Kommentar: Kein Leben in Disneyland

Von Burkhardt Gorissen

Morgen, am 17. Juli, ist es soweit: Disneyland, die amerikanische Mutter aller Freizeit- und Vergnügungsparks, feiert 60. Geburtstag. Da wird die Werbetrommel natürlich kräftig gerührt: Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Auf einer Fläche von sage und schreibe 34 Hektar sollen schließlich auch die Kinder des 21. Jahrhunderts erleben, was bereits ihre Eltern, Großeltern und vielleicht schon Urgroßeltern in den Bann zog: Von Micky Mouse bis Donald Duck, von Indiana Jones bis Winnie Puuh. Die Grenzen von Phantasie und Wirklichkeit, Natur- und Märchenfilmen, Nostalgie- und futuristischem Zeichentrickdesign waren im „Magic Kingdom“ (Magisches Königreich), wie der Park gern genannt wird, stets fließend.

Als Disneyland – gelegen im kalifornischen Orange County, nicht weit von Los Angeles entfernt – 1955 eingeweiht wurde, wünschte sich Gründer Walt Disney (1901–1966), es solle „eine Quelle der Freude und Inspiration für alle Welt“ sein. Die Rechnung ging auf. Inzwischen gibt es Disneyland auch in Asien und Europa. Ein globaler Boom, der paradoxerweise dazu geführt hat, dass der erste und älteste Park mit 16,7 Millionen Besuchern im Vorjahr nur den dritten Platz der weltweit populärsten Freizeitparks nach Tokyo Disneyland (17,3 Millionen) und Disney World in Florida (19,3 Millionen) einnahm. Doch kein Grund zur Panik! Auch beim Geburtstagskind geht noch was. Mehr als 500 neue Souvenirs und Geschenkartikel erwarten die Besucher 2015: Leuchtende Minnie-Mouse-Ohren für 25 Dollar, ein mit Strass besetzter Mickey-Mouse-Handschuh für 195 Dollar – immerhin geht es um eine „Diamond Celebration“ (Diamantenfeier). Das absolute Luxus-Highlight ist aber eine kristallbesetzte Miniatur-Nachbildung des berühmten Dornröschenschlosses für 37 500 Dollar. Bei solch einem hochgetourten Marketing könnte man glatt vergessen, wieviel Elend in der Welt sich durch die Unsummen hätte lindern lassen. Aber wir wollen nicht zu sehr den moralischen Zeigefinger heben. In Disneys schöner kapitalistischer Traum-Welt dreht sich alles doch nur ums Spaßhaben, oder? Koste all das Banale auch, was es wolle. Micky Mouse zählt nun mal neben Hamburgern, Coca Cola, Kaugummi und Jeans zu den großen kulturellen Glanzleistungen unserer amerikanischen Freunde. Disneys Mäuse, Enten und diverse andere Spielgefährten halfen, den Rest des Globus zu amerikanisieren.

Dabei ist der Einfluss des Disney Konzerns noch viel größer, als man ohnehin schon denkt. Das Entertainment-Imperium mit dem Jahresumsatz von 45 Milliarden US-Dollar besitzt schließlich nicht nur Parks und Klimbim, sondern dazu eigene Fernseh- und Kabelsender, TV-Produktionsfirmen, eigene und übernommene Filmstudios, wie zum Beispiel „Touchstone Pictures“, „Lucasfilm“ oder „Marvel Studios“. Von daher darf man sich auch (in Europa) nicht wundern, wenn man mit manchen Stars und Sternchen auf allen Kanälen konfrontiert wird. Heißen diese nun Britney Spears, Miley Cyrus, Lindsay Lohan oder Macaulay Culkin. Oft wurden diese Sänger und Schauspieler schon früh von Disney entdeckt und als Kinderstars in Filmen oder Fernsehserien aufgebaut. Irgendwann kam dann der Absturz oder das einst unschuldige Image des Stars wurde neu designt, was auf die Dauer auch auf die seelische und körperliche Gesundheit schlagen kann. Es geht, da muss man sich nichts vormachen, bei Disney nicht um Pädagogik oder Kunst, sondern ums knallharte Geschäft. Die fast schon skrupellose Dimension des amerikanischen Traums. An diesem nehmen diejenigen, die in den internationalen Zulieferbetrieben des teuren Spielzeugs arbeiten, definitiv nicht teil. Doch das ist ein Thema, worüber man bei Disney nicht gern spricht. Erst recht nicht zum Geburtstag.

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