Kommentar: Sarrazinisches Dilemma

Von Johannes Seibel

„Europa braucht den Euro nicht.“ Thilo Sarrazin hat ein neues Buch geschrieben. Am Dienstag ist es erschienen. Panik bricht aus. Schweiß perlt über die Stirn des Journalisten. Was schreiben, wo er das Buch noch nicht gelesen haben kann, aber alle Medien schon über Sarrazin berichten? Soll er heute nichts schreiben, weil er erst eine fundierte Buchbesprechung durch einen Ökonomen abwarten möchte? Das entspräche dem journalistischen Ethos – über die Sache selbst zu reden, über die der Journalist jedoch erst reden kann, wenn er sie kennt.

Aber liegen von Günther Jauchs Sonntag-Fernsehtalkshow über „Bild“ bis zur „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ nicht genügend Schnipsel an Interviews, ersten Rezensionen, Kurzauszügen und zusammenfassenden Thesen als Material vor? Richtig, nur: Dann würde der Journalist über Berichte über das Buch, nicht aber das Buch selbst schreiben. Journalistisches Ethos?

Dann aber denken die Leser womöglich: „Wie schlafmützig, alle reden über Sarrazin, nur meine Zeitung heute nicht!“ Und wo schon alle über Sarrazin urteilen, so denkt der Leser womöglich weiter, dann will auch er von seiner Zeitung ein Urteil: „Hat er denn nun recht, der Sarrazin, oder nicht?“ Und wenn die Zeitung nicht sogleich urteilt, wie urteilt dann der Leser über seine Zeitung? Dem grübelnden Journalisten gerät erneut das journalistische Ethos in die Quere. Denn ein schnelles Urteil ohne sachliche Basis befriedigt zwar Emotionalisierung und das Bedürfnis nach Bestätigung, fördert aber keineswegs eine dem schwierigen Thema angemessene differenzierte Erkenntnis – zumal sich in medienpolitischen Sonntagsreden alle über die ungeheure Beschleunigung in Politik und Medien aufregen, die keinen Atem mehr lässt für gute, überlegte Analysen und Entscheidungen.

Wenn also der Journalist nicht schon heute über das Buch Sarrazins schreiben und urteilen kann, vielleicht lässt sich dann das Drumherum kommentieren?

Der Journalist könnte kritisch anmerken, dass die Pose Sarrazins als Tabubrecher eine hanebüchene, er ein bloßer Populist sei, weil ja über den Euro, seine Berechtigung und Gefahren tagein und tagaus auch ohne Sarrazin debattiert wird. Nur – weiß der Journalist ohne Lektüre des Buches tatsächlich, dass sich Sarrazin als ein Tabubrecher und Populist geriert? Und ist mit beiden Wörtern schon irgendetwas erklärt?

Der Journalist könnte kritisch anmerken, dass einzelne Stellen aus dem Buch Sarrazins wie seine kolportierte Erklärung der deutschen Eurobeharrlichkeit durch den Holocaust ein bewusstes Kalkül zur Aufmerksamkeitssteigerung, politisch inkorrekt und insofern verwerflich sei. Nur – kennt der Journalist ohne Lektüre des Buches tatsächlich den Zusammenhang des Zitates? Und ist mit diesem Zitat auch das Buch selbst schon verstanden?

Der Journalist könnte kritisch anmerken, dass die Aufregung über Sarrazin ein guter Marketingtrick ist, der allein dem Verkauf und damit dem Geldbeutel des Autors und Verlags dient. Nur – fällt der Journalist dann mit dieser Kritik nicht seinerseits auf den Marketingtrick herein, der von vorneherein mit jeder journalistischen Reaktion als verkaufssteigernd rechnet? Dann aber müsste der Journalist kritisch anmerken, dass jede kritische Anmerkung letztlich allein Sarrazin nützt und der Journalist auf diese Weise die beklagenswerte Ritualisierung deutscher kritischer Politikberichterstattung durch jede kritische Berichterstattung nur weiter ritualisiert ... und so weiter und so fort.

Aus dem sarrazinischen Dilemma hilft letztlich nur eine Entscheidung, die der Philosoph Ludwig Wittgenstein bekanntlich so formuliert hat: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ – solange zumindest, bis man Sarrazins Buch gelesen hat.

Themen & Autoren

Kirche

Kardinal Rainer Maria Woelki
Köln

+++EILMELDUNG+++ Woelki bleibt im Amt Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung

Nach Information der Wochenzeitung "Die Zeit" belässt Papst Franziskus den Kölner Kardinal im Amt. Er soll jedoch eine Bedenkzeit von mehreren Monaten nehmen.
24.09.2021, 10 Uhr
Meldung