Kinder wurden zu Vollstreckern des Todes gemacht

Zwei Bücher mit erschütternden Texten von Holocaust-Betroffenen, beide fast gleich alt, als sie in die Tötungsmaschinerie der Nazis gerieten. Von Ilka Scheidgen

Die eine: Französin, fünfzehnjährige Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie polnischer Herkunft, die zusammen mit ihrem Vater ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde. Nur drei Kilometer sind die beiden voneinander entfernt, ständig in der Ungewissheit: was geschieht mit dem anderen.

Die andere: eine vierzehnjährige orthodox gläubige Polin, die seit dem Überfall der Nazis auf Polen im Ghetto von Lodz leben musste und wahrscheinlich ebenfalls ins Lager Auschwitz-Birkenau kam.

Die Französin Marceline Loridan-Ivens, 1928 als Marceline Rozenberg geboren, wurde zusammen mit ihrem Vater im März 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie überlebt, der Vater nicht. Siebzig Jahre hat sie gebraucht, um diese erschütternde und zu Herzen gehende Aufzeichnung zu schreiben. Obwohl sie als Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin auch über den Holocaust geschrieben und gearbeitet hat, unter anderem den Film „Birkenau und Rosenfeld“ (2004), hat diese sie persönlich zutiefst bedrückende Wahrheit, dass nämlich ihr Vater die Konzentrationslager nicht überlebt hat, während sie weiterleben durfte, nach langen Jahren des Verschweigens und Verdrängens der unerbittlichen Wahrheit von Gaskammern zwischen ihrem Vater und ihr ihm einen Liebesbrief geschrieben: „Und du bist nicht zurückgekommen“. Doch er wird ihn nie lesen können. Wohl aber wir, die Leser. Wieviel Kraft es gekostet haben muss, vom eigentlich Unsagbaren zu sprechen. Das ging wohl nur über diesen Weg einer direkten Ansprache zu einem, der selbst das Grauen bis zum letzten Atemzug erleben musste. Denn nach ihrer Rückkehr merkte Marceline sehr bald, dass niemand sie verstehen konnte und vielleicht auch nicht wollte, weil ja wieder zu einer gewissen Normalität zurückgefunden werden sollte nach Kriegsende. Dass nicht einmal ihre Mutter sie verstehen konnte, war ein zusätzlicher schwerer Kummer.

„Aber ich weiß, Gott wird mir helfen!“

„Die Krematorien liefen auf Hochtouren, sie quollen derart über, dass Flammen und nicht Rauch aus den Kaminen drangen.“ Doch um zu verhindern, dass die Alliierten diese Signale sahen, änderten die Nazis ihre Methode. „Die vergasten Körper endeten in den Gruben, die ich aushob, mit Benzin übergossen und von einer Schlange aus Flammen zu Asche verbrannt, Flammen zu ebener Erde, unsichtbar vor dem Feind.“ Die Nazischergen machten Kinder zu Vollstreckern des Todes. „Ich stand im Dienst des Todes. Ich war seine Kiste gewesen. Dann seine Hacke.“ Da konnte nur eins zum Überleben retten, wenn „das Gedächtnis zerbrach“.

Auch die vierzehnjährige Rywka Lipszyk (1929 geboren) muss in ihrem jungen Leben Leidvolles erleben: wie ihre Eltern im Ghetto an Auszehrung sterben und zwei ihrer Geschwister deportiert werden. Rywka bleibt mit ihrer kleinen Schwester Cipka bei ihrer Tante, die sich der verwaisten Kinder annimmt. Im Ghetto versucht sie, ihrem Leben einen Sinn zu geben inmitten der Entbehrungen und Drangsalierungen. Im Schreiben an ihrem Tagesbuch findet sie Trost in einem unerträglichen Dasein. „Schreiben! Nur schreiben! Dann vergesse ich das Essen und alles andere, alles Leid.“

Doch mehr noch hält ihr tiefer jüdischer Glaube sie aufrecht. Wie auch in dem berühmt gewordenen „Tagebuch der Anne Frank“ ringt hier ein junger Mensch um sein Selbstverständnis, doch unglaublich erschwert durch die Umstände unter nationalsozialistischen Herrschaft, die für Juden den sicheren Tod vorgesehen hat. Aber was dieses Tagebuch, das erst 1995 nach dem Tod der russischen Ärztin, die es wohl bei der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz an sich genommen und zeitlebens verwahrt hatte, so besonders macht, ist tatsächlich dieses unerschütterliche Gottvertrauen eines so jungen Menschen, der verwaist und einsam unter den schrecklichsten Umständen in einem Ghetto lebt: „Wie sehr ich Gott liebe! Ich kann mich immer und überall auf Gott verlassen, aber ich muss auch meinen Teil dazu beitragen, denn nichts geschieht allein! … Aber ich weiß, Gott wird mir helfen! Ach, wie gut, dass ich Jüdin bin, und wie gut, dass man mich gelehrt hat, Gott zu lieben… Für das alles bin ich dankbar! Ich danke dir, Gott.“ Das schrieb Rywka, als sie schon drei Jahre im Ghetto lebte und beide Eltern verloren hatte.

Dieses Tagebuch, ebenso wie das Buch von Marceline Loridan-Ivens sind aufrüttelnde Zeitdokumente über die dunkelste Zeit im 20. Jahrhundert. Dass sie im Jahre 2015, siebzig Jahre nach Kriegsende und dem Ende einer menschenverachtenden, mörderischen Diktatur erscheinen, sollte uns dankbar machen und zugleich wachsam. Dankbar für die Jahre in Freiheit und Demokratie. Wachsam für ein Wiedererstarken nationalistischer Strömungen, für Hass auf Andersdenkende, Andersaussehende. Ich glaube, wenn man diese Dokumente liest, mit wachem Verstand und einem Herzen, das sich von den bewegenden Lebensberichten ergreifen lässt, dann bildet sich wie von selbst ein feines Gespür für Gefahren heraus. Denn, so heißt es im Talmud: „Das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung.“

– Marceline Loridan-Ivens: Und du bist nicht zurückgekommen. Insel Verlag 2015, 210 Seiten, gebunden, EUR 15,–

– „Das Tagebuch der Rywka Lipszyc“. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2015, 237 Seiten, gebunden, EUR 22,95

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