Keine katholische oder kirchliche Partei

Der Berliner „Aufruf an das Deutsche Volk“ vom 26. Juni 1945, also vor genau 70 Jahren, gilt als eines der Gründungsdokumente der CDU. Von Michael F. Feldkamp
Foto: dpa | Trat vor 70 Jahren an die Öffentlichkeit, als Deutschland am Boden lag: die CDU.
Foto: dpa | Trat vor 70 Jahren an die Öffentlichkeit, als Deutschland am Boden lag: die CDU.

Tote, Trauer, Trümmer, Verzweiflung, Vertreibung, Vergewaltigung, Verarmung, Arbeitslosigkeit, Besitzlosigkeit, Heimatlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Tauschgeschäfte, Schwarzmarkt, Flüchtlingsnot, Zerstörung, Plünderung, Kapitulation, Besatzung, Willkür, Drangsalierungen, Gefangenschaft, Krüppel, Not, Hunger – Worte, mit denen man die Zustände in Deutschland im Sommer 1945 kennzeichnen kann. Von Befreiung – gar der Befreiung vom Nationalsozialismus – war damals, außer zu propagandistischen Zwecken in der Sowjetischen Besatzungszone, nicht die Rede. Die Überlebenden des Zweiten Weltkriegs schauten nicht zurück, sondern schauten auf das, was sie hatten und das war in den meisten Fällen verdammt wenig.

Nur wenige Menschen blickten in die Zukunft und gar in die politische Zukunft Deutschlands. Diese waren in der Regel schon vor 1933 in Deutschland politisch aktiv und nicht selten von den Nazis verfolgt worden. Sie waren bereit, Verantwortung für die Gestaltung des politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in Deutschland zu übernehmen. Deutschland befand sich im Sommer 1945 in der „schwersten Katastrophe, die je über ein Land gekommen ist“. So war es zeitgenössisch empfunden worden und so war es auch im sogenannten „Berliner Gründungsaufruf“ der CDU vom 26. Juni 1945 zu lesen. Diesem Aufruf über die Gründung einer neuen christlichen Partei in Deutschland mit dem Namen CDU kamen nur die „Kölner Leitsätze“ zuvor, die schon am 18. Juni 1945 proklamiert worden waren. In den nächsten Tagen, Wochen und Monaten erfolgten an den unterschiedlichsten Orten in den drei westlichen Besatzungszonen weitere lokale Gründungen. Es lang an der hohen Bevölkerungsdichte, dass die meisten Gründungen in dem erst 1945 geschaffenen Land Nordrhein-Westfalen erfolgten. Das Desinteresse der Alliierten an neuen politischen Zusammenschlüssen in Deutschland sowie der von den Alliierten begünstigte Föderalismus – mit anderen Worten deren antizentralistische Politik – war Grund für die schleppenden Lizensierungen der einzelnen Parteigründungen sowie schließlich auch für eine Parteibildung über die Grenzen der Besatzungszonen hinaus; sie war erst mit dem 1. Bundesparteitag in Goslar vom 20. bis 22. Oktober 1950 abgeschlossen. So dominierte einerseits die CDU in der britischen Besatzungszone, andererseits begünstigte die Haltung der Alliierten auch die 1946 erfolgte Gründung ihrer Schwesterpartei, der CSU in Bayern. Der „Oberurseler Kreis“, der in den „Frankfurter Grundsätzen“ einen „wirtschaftlichen Sozialismus“ und explizit die Trennung von Kirche und Staat propagierte, hielt sich nicht in der CDU.

Die ersten lokalen Gründungen in der britischen Besatzungszone waren durchweg katholisch geprägt. Das begünstigte insbesondere im katholischen Rheinland zwar die Mitgliederentwicklung, stand aber den Parteigrundsätzen insofern entgegen, als dass ausdrücklich beabsichtigt war, eine christliche Partei zu gründen. Christlich hieß in Deutschland interkonfessionell oder eigentlich nur bikonfessionell; denn hier, im Lande der Reformation, gab es nach dem Zweiten Weltkrieg im Wesentlichen nur Katholiken und Protestanten, wobei durch den Verlust der Ostgebiete die katholische Kirche in den drei westlichen Besatzungszonen prozentual gesehen einen höheren Anteil hatte als zuvor im Deutschen Reich.

