Kirche digital

Wie der neue Kommunikations- und Medientrend der Digitalisierung kirchlicher Pastoral auf die Sprünge helfen kann. Von Martin Wichmann
Pope Francis General Audience
Foto: dpa | Kann man Digitalisierung gewinnbringend nutzen? Papst Franziskus kann. Für einige Gläubige ist er zu einem wahren Medienstar avanciert.

Digitalisierung“ ist in aller Munde. Sie ist das derzeit beliebteste Responsorium aller Kongresse und Tagungen. Ungeachtet der gebetsmühlenhaften Inbrunst: die damit verbundenen Intentionen unterscheiden sich doch erheblich.

Die Implikate der neuen Technik, nämlich Universalität und Globalität, kommen einer katholischen Weltsicht eigentlich entgegen. Dennoch ist in kirchlichen Kreisen eine gewisse Reserviertheit zu spüren.

Digitalisierung ist ein vielschichtiges Phänomen

Zunächst wird man gut beraten sein, die Geister zu unterscheiden. Denn mit dem Begriff Digitalisierung wird ganz Unterschiedliches bezeichnet. Meist ist damit schlicht moderne technische Ausstattung gemeint: leistungsstarke Computer, schnelle Verbindungen, Vernetzung. In dieser Bedeutung gibt es das schon lange und alle profitieren davon. Analoges Fernsehen? Ist Geschichte. Mobil telefonieren? Geht ohne Digitalisierung gar nicht.

„Digitalisierung“ steht aber auch für eine Verdichtung der Kommunikation, die viele überfordert. Wir schreiben keine Briefe mehr, sondern Mails. Die frühere Erwartung eines Zeitgewinns erfüllte sich nicht, wir schreiben einfach viel mehr Mails als früher Briefe. Noch mehr gilt das für alle anderen neuen „Kanäle“: SMS, messenger, social media. Die Möglichkeiten der Kommunikation sind enorm gewachsen, dadurch verändert sich das Miteinander und die Gesellschaft. Viele erfreuen sich an den neuen Möglichkeiten, andere sind überfordert und genervt. Die meisten Menschen nutzen nur einen Bruchteil der vorhandenen Möglichkeiten. Digitalisierung in diesem Sinne bezeichnet also einen leicht zugänglichen Möglichkeitsraum, aber keineswegs allgegenwärtige Lebenswelt – allen Beteuerungen (oder Befürchtungen) zum Trotz.

Mit Digitalisierung kennzeichnen drittens viele Organisationen ihre Absicht, das, was sie ohnehin schon (analog) tun, auch digital anzubieten. Zeitungen gibt es zusätzlich online und als e-book, Hotels kann man schriftlich, telefonisch und online buchen. Fahrkarten sind am Schalter, am Automaten und online zu kaufen. Das bekannteste kirchliche Angebot dürfte die App fürs kleine (und seit 2018 auch fürs große) Stundenbuch sein. Die gedruckten Bände sind natürlich weiterhin erhältlich.

Mit Digitalisierung sind aber auch jene neuen Möglichkeiten angesprochen, die es nur aufgrund der Digitalisierung gibt. Hier stehen wir historisch erst am Anfang. Die Visionen sind groß, der tatsächliche Nutzen noch überschaubar, in zehn Jahren wissen wir mehr. Ein Aspekt ist die umfassende „Vermessung der Welt“ als ganzer, aber auch jedes Einzelnen darin. „Profile“ mit mehr oder minder ungenierter Selbstdarstellung dokumentieren und quantifizieren schon heute das Leben vieler Menschen, meist unbemerkt. Besorgte fühlen sich überwacht und in ihrer Freiheit beschnitten. Euphorische feiern die Möglichkeiten zur Selbstoptimierung und Partizipation. All das ist Digitalisierung.

Die technischen Grundlagen sind für Laien ebenso faszinierend wie auch für Fachleute nur noch partiell nachvollziehbar. Die elementarste Grundoperation könnte dabei einfacher und katholischer nicht sein (vgl. Mt 5, 37). Eine glasklare Unterscheidung, Null oder Eins, ohne Raum für Unschärfen oder gar Unentschiedenheit. Mit hoher Geschwindigkeit und anhand formaler Regeln prozessiert, lässt sich damit eine beeindruckende Komplexität entfalten. Dazu zählen auch jene (für Außenstehende rätselhaften) Paradoxien, die die Systeme so universell einsetzbar und soziokulturell anpassungsfähig halten. Digitalisierung ist neu, das dahinterliegende Strukturprinzip jedem Katholiken geläufig.

Digitalisierung als Chance für die kirchliche Pastoral

Wer Digitalisierung auf industrielle Optimierung reduziert, wird die Chancen für die kirchliche Pastoral vermutlich übersehen. Denn Digitalisierung ist viel mehr: Sie ist Weltzugang, universell übersetzbarer Code, Vernetzung aller mit allen, sie „ist“ Kommunikation. Wer wollte es bestreiten: Auch Pastoral war immer schon mehr als Homilie und materiale Verkündigung. Pastoral ist soziale Interaktion, gesellschaftliche Inkulturation, communiale Integration und damit einhergehend: Komplexitätsaufbau mit klaren Unterscheidungen und anhand abstrakter Prinzipien, die ihre Stärke erst in der lebenspraktischen Anwendung, in der Wiederholung, in der Weitergabe und Übersetzung erweisen.

Kann man Digitalisierung gewinnbringend für die Pastoral nutzen? Zweifellos, weil über die neuen Kommunikationsräume Personen ansprechbar werden, die niemals in einer Kirchengemeinde oder gar bei einer Katechese vorbeischauen würden.

Angesichts der Dynamik könnte man zum Abwarten raten, bis erkennbar wird, wohin die Reise geht. Das ist eine riskante Strategie, für die auch namhafte Wirtschaftsunternehmen schon Lehrgeld zahlen mussten. Die Erzdiözese Freiburg hat 2019 ein eigenes Referat eingerichtet, um die bereits vorhandenen Initiativen aufzunehmen und neue Ideen zu entwickeln. Um zumindest nicht den Anschluss zu verlieren. Das ist keine technische, sondern eine pastorale Herausforderung. Dazu braucht es Mut für Experimente und auch eine gewisse Risikobereitschaft. Nicht alles, was zunächst gut klingt, lässt sich am Ende auch verwirklichen.

Nach meiner Erfahrung liegen die Grenzen derzeit vor allem in der Distanz der kirchlichen Akteure zu den neuen Techniken. Welche Pfarrei hat schon eine (gepflegte und aktuelle!) Webseite? Welche ist schon auf facebook, pinterest, instagram unterwegs? Wie viele Seelsorger nutzen selbstverständlich untereinander messenger-Dienste, um sich im Alltag zu koordinieren? Viele Kirchenleute scheuen (oder, das gibt es auch: idealisieren) die neue Technik, kennen sie aber nicht wirklich aus eigener Erfahrung und Nutzung. Meist werden nur eng begrenzte Arbeitsabläufe digital erledigt.

Die Herausforderung von „Digitalisierung und Pastoral“ liegt daher nicht im Beschaffen neuer Geräte oder Programme, sondern in einer Art renovabis, sozusagen einer Hilfe zur Selbsthilfe, für eine Erneuerung des Überlieferten in die Jetztzeit.

Der Autor ist Referent für „Pastoral und Digitalisierung“ im Erzbistum Freiburg

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