Kommentar: Die Sowjetunion als Ideal

Von Alexander Riebel

Hat Russland nichts aus der Geschichte gelernt? Das Land scheint sich von der Idee der Sowjetunion nicht trennen zu wollen. Obwohl die Bürger von ihrer Prägung durch die Sowjetunion loskommen möchten, die ihren Alltag noch bestimmt, werden sie weiterhin an das kommunistische Imperium erinnert.

In Uljanowsk, 900 Kilometer südöstlich von Moskau, soll ein gigantisches „Museum der Sowjetunion“ entstehen. Uljanowsk ist die Geburtsstadt Lenins, der 1922 die Sowjetunion gründete. 2022 soll das Museum fertig sein – zum hundertsten Jahrestag des Imperiums, und es wird sicher nicht das Grauen der kommunistischen Vergangenheit in den Mittelpunkt stellen – den Mord an Millionen Bauern, das Elend in den Zwangslagern, die Umerziehung zum materialistischen Weltbild. Stalin war es, der den Personenkult um Lenin aufbrachte und das Konstrukt des Marxismus-Leninismus erfand mit dem Ziel der proletarischen Revolution.

Das Projekt wird gigantisch auf einer Fläche von 170 Fußballfeldern. Touristen aus aller Welt sollen zu einem Komplex aus Museen, Geschäften und einem „Park der Völkerfreundschaft“ angelockt werden. Die umgerechnet 1,38 Millionen Euro sollen sich rechnen. Doch wer glaubt letztlich noch an die Ideale der Sowjetunion? Immerhin liegt das Museum auf der Linie des Kreml und der russische Präsident Putin hatte den Zusammenbruch des Sowjetimperiums als die größte geopolitische Katastrophe des vorigen Jahrhunderts bezeichnet. Außerdem hielt er die sowjetische Nationalhymne für gut genug, sie mit neuem Text wieder einzuführen.

Lenin hat einst selbstbewusst erklärt: „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren lässt.“ Offenbar will die russische Regierung an diesem „harmonischen Weltbild“ mit aller Kraft festhalten. Dabei wäre es eine gute Chance, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dass dies nicht geschieht, hat der städtische Projektleiter Sergej Lakowski bereits eingeräumt. Lenins Auffassung, erst der Materialismus von Marx habe „den Ausweg aus der geistigen Sklaverei gewiesen“, war falsch. Der Marxismus hat die Welt verdunkelt. Und schließlich geht es in Uljanowsk um ein großes Geschäftsmodell, das Lenin sicher nicht gefallen hätte.

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