Konstruktiver Moderne-Pessimismus

Michael Rieger rekonstruiert Wege aus der Wüste einer sinn- und seelenlosen Gegenwart – hin zu einem wiedergewonnenen Verständnis von Kultur und Natur. Von Josef Bordat

Die Moderne – das ist Demokratisierung und Medienvielfalt, Wissenschaftlichkeit und Wirtschaftsboom, individuelle Freiheit und technischer Fortschritt. Moderne ist aber auch Automatisation, Anonymisierung und Völkermord (wie Zygmunt Bauman in „Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust“ eindrucksvoll nachwies). Doch wer stellt sich der längst paradigmatisch gewordenen Modernität („unmodern“ ist ein Schimpfwort) überzeugend in den Weg? Klar: die Katholische Kirche, ja, die Religion schlechthin. Doch auch in der säkularen Philosophie und Literatur gab und gibt es pessimistische Stimmen, die von den negativen Erscheinungsformen der Moderne sprechen. Der Germanist Michael Rieger gibt ihnen den geeigneten Resonanzboden, indem er sie in kompakter Form versammelt und gekonnt in Beziehung setzt.

Dabei bleibt er nun nicht etwa bei den an sich schon wertvollen kulturpessimistischen Analysen stehen, sondern nimmt auch die skizzierten Lösungswege auf. In „,Wir gehen durch die Gegenwart wie durch eine Wüste‘. Auf den Spuren der Tradition in Philosophie und Literatur“ zeigt Rieger nachvollziehbar und in zugänglicher Diktion, welche Gegenbilder zur Moderne Denker und Dichter wie Plinio Correa de Oliveira, Walter Hoeres, Othmar Spann, Reinhold Schneider, Martin Heidegger und Peter Handke entworfen haben, und wie diese uns heute helfen können, konstruktiv mit den erwähnten Begleiterscheinungen der modernen Welt umzugehen und „Schleichwege“ zu finden, „die aus dieser Wüste hinausführen“.

Hauptankerpunkte sind dabei die antike Philosophie, die christliche Theologie und die Naturrechtstradition. Spätestens damit wird klar, warum das Buch bestens ins Programm der katholischen Lepanto-Verlags passt. Auch wenn Rieger keine explizite Darlegung des kirchlichen „Antimodernismus“ vornimmt, passen die von ihm betrachteten Autoren zu den Positionen des wertkonservativen Katholizismus – nicht nur hinsichtlich der Diagnose, sondern auch der Therapie.

Gesucht werden nämlich auch von der Moderne-kritischen Philosophie und Literatur Gestalten der Sinnstiftung, die „der geistigen Entleerung der Gegenwart etwas entgegensetzen“. Das kann die Religion sein, der Glaube, die Kirche – muss es aber nicht. Es kann auch um „Kultur“ gehen, um etwas, das den Alltag nicht so „schändlich leblos“ (Handke) erscheinen lässt, das dem „gehetzten modernen Menschen“ (Franz Xaver Kroetz) etwas Seelenruhe verschafft und der „zerfallenen Gesellschaft“ (Edgar Julius Jung) neuen festen Halt. Das schließt auch die wieder errungene Wertschätzung der „Natur“ ein, von der die Moderne den Menschen ebenso entfremdet hat, mit den heute spürbaren Folgen – von Abtreibung bis Klimawandel. Die Kritik der Moderne wird hier – für das Individuum und das Kollektiv – regelrecht zur Überlebensfrage.

Es ist schließlich die zentrale rhetorische Frage Wilhelm Röpkes, die auch nach sechzig Jahren nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat – ganz im Gegenteil –, die die beharrliche Suche nach Wegen aus der Wüste motiviert: „Was nützt aller materieller Wohlstand, wenn wir die Welt gleichzeitig immer hässlicher, lärmender, gemeiner und langweiliger machen und die Menschen den moralisch-geistigen Grund ihrer Existenz verlieren?“ Sie sollte nicht nur die Philosophie und die Literatur beschäftigen, sondern das politische und soziale Handeln insgesamt. Michael Rieger Kompendium der konstruktiven Moderne-Kritik ist daher äußerst wertvoll.

Michael Rieger: Wir gehen durch die Gegenwart wie durch eine Wüste. Auf den Spuren der Tradition in Philosophie und Literatur. Lepanto Verlag Rückersdorf 2018, 240 Seiten, ISBN: 978-3-942605-17-5, EUR 14,80

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