Kinder wollen eine Welt voll Wunder

Gleich zwei Ausstellungen in Berlin über die Bedeutung von Medien für Kinder. Von Max-Peter Heyne
Foto: IN | Kleine Helden: Filmszene aus „Prinzessin Lilifee und das kleine Einhorn“.
Foto: IN | Kleine Helden: Filmszene aus „Prinzessin Lilifee und das kleine Einhorn“.

Zunehmend werden Medien zunehmend präsent; mit der Digitalisierung scheinen sie sich geradezu in bilder- und töne-gesättigte Luft aufzulösen, deren Einatmung sich niemand so recht entziehen kann – am wenigsten Kinder. Medienkompetenz wird daher immer wichtiger, Medienvermittlung erlebt als Thema einen Höhenflug in Pädagogik und Forschung. Soeben hat der mediendidaktische Verein „Vision Kino“ zusammen mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) und der Initiative „Film + Schule Nordrhein-Westfalen“ ein Modellprojekt gestartet, das darauf abzielt, Referendarinnen und Referendaren das nötige Grundlagenwissen über Filmproduktion und -Gestaltung zu vermitteln, um es im Unterrichtsalltag produktiv einsetzen zu können. Bis zu 80 Lehramtsanwärter aus allen Schulformen Nordrhein-Westfalens können an den vertiefenden Weiterbildungskursen des Modellprojekts teilnehmen, deren Erfahrungen anschließend evaluiert und in Form einer Dokumentation auch Interessenten aus anderen Bundesländern zur Verfügung gestellt werden sollen (weitere Informationen im Internet unter www.visionkino.de).

Gleichzeitig konnte ein erfolgreiches erstes Halbjahr 2011/2012 der bereits etablierten, medienpädagogischen Initiative der „SchulKinoWochen“ mit der neuen Rekordzahl von 680 000 Anmeldungen (ein Plus von fünf Prozent) beendet werden. Rund 1 000 Lehrkräfte aus dem gesamten Bundesgebiet nahmen an den Fortbildungen im Vorfeld der Schulkinowochen teil, um mit ihren Schützlingen Filme wie „Sams in Gefahr“, „Tom Sawyer“ oder „Die Kriegerin“ zu besuchen und mit deren Machern oder „Sams“-Autor Paul Maar zu diskutieren. In Berlin wiederum sind kürzlich gleich zwei verschiedene Sonderausstellungen eröffnet worden, die sich beide der Geschichte der speziell für Kinder und Jugendlichen entworfenen Medieninhalte widmen. Gut für den interessierten Besucher: Trotz der thematischen Ähnlichkeit sind Konzeption und Aufbau von „KinderMedienWelten“ im Museum für Kommunikation (noch bis 20.5.) und „Helden“ im Museum für Film und Fernsehen (noch bis 21.10.) so unterschiedlich, dass Doppelungen nicht auftreten. Stattdessen kämpfen beide Ausstellungen mit einem gemeinsamen Problem: Die Transformation der für den visuellen Genuss konzipierten Medieninhalte in das räumlich-begehbare Medium Ausstellung gelingt nur ansatzweise: Beide Ausstellungen sind kaum geeignet, die verführerische Kraft der Oberflächlichkeit von Comics, Film und Fernsehen durch die Heraus-Stellung mehr als nur zu spiegeln, sondern aufzubrechen, zu hinterfragen und aus dem Graben zwischen realer und visuell-virtueller Welt erkenntnistheoretisches Potenzial zu schlagen.

