Kommentar: Das Lächeln der Geschichte

Von Stefan Meetschen

„Ein Lächeln liegt auf diesem Land“, sang Herbert Grönemeyer Mitte der 1980er Jahre. Er meinte damit Bundeskanzler Helmut Kohl, der am 1. Oktober 1982 mithilfe eines Misstrauensvotums an die Macht gelangt war. Mit dem Anspruch, eine „geistig-moralische Wende“ einzuläuten. In „diesem, unserem Lande“. Schnell sah man, dass dies nur Worte waren. Ob Flick-Affäre, Familien- und Rentenpolitik: Der Mann aus der Pfalz war kein geistiger Gestalter, kein Mann für eine Politik mit Weitblick. „Nur wer aussitzt, der kommt weiter“.

Dass ausgerechnet dieser Kanzler, „Birne“, wie man gemeinhin sagte, einmal der „Kanzler der Einheit“ werden sollte, der „große Europäer“ – damals undenkbar. Kohl wurde zwar wiedergewählt, setzte sich gegen alle äußeren und internen Gegner durch, doch sein Format als Staatsmann überschritt trotz enormer Körperfülle niemals das seines Vorgängers Helmut Schmidt. Kohl wirkte weltfremd, provinziell, bieder. Man duldete ihn lediglich als Tankwart des allgemeinen Wohlstands, als unbewegten Erhalter der gefühlten materiellen Sicherheit.

Dies änderte sich mit dem Fall der Mauer. Wenn auch nicht auf Anhieb. Ob Willy Brandt, Walter Momper, Hans-Dietrich Genscher, Friedrich von Weizsäcker – sie alle wurden vor dem Schöneberger Rathaus im November 1989 gefeiert, nur Kohl bekam Buhrufe. Er schien wie immer nicht Herr der Lage zu sein, zu spät zu kommen. Ohne Sinn für den richtigen Moment. Heute wissen wir: Es kam anders. Während Lafontaine, Grass und andere Linke weiter über zwei souveräne Staaten schwadronierten, gelang Kohl der vaterländische Coup. Aus Kohl, dem unfähigen Enkel Konrad Adenauers, wurde der Bismarck des 20. Jahrhunderts. Der Rest ist Geschichte, oder „Gechichte“, wie „Birne“ immer zu sagen pflegte. Darüber lachte in den 1990er Jahren niemand mehr. Selbst zu Beginn der rot-grünen Regierung 1998 hatte man den Eindruck, Kohl würde weiterregieren. So oft verneigten sich die Gewählten vor ihm. Bis zum Spendenskandal, bis zum Ehrenwort. Da flammte noch einmal kurz der Prä-Wende-Kanzler auf.

Jetzt hat Helmut Kohl die CDU/CSU-Fraktion in Berlin besucht. Im Rollstuhl, mit einem kantig-straffen Gesicht, das wie seine eigene Totenmaske wirkt. Die Zeit des Lächelns ist endgültig vorbei.

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