Kommentar: Das Geschlecht geheimgehalten

Von Alexander Riebel

Seltsam und „auch irgendwie paradox“ fand es die Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (30.5.), dass wir das Verschwinden der Geschlechterdifferenz befürchten; und die wie auch das Rauchen und die Prostitution einmal der Vergessenheit anheimfallen würde. Gänzlich seltsam ist es dagegen, wenn die Geschlechterdifferenz bewusst beseitigt wird. Das versucht zurzeit die Familie Witterick im kanadischen Toronto. Schon vor der Geburt ihres Kindes hat sie ihren Freunden per Mail angekündigt, das Geschlecht ihres Kindes zu verheimlichen. Niemand sollte zur Geburt blaue oder rosa Luftballons schicken. Nun, fünf Monate nach der Geburt, lässt sich an den blonden Haaren und blauen Augen das Geschlecht nicht entscheiden. Zumal der etwas ältere Bruder verwirrt, der mit Zöpfen und Pony wie ein Mädchen wirkt.

Storm heißt das Baby und hat in der Tat eine Sturm hervorgerufen. Kanadische Zeitungen und Fernsehsender sind empört und führen hitzige Diskussionen über den Sinn der Geschlechter. Auch die Internetseite parentdish.com hat den Fall ausführlich mit den Medienreaktionen kommentiert. Die Wittericks selbst erklärten gegenüber dem „Toronto Star“: „Wir haben beschlossen, Storms Geschlecht zunächst nicht mitzuteilen..., ein Tribut an die Freiheit und Wahl an einem Ort der Einschränkung, ein Aufstand für das, was die Welt zu Storms Lebenszeit werden könnte (ein fortschrittlicherer Ort?...).“ Glenn T. Stanton, Direktor der Family Formation Studies in Colorado Springs und Buchautor von „Secure daughters, confident sons“ („Schütze Töchter, vertraue Söhnen“), spricht ganz richtig von einem verfehlten Verständnis von Menschlichkeit und verweist auf die Hirnforschung, die zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen unterscheide. Was hier in Toronto geschieht, ist ein Experiment am Menschen. Verursacht durch die Lektüre der Kurzgeschichte „X: A Fabulous Child's Story“ (1972) von Lois Gould, die Storms Mutter Kathy einst gelesen hatte. Literatur darf aber nicht auf die Wirklichkeit übertragen werden. Zumal die erziehenden Eltern sich nicht davon distanzieren können, das Geschlecht ihres Kindes zu kennen. So wird die Tragödie auch noch zur Groteske. Befürworter sagen, es genüge doch, dass es ein Mensch ist, aber welche Experimente sind noch zu erwarten?

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