Kommentar: Danke, Euer Majestät

Von Johannes Seibel

Sie ist so anti-modern, dass sie schon wieder post-modern ist: Die Königin von England sitzt seit sechzig Jahren auf ihrem Thron. Dieses Jubiläum feiern Queen Elizabeth II. und das Vereinigte Königreich gerade.

Mag sein, dass die Feierlichkeiten die Menschen in aller Welt bloß als hübsche Folklore beeindrucken. Mag sein, dass das Ereignis schlicht ein popkulturelles wie jedes andere von einem Madonna-Konzert in Tel Aviv bis hin zur Goldenen Palme in Cannes ist, das eben eine auf Prominente fixierte Massengesellschaft zur Unterhaltung braucht. Mag auch sein, dass das Königtum in England einfach mit seiner Schrulligkeit für Einschaltquoten sorgt – in der ungebrochenen globalen Bewunderung für Queen Elizabeth II. steckt jedoch mehr, viel mehr.

Es ist die Sehnsucht nach Beständigkeit. Es ist die Sehnsucht nach dem Unveränderlichen in einer sich immer rasender verändernden Welt. Es ist die Sehnsucht nach etwas, was schon immer so war. Diese tieferen Sehnsüchte legt Queen Elizabeth II. durch die ihr entgegengebrachte Bewunderung offen.

Queen Elizabeth II. ist der lebende Widerspruch gegen vieles, was das moderne Lebensgefühl vermeintlich so attraktiv macht. Sie ist eine überzeugte Repräsentantin einer Institution – wo angeblich Institutionen heute als zu schwerfällig gelten, um der Vielfalt der Lebensstile und der Freiheit des Individuums gleichermaßen gerecht werden zu können, heißt es. Weshalb aber kommen der Queen und der konstitutionellen Monarchie Englands dann die Bewunderer nicht abhanden?

Queen Elizabeth II. ist der lebende Widerspruch gegen den Imperativ einer Medialisierung aller Lebensverhältnisse, wonach allein noch durch Emotionalisierung und Personalisierung Öffentlichkeit hergestellt, eine Gesellschaft aktiviert werden kann, heißt es. Die englische Königin enthält sich der Emotion, ist die Sachlichkeit in Person. Sie gibt keine persönlichen Wasserstandsmeldungen zu ihrer eigenen Lage und der der Politik ab, sondern respektiert vorgegebene Regularien. Und? Bei allem Respekt – die Erinnerung an die tödlich verunglückte, als „Königin der Herzen“ titulierte Prinzessin Diana, die das englische Königshaus so sehr modernisiert haben soll, ist verblasst und verblasst zusehends. Vorbild dagegen ist Queen Elizabeth II. geblieben. Queen Elizabeth II. schließlich ist der lebende Widerspruch gegen die Denunziation der Tradition und des Stils als unzeitgemäß und fortschrittshemmend. Die Königin hat sich nicht den Moden, nicht einer „Häresie der Formlosigkeit“ (Martin Mosebach) ergeben – weder im persönlichen Erscheinungsbild, noch in ihrer Regierung. Sie steht unbeirrt für die normative Kraft des Klassischen, dessen Rehabilitierung heute längst wieder vonnöten ist. Insofern sie das Bewahrenswerte bewahrt, erinnert sie alle Welt daran, dass Normen und ihre nicht stündlich hinterfragte Geltung helfen, im reißenden Strom des immer Gegenwärtig-Sein-Müssens, des Up-to-date-Sein-Müssens nicht unterzugehen.

Sechzehn Jahre Helmut Kohl als Bundeskanzler, sechsundzwanzig Jahre Johannes Paul II. als Papst in Rom, sechzig Jahre Königin Elisabeth II. von England – man mag diese Persönlichkeiten mögen oder nicht, aber sie haben jede auf ihre Art die jüngste Vergangenheit geprägt, in der es sich gut leben ließ. Dies illustriert, wie lebensnotwendig für die menschliche Existenz solche Konstanten der Orientierung sind, an denen man sich durchaus mit einer anderen Meinung abarbeiten kann, damit die so fruchtbare Dialektik von Beharrung und Fortschritt, von Konservativismus und Progressivismus, von Restauration und Revolution nicht aus dem Gleichgewicht gerät.

Danke, Euer Majestät.

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