Diaspora

Konvertiten in Kopenhagen lassen die Kirche wachsen

Erst in der Balance von Nähe und Distanz entsteht jenes viel gerühmte Hygge-Lebensgefühl. Unterwegs in einer Stadt, in der die Katholiken Flagge zeigen.
Coronavirus - Dänemark
Foto: dpa | Die Meerjungfrau, ein Wahrzeichen Kopenhagens, das jeder kennt. Doch es gibt nicht nur Märchenhaftes in Dänemarks Hauptstadt zu entdecken.

Jens lernte ich in Lonstrup an der Westküste Jütlands kennen. Im folgenden Jahr besuchte ich ihn in Kopenhagen. Er führte michzur kleinen Meerjungfrau und zum Denkmal des Dichters Hans Christian Andersen. Wir erfreuten uns an den handgeschnitzten Pfeifen und den selbstbewussten Frauen, die sie rauchten. Wir besuchten den autonomen Stadtteil Christianshavn und abends das Tivoli. Königin Margarethe II. hatte gerade ihr Amt angetreten. Sie war Stammgast in diesem Vergnügungspark. Spät in der Nacht führte mich Jens in seine Studentenbude. Weil er nur ein schmales Bett besaß, schlief ich im Schlafsack auf nacktem Fußboden wie später bei meinen Reisen durch Zentralasien.

Heute würde ich mich in das herrliche Hotel Admiral einquartieren. Der umgebaute Hafenspeicher liegt in der Mitte der Stadt. In unmittelbarer Nähe am Ofelia Platz wird in den Sommermonaten Tango getanzt. Doch schätze ich auch das Leben in Distanz zur Metropole. Es schützt vor Reizüberflutung und hundert Bildern, die doch kein Bild ergeben. Nachhaltigkeit ist auch ein Gebot der geistigen Ökologie. Erst in der Balance von Nähe und Distanz entsteht jenes viel gerühmte Hygge-Lebensgefühl der Kopenhagener, das einfach dejligt (herrlich) ist. So buchen wir wie Søren Kierkegaard (1813–1855) eine Unterkunft im Strandbad Gilleleje und nutzen die guten Verkehrswege für Tagestouren in die Hauptstadt.

Vor dem Kierkegaard-Denkmal im Garten der Königlichen Bibliothek frage ich mich,
wie der trotzige Däne den Tanzboden der deutschen Bischofskonferenz
und des synodalen Weges kommentieren würde

Finanziell unabhängig durch das väterliche Erbe, ohne familiäre Bindungen und Verpflichtungen, lebte Kierkegaard als freier Schriftsteller und großer Provokateur in Kopenhagen. Sein Gegner war die dänische Volkskirche („Folkekirken“), also die Einheit von lutherischer Theologie und Monarchie. Sie findet bis auf den heutigen Tag Ausdruck in den standesamtlichen Aufgaben der Pfarrer wie der Führung von Tauf- und Sterberegistern. Die Königin darf als Oberhaupt der Volkskirche nicht konvertieren. Seit der Taufe Harald Blauzahns (um 960) war das Missionsgebiet des heiligen Ansgar über sechs Jahrhunderte ein katholisches Land. Doch mussten bald nach der Reformation sämtliche Katholiken das Land verlassen. Zu Kierkegaards Zeit gab es knapp 3 000 Katholiken in Dänemark. Die meisten von ihnen waren Arbeiter, Künstler oder Gelehrte aus anderen Ländern und wurden von Jesuiten betreut.

Kierkegaard warf seiner Kirche Verrat am Evangelium vor. Die ersten Christen waren erfüllt vom Geist der Nachfolge und zum Martyrium bereit. Dänemarks Pfarrer der Volkskirche aber suchten Wohlstand und bürgerliches Wohlergehen. Sie hätten sich dem Zeitgeist angepasst. „Wie widerlich ist es im Grunde mit diesen Millionen, die Christentum spielen“, wetterte Kierkegaard. Der Kopenhagener Prophet sah sich nicht als Reformer der lutherischen Kirche: „Hier gibt es nichts zu reformieren“. Daher forderte er: „Fliehe die Pfarrer, fliehe sie, diese Schändlichen, deren Gewerbe es ist, Dich darin zu hindern, dass Du auch nur aufmerksam werdest auf das, was wahres Christentum ist.“ Schließlich besuchte Kierkegaard nicht mehr die lutherischen Gottesdienste und wünschte auch keine kirchliche Beerdigung. Mit Luther hatte er gebrochen. „Heutzutage herrscht ein Gesumme wie auf einem Tanzboden mit dem Reformierenwollen. Das kann nicht Gottes Gedanke sein, das ist vielmehr eine läppische Erfindung von Menschen.“

Weltweit das größte Bistum mit der geringsten Zahl an Gläubigen

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Vor dem Kierkegaard-Denkmal im Garten der Königlichen Bibliothek frage ich mich, wie der trotzige Däne den Tanzboden der deutschen Bischofskonferenz und des synodalen Weges kommentieren würde. „Entweder – oder!“, lautete sein Motto. Würde er jenen die rote Karte zeigen, die jeden Respekt vor dem Amt verloren haben und den Volkswillen zum Evangelium erheben? Was würde er einem Bischof sagen, der die Knie vor den Götzen des Moralismus beugt?

