Kommentar: König Hamlet für die ganze Welt

Von Alexander Riebel

Shakespeares 400. Todestag ist nur einer der kulturellen Gedenktage in diesem Jahr. Nur um die Größten unter den anderen zu nennen, da gibt es den 700. Geburtstag von Karl dem Großen, den 400. Todestag von Miguel de Cervantes, den 300. Todestag von Gottfried Wilhelm Leibniz oder den 200. Geburtstag von Werner von Siemens. Shakespeare (1564–1616) spielte in Deutschland schon immer eine bedeutende Rolle. Und man hielt ihn hier schon immer für einen Großen, dessen Stücke früh aufgeführt wurden. So ist die „Komödie der Irrungen“ bereits 1660 auf einem Weimarer Spielplan belegt, den „Kaufmann von Venedig“ brachte Passau 1607 auf die Bühne und „Romeo und Julia“ konnten schon 1604 in Nördlingen bewundert werden.

Neigen wir heute in Bezug auf Shakespeare mehr zu Goethe, als zu Lessing und Herder? Der Schüler Stefan Georges, der Germanist Friedrich Gundolf, hat in seinem die geisteswissenschaftliche Literaturwissenschaft begründenden Werk „Shakespeare und der deutsche Geist“ (1911) präzise dem Wirken des englischen Dichters nachgespürt. Konnten Lessing und Herder in Shakespeare nur den „gesetzgebenden Akt“ für die Ästhetik herauslesen, so las ihn Goethe als ein Bekenntnis und als Erläuterung seiner eigenen Praxis. „Ich schäme mich oft vor Shakespeare“, schrieb Goethe, „denn es kommt mir manchmal so vor, dass ich beim ersten Blick denke, das hätte ich anders gemacht. Hinterdrein erkenne ich, dass ich ein armer Sünder bin, dass aus Shakespeare die Natur weissagt, und dass meine Menschen Seifenblasen sind, von Romangrillen aufgetrieben... Er führt uns durch die ganze Welt, aber wir verzärtelte unerfahrene Menschen schreien bei jeder fremden Heuschrecke, die uns begegnet: Herr, er will uns fressen!“ Aber während Goethe nur bildnerisch verfahre, habe Shakespeare schöpferisch geschrieben, meint wohl zu Recht Gundolf, denn der Brite habe Lebenstriebe in bewegte Körper verwandelt. Goethe hat den Seelenstoff seiner Figuren nur geformt, nicht erschaffen in einem ihnen eigenen Raum. So hoch aber Goethe sein Vorbild schätzte, so wenig ließ er sich doch von ihm beeinflussen. Immerhin konnte der Rationalismus der frühen Neuzeit nicht völlig die Ideen des Menschen, der Leidenschaft, des Schicksals verbannen; Shakespeare hat sie in seiner Dichtung verewigt und in Deutschland sind sie vornehmlich über Goethe in die Literatur gekommen. Der ganze Mensch wurde wieder zum Thema. So war der „Hamlet“ die erste große Tragödie über die Zerrissenheit des Menschen und den Weltschmerz – alle Seelendichtung wie ein „Werther“ Goethes sind nur die Folgen hiervon.

Den „Hamlet“ bringt das Globe Theater aus London auf seiner ersten Welttournee zurzeit in beinahe alle Länder der Erde – ausgenommen Nordkorea. Bis zum 23. April will die Theatergruppe in den geplanten 205 Ländern und auch in einem jordanischen Flüchtlingscamp auftreten. Dabei war ja erst 2014 Shakespeare-Jahr, der 350. Geburtstag; auch mit Büchern wie Neil MacGregors „Shakespeares ruhelose Welt“ oder Hans-Dieter Gelferts „William Shakespeare in seiner Zeit“, die beide im C. H. Beck Verlag erschienen sind. Und nun wieder Shakespeare; in unserer in Nebenfiguren verliebten Zeit stehen all die Kleinen, Schwachen oder Kauzigen mit auf der Bühne, noch einmal landauf und landab.

Dieser 400. Todestag – „das letzte große Abenteuer“ sieht der Manager eines gigantischen Filmprojekts im Auftrag des Globe Theaters, das mit 37 Filmen a zehn Minuten Leben und Werk Shakespeares verarbeiten will. Aber schon jetzt ist klar, Shakespeare, der unerreichbare, der die Menschen wie kein anderer Dichter kennt, wird immer gegenwärtig bleiben.

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