche Verweigerung beleidigt zu reagieren. So oder so wird davon ausgegangen, dass die Vorgaben der Religion unabhängig von Zeit und Ort Vorrang haben.

Aber es gibt auch eine andere Seite, nämlich die modernen, reformbereiten Muslime, für die der Kern ihres Glaubens in der mekkanischen Phase und ihrer umwälzenden Botschaft von der Existenz des einen Gottes liegt, dem jeder Mensch persönlich verbunden und verpflichtet ist. Was danach geschah, entsprach nach dieser Lesart sozusagen den Regeln der Zeit und war notwendig, um Überleben und Ausbreitung der neuen Religion überhaupt erst möglich zu machen. Diese Muslime sprechen sich aus für eine Historisierung des Korans, durch die ewig gültige Aussagen von den zeitlich bedingten unterschieden werden. So besteht Einigkeit, dass neben den zentralen Glaubensauffassungen „Gott ist einer und Mohammed ist sein Gesandter“ die rituellen Pflichten wie das Bekenntnis, das Beten, Fasten, Almosengeben und Pilgern nach Mekka ebenso ewig gültig sind wie die Reinheits- und Speisegebote. Andere Regeln hingegen werden in ihrem zeitlichen Kontext gesehen und nicht als im Wortsinn wesenhaft für den Islam verstanden. Viele Musliminnen und Muslime leben und glauben so, nicht ohne aus den eigenen Reihen kritisch beäugt zu werden. Sie verdienen Unterstützung, denn nur auf der Basis eines historischen Koranverständnisses kann es eine Versöhnung von Islam und Demokratie geben. Die Antwort gläubiger Muslime auf unsere Eingangsfrage lautet schließlich zweifelsfrei: der Koran.

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