Kommentar: Disharmonische Gottesfrage

Von Stephan Baier

„Wir sollten einmal wieder miteinander reden“, sagt Herr K. am 49. Hochzeitstag zu seiner Frau, die gerade den Abwasch erledigt. „Ja, gute Idee! Früher haben wir ja auch immer so schön miteinander geredet“, sagt Frau K., woraufhin sich zwischen den Eheleuten ein Gespräch entwickelt, wie schön das doch oft war, wenn man „wirklich miteinander geredet hat“. Ist das Reden über das Reden bereits ein Miteinanderreden? Zweifellos. Und dennoch stimmt es (den Therapeuten und den klugen Enkel) nachdenklich, wenn Frau und Herr K. vom Reden über das Reden nicht zu einem Reden vordringen, bei dem sie sich selbst, ihre Sorgen und Wünsche, ihr jeweils und auch ihr gemeinsam Eigenes zur Sprache bringen.

Nicht unähnlich verhält es sich mit dem interreligiösen Dialog, der noch nicht weit gediehen ist, wenn alle an ihm Beteiligten sich selbst, sich wechselseitig und dem lauschenden Publikum versichern, wie klar und eindeutig sie sich zum interreligiösen Dialog bekennen. Wie das eingangs geschilderte Reden des alternden Ehepaares sind solche interreligiösen Dialogrituale nicht nichts. Sie sind fruchtbarer, konstruktiver und sinnvoller als sich aus dem Weg zu gehen. Doch spätestens dann, wenn jeder Dialogpartner sich ausführlich zur Sinnhaftigkeit, Zeitgemäßheit und Dringlichkeit des interreligiösen Dialogs bekannt hat, muss irgendwer laut und deutlich sagen: „Also gut, dann fangen wir jetzt damit an!“

Dieser Befreiungsschlag hat bei den allseitigen rhetorischen Umarmungen, die der Besuch des Dalai Lama in Österreich aktuell auslöst, bisher gefehlt. In Salzburg haben sich der auch von den säkularsten Medien als „Seine Heiligkeit“ gefeierte Dalai Lama, der Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser, der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, ein jüdischer Rabbiner und eine evangelische Superintendentin wortreich zum interreligiösen Dialog wie auch dazu bekannt, dass die Religionen für den Frieden einzutreten haben. Das alles ist so harmonisch wie das Lächeln des Dalai Lama, und kratzt doch – bei aller Wertschätzung der Harmonie – allenfalls sanft an der Wahrheitsfrage. Da sagte etwa der Salzburger Erzbischof: „Katholisch sein heißt, aufmerksam zu sein für das Wahre und Heilige, das Schöne und Gute, das sich in unterschiedlichsten Religionen zeigen kann.“ Das ist nicht falsch, weil nach katholischer Lehre der Schöpfergott dem Menschen nicht nur die Sehnsucht nach dem Wahren, Heiligen, Guten und Schönen ins Herz gesenkt hat, sondern auch die nötige Vernunft gab, dies alles – und laut Erstem Vatikanum auch Ihn selbst – aus den geschaffenen Dingen zu erkennen. So ist es nur logisch, dass sich Wahres, Heiliges, Gutes und Schönes in den Religionen der Welt findet, denn die Religionen sind systematisiertes und ritualisiertes Ausstrecken des Menschen nach Gott. Und doch besagt das obige, in sich korrekte Kothgasser-Zitat nicht viel mehr als die Aussage: „Fußball ist, wenn wir gemeinsam auf dem Rasen spielen.“

Wie aber kann der interreligiöse Dialog vom Reden über das Reden zum Reden über die je eigene Identität, über Gemeinsames und Unterscheidendes vordringen? Indem ein christlicher Gesprächspartner ergänzt, dass es neben dem allen Religionen gemeinsamen Ausstrecken des Menschen nach Gott auch das Ausstrecken Gottes nach dem Menschen gibt. Darauf, auf der souveränen Selbstoffenbarung Gottes – nicht etwa auf meditativem oder spirituellem Hochleistungssport – beruhen Judentum und Christentum, und in muslimischer Selbstsicht auch der Islam. Erst wenn dieses Eigene zur Sprache kommt, kann sich eine abrahamitische Erkenntnis Bahn brechen: dass der interreligiöse Dialog an der Frage nach der Wahrheit Gottes nicht vorbeikommt, weil sich die Frage nach der Wahrheit des Menschen ohne die Gottesfrage nicht beantworten lässt.

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