Die deutlich kleinere, aber einen größeren historischen Bogen schlagende Ausstellung, ist „KinderMedienWelten“, die das Berliner Museum für Kommunikation aus der Sammlung des Instituts für angewandte Kindermedienforschung an der Hochschule der Medien Stuttgart und der Sammlung der Museumsstiftung Post und Telekommunikation in Frankfurt/Main bestückt hat: Das Spektrum reicht von Sammelbildern und Zeitschriften für die junge Zielgruppe von der vorletzten Jahrhundertwende bis hin zu aktuellem technischem Merchandising-Tand populärer Kinder-Markenartikel wie „Barbie“ und „Bob, der Baumeister“. Zu den massenmedialen Dauerbrennern in den Kinderzimmern entwickelten sich etwa Grammophone (wie der bereits 1902 vom Stollwerck-Schokoladenkonzern in Auftrag gegebene „Phonograph“) oder auch Comic- und Puppenfiguren („Micky Maus“, „Barbie“), die medial „verlängert“ wurden. Die rund achtzig Objekte aus dem Zeitraum 1885–2011 veranschaulichen zwar die enorme technologische wie soziokulturelle Entwicklung unserer Gesellschaft, in der sich so etwas wie Jugend überhaupt erst herausgebildet hat. Doch die etwas trockene, sich weitgehend auf das thematisch gruppierte Präsentieren der medialen Spielzeuge beschränkende Ausstellung, bietet – wohl aus Kostengründen – keine entsprechende Kontextualisierung, die über ein paar jeweilige Objekt-Erläuterungen hinausreicht.

Allenfalls Besucher der Eröffnung kamen durch die Ausführungen des Stuttgarter Medienhistorikers Professor Manfred Nagl zusätzlich noch in den Genuss spannender Hintergrundinformationen darüber, wie folgenreich das Aufkommen von Massenmedien für die Strukturen der Gesellschaft außerhalb des schmalen Dunstkreises einer großbürgerlichen Elite gewesen waren. Nach dem Aufkommen von Groschenheftchen und Jugendbüchern – die von konservativen Kreisen wegen ihrer Verfügbarkeit und ihres zerstreuenden Charakters wie später dann auch Film und Fernsehen als verderblicher Schund gebrandmarkt wurden – zog die bloße Angstmacherei via Märchen und Legenden bei Kindern nicht mehr: Abbildungen vom umherstreunenden Kinderfresser oder Fledermäusen, die sich angeblich unentwirrbar in Mädchenhaaren verfangen, sobald die Sonne untergegangen war, wurden noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts genutzt, wie die Ausstellung zeigt. Endgültig verlieren die Eltern und Pädagogen die Kontrolle über die kindlichen Medienwelten aber erst hundert Jahre später, als all jenes, was bis dahin vermittels im Kinderzimmer herumstehender, analoger Gerätschaften empfangen wurde, von der virtuellen Wundertüte Internet vereinnahmt wird.

Die vollständige Individualisierung der Medienwelt sieht Professor Nagel dialektisch: Immerhin erlaube das Web den Jugendlichen auch ein intensives Kommunizieren mit den Freunden. Die „totale Verfügbarkeit“ aller möglichen Inhalte sei allerdings eine neue Dimension, „an die sich Kinder nicht allein gewöhnen können“, sondern für das sie elterliche Hilfestellungen benötigen. Damit treten Eltern in die Konkurrenz zu medialen Helden – also jener Schar pfiffiger, hilfsbereiter oder übersinnlich begabter Charaktere, mit denen die Medienwelten von Kindern und Jugendlichen so überreich gesegnet ist.

– Vor allem die „Helden“-Ausstellung bietet ein umfangreiches Begleitprogramm bis in den Oktober hinein (mit Anmeldung: 030/2 47 49-888). Museum für Film und Fernsehen, Filmhaus am Potsdamer Platz, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin, Di–So 10–18 Uhr, Do 11–20 Uhr. Eintritt 2 € Schüler, 4 € Erwachsene, kleine (6 €) und große (12 €) Familientickets. www.deutsche-kinemathek.de

– „KinderMedienWelten“, Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, 10117 Berlin. Di 9–20 Uhr, Mi–Fr 9–17 Uhr, Sa/Sonn- und feiertags 10–18 Uhr. Eintritt 3 €, ermäßigt 1,50 €. Workshops und Führungen für Grund- und Sekundarschulklassen zu speziellen Tarifen, Anmeldung: 030/20 29 42 04. www.mfk-berlin.de

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