Kommentar: Google in Nordkorea

Von Alexander Riebel

Ist Nordkorea wirklich bereit zu einer Kulturrevolution? Das schien Nordkoreas Staatsoberhaupt Kim Jong-un mehrmals anzukünden, indem er immer wieder kleine neue Freiheiten in Aussicht stellte. Aber was in dem kommunistischen Land wirklich passieren wird, ob ein besseres Telekommunikationsnetz oder mehr private Wirtschaftsinitiativen, das bleibt unklar. Schon mehrmals meinte die neue Führung in Pjöngjang, kleine Fortschritte wieder zurücknehmen zu müssen, weil es ihr offensichtlich zu schnell ging. Überraschend war jetzt der Besuch des Google-Vorsitzendem Eric Schmidt in der Kim Il Sung Universität Anfang dieser Woche. Für japanische und angelsächsische Zeitungen war das immerhin so interessant, dass sie mit meist langen Fotostrecken im Internet den Besuch dokumentierten. Denn wann hat man schon aktuelle Bilder aus Nordkorea von westlichen Kamerateams?

Aber so unklar dieses Land ist, so unklar sind auch die wirklichen Hintergründe für den Überraschungsbesuch von Eric Schmidt. Das amerikanische Außenministerium zeigte sich unzufrieden und nannte den Vorstoß „wenig hilfreich“ weniger als einen Monat nach dem Start einer nordkoreanischen Langstreckenrakete. Und welche Rolle spielt der ehemalige Gouverneur des Bundesstaates New Mexico, der Schmidt begleitet hat? Der sagte überraschenderweise, es handle sich nicht um eine „Google-Reise“, aber er sei sicher, dass Schmidt an einigen ökonomischen Aspekten Nordkoreas interessiert sei, besonders an den sozialen Medien. Immerhin hat sich Richardson nach dem Status von Kenneth Bae erkundigt, einem nordkoreanischen Amerikaner, der seit einigen Monaten inhaftiert ist. Weiter hat zur Verwirrung Professor Charles Armstrong beigetragen, zuständig für koreanische Studien an der Columbia Universität in New York und ebenfalls im Besucherteam. Armstrong meinte: „Das ist seltsam: es macht keinen Sinn für einen Google-Chef, Amerikaner aus Nordkorea zu retten. Offensichtlich muss es da noch eine andere Agenda geben, über die niemand spricht.“

Bleibt also die Vermutung, dass es schlicht um die Erschließung eines neuen Marktes für Google geht. Denn Nordkorea, in dem die Industrialisierung fortschreitet, braucht auch ein verlässliches Internet. Die Regierung wäre hilflos, würde ihr Informationssystem nicht funktionieren. Ebenso brauchen Wissenschaftler freien Zugang zum Netz. Jared Cohen, Direktor des Google Ideas think tank, der ebenfalls mit nach Pjönjang kam, fragte einen Studenten in der Universität, woher er Informationen beziehe. Der klickte auf Google und sagte: „Da arbeite ich“. Cohen gab dann „New York“ ein und antwortete: „Da wohne ich“. Offensichtlich sind westliche Informationen, wenn auch in zensiertem Umfang, erreichbar.

Noch ein weiteres ist in diesem Zusammenhang interessant. Google-Chef Schmidt wird gemeinsam mit Jared Cohen im April sein Buch „New Digital Age“ (Das neue digitale Zeitalter) veröffentlichen. Damit formuliert er seine Agenda. Das digitale Zeitalter ist mehr als ein Medienphänomen oder eine Sache des Internets. Der Gedanke der Vernetzung ist ein kulturelles Phänomen, das dazu angetreten ist, Schattenbereiche im sozialen Leben der Menschen zu beseitigen und die soziale Ordnung zu verbessern. Vernetzung muss zwischen Menschen, Staaten, Kulturen und eben im Internet stattfinden. Immerhin hat Nordkorea die Erlaubnis für den Besuch der kleinen Delegation gegeben. Das ist ein Hoffnungsschimmer für die Menschen, nicht zuletzt für die verfolgten Christen in dem weitgehend isolierten Land. Schmidt selbst beschreibt seine Reise als eine „private, humanitäre Mission“. Immerhin traf er auch Beamte des Außenministeriums und betonte die Wichtigkeit eines freien Zugangs zum Internet.

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