Das katholische Zentrum Dänemarks liegt in unmittelbarer Nähe zu Kierkegaards Geburtshaus. In der Domkirche St. Ansgar begegne ich Anna Mirijam Kaschner. Die Ordensschwester aus Deutschland leitet die Kopenhagener Konvertitenkurse. Bischof Czeslaw Kozon betreut sämtliche Katholiken in Dänemark, Grönland und auf den Faroer. Sein Bistum ist an Mitgliederzahlen das kleinste und flächenmäßig das größte der Welt. Johannes von Euch (1834–1922) war der Neubegründer der katholischen Kirche Dänemarks. Der Sohn eines Schnapsbrenners aus dem Emsland wurde 1892 zum Bischof ernannt. Er betrieb eine erfolgreiche Neuevangelisierung und erkannte die Chance einer Minderheitenkirche, die sich wieder auf ihre Sendung konzentrieren kann.

Die Bischöfe haben Mut zur Mission

Der Mut zur Mission bewegt auch den Kopenhagener Bischof. Anders Kardinal Arborelius, ein schwedischer Konvertit, erhob ihn in den Ritterorden vom Heiligen Grab in Jerusalem. Sr. Anna Mirijam berichtet von dem aktuellen Konvertitenkurs. Unterstützt wird sie von Anna Maria Kjellegaard. Schwester Anna Maria hat eine eigene Kolumne in dem „Kristeligt Dagblad“, in der sie Klartext in allen Lebens- und Glaubensfragen spricht.

Das Kursprogramm umfasst gut 20 Bildungseinheiten, in denen von der Gebetspraxis (Rosenkranz) über die Liturgie bis zur Sakramentenlehre und Soziallehre die Welt des katholischen Glaubens erschlossen wird. Neben Basisinformation zum Alten und Neuen Testament sowie der Kirchengeschichte spielen die Heiligen und das liturgische Jahr eine bedeutende Rolle. Geworben wird durch Flyer, die in den Kirchengemeinden des Inselreiches ausliegen und durch Hinweise auf der offiziellen Bistumsseite. Der Weg zu den Kursen geht meistens über den katholischen Priester vor Ort. Gründe für die Konversion sind vielschichtig, aber alle Wege führen nach Rom. Eine Ehe mit einem katholischen Partner steht bevor, das Vorbild der Großmutter überzeugt und lädt zur Nachfolge ein.

Die Zahlen sind noch gering

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Immer wieder erweckt das Erlebnis der Liturgie, besonders an Weihnachten oder Ostern oder die Spendung der Sakramente oder die Teilnahme an einer Beerdigung den Sinn für das Katholische. Noch immer gibt es die großen Bekehrungserlebnisse wie sie die dänischen Konvertiten Peter Schindler und Johannes Jörgensen erfahren haben. „Hjem“ („Heimkehr“) lautet der Titel eines Buches mit Glaubenszeugnissen aus der Gegenwart. Konversion als Heimkehr. Mich wundert dieser Mut. Gibt es keinen Widerstand durch die dänische Volkskirche? Dafür sei die Zahl der Konvertiten noch zu gering, sagt Sr. Anna Mirijam. Auf ihre Frage, wie es mit Konvertitenkursen in den deutschen Bistümern aussehe, muss ich passen. Eine missionierende Kirche würde wohl als ökumenischer Affront verstanden werden. Als Ausgrenzung oder Abgrenzung. Zudem habe sich das Glaubenswissen verflüchtigt. „Herrlich!“, lacht sie, „dann könnt auch ihr Glaubenskurse geben.“ Konversion sei kein einmaliger Akt, sondern ein Pilgerweg.

Es sind nicht nur Dänen, die konvertieren

Konvertitenkurse werden jedes Jahr von September bis Pfingsten durchgeführt. In der Regel beginnen 30 Teilnehmer, von denen etwa 20 an Ostern nach einer Evaluation in die katholische Kirche aufgenommen werden. Einige springen ab oder brauchen noch Zeit. Die meisten Teilnehmenden sind Dänen und waren ursprünglich in der Volkskirche beheimatet. Doch nimmt die Zahl der Nichtgetauften oder Muslime zu. Der letzte Kurs mit 24 Teilnehmenden fand Corona bedingt online statt. Da viele Bewerber in der weiten Diaspora Dänemarks in dieser Zeit keinen Kontakt zu ihrer Gemeinde aufbauen konnten, wurden nur zehn Menschen in die katholische Kirche aufgenommen. Drei von ihnen ließen sich taufen. Die anderen Teilnehmer warten noch mit dem letzten Schritt.

Die Krise gehört zur Kirche. In ihr trennt sich die Spreu vom Weizen. Aber auch Umkehr und Heimkehr wird möglich. Sr. Anna Mirijam verabschiedet sich. Ich trete auf die belebte Straße. An der roten Backsteinfassade von St. Ansgar weht neben der Fahne des Vatikan der Danebrog. Die dänische Fahne aus alter katholischer Zeit hat die blutrote Farbe der Märtyrer und das weiße christliche Kreuz. Der Katholizismus in Dänemark zeigt Flagge. Davon sind wir in Deutschland noch sehr weit entfernt. Der dänische Priester und Universalgelehrte Niels Stensen (1638–1686) glaubte an die Macht der Vorbilder und sprach die Sehnsucht vieler Menschen aus: „Die Heiligkeit des Lebens beweist die Wahrheit der Lehre.“ So dachte auch Kierkegaard.

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