Kommentar: Pax americana 2.0?

Von Oliver Maksan

Tief unter dem Sand des Irak wähnte man den Neo-Konservatismus der George-W.-Bush-Ära samt seinen Exponenten vergraben. Tatsächlich mag dies für Paul Wolfowitz, Paul Bremer und Dick Cheney gelten – Vordenker und Akteure der Kriege in Afghanistan und Irak. Doch mehr als zehn Jahre nach Beginn des Krieges im Irak bringt sich die neo-konservative Weltsicht wieder in Stellung.

Das Ziel: Salon- und Kampagnenfähigkeit. Mit jeder weltpolitischen Krise – sei es Syrien, Irak oder Ukraine – wird mehr Wüstensand von einer Idee fortgeblasen, die man als eine Art realpolitisch geläuterten Liberalismus mit amerikanischem Weltmissionsdrang bezeichnen kann.

Es sind dabei nicht nur die bekannten Falken des Washingtoner Betriebs wie der Republikaner und vormalige Präsidentschaftskandidat John McCain, die im Senat mit Blick auf Syrien, den Iran und neuerdings auch den Irak unablässig ihr interventionistisches ceterum censeo vortragen – und dabei mittlerweile auf taube Ohren auch vieler republikanischer Abgeordneter und Wähler stoßen. Den Startschuss zur Rehabilitierung gab jetzt ein vielbeachteter Großessay des Historikers und außenpolitischen Theoretikers Robert Kagan. Unter dem Titel „Supermächte können sich nicht zur Ruhe setzen: Was unser müdes Land der Welt noch schuldet“ hat er seine Sicht der Dinge dargelegt. In der Zeitschrift „The New Republic“ zeichnet er die in der Geschichte zwischen Interventionismus und Isolationismus oszillierenden Ordnungsvorstellungen der Vereinigten Staaten nach. Aufgrund der einzigartigen geopolitischen Lage zwischen zwei gewaltigen Ozeanen sei den USA unangreifbare Macht wie noch keinem anderen Staat zugewachsen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Sieg über Deutschland und Japan habe sich die welthistorische Möglichkeit geboten, eine amerikanisch garantierte liberal-kapitalistische Weltordnung zu etablieren. Ihr letztlich erfolgreiches Ziel sei es gewesen, die Welt durch eine Pax Americana demokratischer und wohlhabender zu machen. Vor allem sei mit der überlegenen Macht der USA nach 1945 ein das internationale System bis dahin prägendes und permanent destabilisierendes Phänomen verschwunden: der Machtstreit zwischen den Großmächten. Auch die Sowjetunion habe sich letztlich der amerikanischen Macht geschlagen geben müssen. Garant der neuen Weltordnung seien die USA. Alternativen gebe es keine. Während sich diese Weltsicht vielen Amerikanern nur über den Umweg des Antikommunismus erschlossen hätte, fehle beim Elektorat wie seinen Repräsentanten nach dem Ende der Sowjetunion und den mittelöstlichen Fehlschlägen jedes Verständnis für die tiefere Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle. Supermächte könnten sich aber nicht zurückziehen, ohne ein Vakuum und damit potenzielles Chaos zu hinterlassen. Kagans Schluss: Amerika müsse und könne führen. Aber wolle es das auch noch?

Kagans Essay ist nicht nur intellektuelle Spiegelfechterei. Der verbindliche Mann, nicht nur äußerlich ein Schwergewicht, will Politik gestalten. Und dabei kommt Hillary Clinton ins Spiel. Obamas Außenministerin während seiner ersten Präsidentschaft gilt als nächste demokratische Präsidentschaftsbewerberin mit guten Chancen auf eine Wahl. Niemand weiß, wen die Republikaner ins Rennen schicken werden. Aber außenpolitische Falken werden es wohl eher nicht sein. Von dem Isolationisten Rand Paul ist oft die Rede. Frau Clinton hingegen – sie hatte für den Irak-Krieg gestimmt – war als Ministerin außenpolitisch stets ein paar Spuren robuster als ihr tendenziell isolationistischer Chef. Zu ihr suchen die heimatlos gewordenen Interventionisten jetzt Brücken zu bauen. Wichtige Figuren aus ihrem Umkreis haben schon Sympathien für die Ideen Kagans geäußert.

Vielleicht wiederholt sich hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs die amerikanische Geschichte wieder. Auch damals waren die Republikaner nach den Ernüchterungen des Krieges zu einer isolationistischen Partei geworden, während die Demokraten das Banner des Interventionismus hochhielten.

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