Kommentar: Die Gesellschaft ist schon links

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ macht nochmal richtig Wahlkampf. Das Titelthema der Ausgabe ist „Warum rückt das Land nicht nach links?“ Nun, man könnte einfach antworten: Weil es schon links ist. So fragt ein amerikanischer Autor in der Zeitung, Caspar Shaller, warum die deutsche Jugend Merkel wählt, anstatt mit Wut auf die Straße zu gehen und linke politische Forderungen zu stellen. Auch hier lässt sich antworten, das ist offenbar deshalb so, weil Merkel der Jugend bereits links genug ist. Was sie erst kürzlich mit ihrer Wegbereitung für die Homo-„Ehe“ wieder bewiesen hat. Merkels einlullender Satz, „Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut wie im Augenblick“, ist im Ausland schwerer verständlich als hier. Jedenfalls widerspricht Shaller energisch, wenn er an die Kaffeeausschenker, Paketverteiler, Pizzaboten denkt, die mit ihren „Bullshit-Jobs“ nicht am „blühenden Arbeitsmarkt“ beteiligt seien. Hierzu passt ein Gedanke in dem Artikel, der interessanter als der Rest ist und sich auch eng mit Merkels Aussage verbindet. Nämlich dass die Kapitalismuskritik in Deutschland sich nicht mehr mit Verve gegen den Staat richtet, sondern sie nimmt den Einzelnen ins Visier. Der beseitigt alle Nöte mit der Idee, dass Geld und Besitz nicht wichtig und diese neue Welt noch schöner als die alte sei: „Vor dieser Künstlerkritik muss Angela Merkel keine Angst haben“, meint Shaller.

Aber was ist dieser freiwillige Machtverzicht auf finanzielle Sicherheit anderes als das selbst erschaffene Paradies einer linken Welt? Eine Utopie, die sich jeder selbst verwirklichen kann, ganz ohne Klassenkampf, jedoch, wie der Frankfurter Schule-Philosoph Adorno sagen würde, im falschen Bewusstsein. Aber daran stört man sich heute nicht mehr. Kommunismus in den eigenen vier Wänden oder einfach im Kopf und mit den Gleichgesinnten; das scheint heute zu genügen, um die Jugend zu befrieden, die nicht wie in Frankreich, England, Spanien oder Amerika auf die Straße geht. Und wieder beantwortet sich das Titelthema der „Zeit“ von selbst: Die deutsche Jugend ist auf ihre Weise links und muss nicht mehr laut sein, wie Shaller fordert. Darum muss sie auch nicht mehr links wählen. Oder nochmals Adorno: Nur die Deutschen halten ihre Ideen für real – die Vorstellung von Kritik sei bereits die Verwirklichung von Kritik.

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