Kommentar: Über die Gewissen Heinrich von Brentanos und Maria von Welsers

Von Ingo Langner

Anläßlich einer Feierstunde am 20. Juli 1961, in der elf Widerstandskämpfer der „Wilhelmstraße“ gegen den Nationalsozialismus geehrt wurden, erklärte der damalige Bundesaußenminister Heinrich von Brentano unter anderem: Das Gewissen sei „der Anruf Gottes an den Menschen. Der Gewissenlose ist nicht gehorsam, sondern unterwürfig, er ist nicht frei, sondern hemmungslos. Wenn wir diese Maßstäbe anerkennen, dann erfüllen wir das Vermächtnis der Toten, die um der Freiheit und Ehre des deutschen Volkes willen ihr Leben gaben.“

Eine denkwürdige Aussage. Nicht nur im Kontext des gegen Hitler gerichteten Stauffenbergattentats am 20. Juli 1944, sondern auch in Bezug auf heutige Debatten – etwa die des Bundestages über die Präimplantationsdiagnostik (PID). Wie man weiß, sind die Abgeordneten des „Hohen Hauses“ letztendlich allein ihrem Gewissen verantwortlich. Aber wissen die gewählten Vertreter des deutschen Volkes in ihrer Vollzahl auch, was „das Gewissen“ selbst eigentlich ist?

Vom „Anruf Gottes an den Menschen“ ist im Bundestag und den kommentierenden Medien im Fall der PID herzlich wenig die Rede gewesen. Nicht nur bei ausdrücklich säkular oder atheistisch Gesinnten, sondern leider auch bei Katholiken. So betonte Maria von Welser in der größten deutschen Boulevardzeitung, das Ergebnis pro PID sei „eine kluge Entscheidung. Das sage ich aus tiefer Überzeugung. Auch als Katholikin. Vor allem aber als Frau und Mutter.“

Leider verschwieg Sie Ihren Lesern, dass die deutschen Bischöfe der römisch-katholischen Kirche ausnahmslos und ausdrücklich für das Verbot von PID gewesen sind. Warum aber glaubt nun Frau von Welser klüger zu sein als die Kirche? Verfügt sie „als Frau und Mutter“ über tiefere Einsichten? Welche könnten das sein? Auf „das Gewissen“ hatte sich Maria von Welser in Sachen PID schon einige Zeit zuvor ausdrücklich berufen: „Der Bundestag muss noch abstimmen. Da soll dann statt Fraktionszwang das Gewissen entscheiden. Gut so.“

Gut so, weil sie das Gewissen für einen Freifahrtschein in die wahrheitsfreie Zone des Relativismus hält?

Ob Frau von Welser – und mit ihr Bundestagsabgeordnete, die pro PID waren – einmal gelesen haben, was Kardinal Newman zum Gewissen geschrieben hat? Seine Lehre über das Gewissen ist – wie übrigens seine gesamte Lehre – subtil und ganzheitlich. Er geht von der Grundannahme aus, dass das Gewissen nicht einfach ein Sinn für Richtigkeit, Selbstachtung oder guten Geschmack ist, geformt durch die allgemeine Kultur, die Erziehung und das soziale Umfeld. Es ist vielmehr das Echo der Stimme Gottes im Herzen des Menschen, der Puls des göttlichen Gesetzes, der in jedem Menschen schlägt und den Maßstab für richtig und falsch angibt. Es ist nach Newman das innere Licht, das den Menschen in Kontakt mit der Realität des persönlichen Gottes bringt. Im Gegensatz dazu scheint heute jene Ansicht satisfaktionsfähig, die das eigene Gewissen für eine rein subjektive Privatangelegenheit jedes einzelnen Menschen hält. 1961 wäre mit solch einer abstrusen Denkfigur ein wo auch immer öffentlich argumentierender Mensch nicht mehr ernst genommen worden. Gegenwärtig kommt man mit einer solchen „Ahnungslosigkeit“ offenbar gut über Runden.

Das aktuelle Selbstverständnis, eine „Informationsgesellschaft“ zu sein, steht im eklatanten Gegensatz zum tatsächlichen Wissen über elementare naturrechtliche und philosophische Grundkenntnisse – von theologischen ganz zu schweigen. Dafür scheint die Zahl der Dampfplauderer – mit oder ohne Abitur gilt gleichviel – enorm im Wachsen begriffen.

Oder um es abschließend noch einmal mit den Worten Heinrich von Brentanos zu sagen: „Der Gewissenlose ist nicht gehorsam, sondern unterwürfig, er ist nicht frei, sondern hemmungslos.“ Was auf unsere Zeit übertragen heißt: unterwürfig gegenüber einer immer öfter hemmungslos totalitär daherkommenden Mainstreamideologie, auf deren Banner die Worte „Aufklärung, Toleranz und Fortschritt“ gestickt sind, aber schon lange nicht mehr darüber hinwegtäuschen kann, dass sich hinter dem schönen Schein Pranger und Guillotine für jene verbergen, die daran festhalten wollen, dass die Würde des Menschen nicht einem Gesellschaftsvertrag, sondern seiner Gottesebenbildlichkeit geschuldet ist.

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