Die Idee, christliche gesellschafts-politische Zusammenschlüsse zu errichten, reicht zurück in das 19. Jahrhundert, gelang aber weder im Kaiserreich noch in der Weimarer Republik, wie an Versuchen, eine christliche Gewerkschaft in Deutschland zu etablieren, belegt ist. Es lag aber auch an der ablehnenden Haltung der Kirchen, denen zu dieser Zeit ökumenische Zusammenarbeit geschweige denn interkonfessionelle Zusammenschlüsse fernlagen.

Allen Parteigründungen gingen gesellschaftlich-wirtschaftlich-kulturelle Veränderungen, Krisen, Bedürfnisse und auch materielle und geistige Nöte voraus. 1945 war so ein Jahr. Es begünstigte das Zusammenrücken der christlichen Religionsgemeinschaften auf politischer Ebene. Bei der Christlich-Demokratischen Union weist der Namensbestandteil „Union“ genau auf diesen interkonfessionellen Zusammenschluss hin. Der Erfolg der interkonfessionellen Union hing freilich nicht von der Zustimmung der christlichen Religionsgemeinschaften ab, aber es konnte die Attraktivität der Partei im bürgerlichen Milieu steigern. Als in Düsseldorf und anderen rheinisch-katholischen Städten nach dem Vorbild des alten Zentrums erneut eine katholische Zentrumspartei gegründet wurde, hatte sich der Kölner Kardinal und zugleich Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Josef Frings dahingehend geäußert, dass er zweifele, ob es ratsam sei, das Zentrum wieder unter dem alten Namen entstehen zu lassen. Die CDU sei doch gerade aus der Erwägung heraus gegründet worden, dem evangelischen Volksteil entgegenzukommen. Tatsächlich neigten die deutschen Katholiken einschließlich ehemaliger Zentrumspolitiker mehrheitlich der CDU zu. Und in einem, wenn auch privaten, Schreiben vom 29. März 1946 forderte Frings mit wenig Erfolg Zentrumsmitglieder sogar dazu auf, da, wo die CDU bereits existiere, von Zentrumsgründungen abzusehen und die CDU in den eigenen Parteiversammlungen nicht anzugreifen und zu diffamieren. So blieben CDU und Zentrum bis 1954 in Nordrhein-Westfalen Konkurrenten. Mehr als nur anekdotisch ist der Eintritt des Kardinals in die CDU am 2. November 1948. Er war erfolgt, nachdem der Bischof von Münster, Michael Keller, seine Priester dazu ermahnte, parteipolitische Neutralität zu wahren. Weil nun aber Papst Pius XII. daran gelegen war, dass das Reichskonkordat von 1933 weiterhin in Deutschland gelte, wies er Frings an, seine „Parteibindung“ rückgängig zu machen.

Bei Gründung der CDU waren die Katholiken in der Mehrzahl, auch in Berlin, wo in den Kreisen der ehemaligen Zentrumspolitiker Andreas Hermes, Jakob Kaiser und Josef Ersing auch der Name „Christlich-Demokratische Union“ gefunden worden war. Aber ihrem Vorsitzenden in der britischen Besatzungszone, dem Katholiken Konrad Adenauer, war immer daran gelegen, den interkonfessionellen Charakter zu stärken, damit die CDU nicht zu einer klerikalen Partei verkommt, wie das Zentrum der Weimarer Zeit unter Prälat Ludwig Kaas. Die „Konferenz der Evangelischen Landeskirchen“ hatte schon im August 1945 „die Bemühungen katholischer Prälaten und Laienkreise“ gewürdigt, die die Gründung einer rein katholischen Partei verhindern würden. So ermutigte die Konferenz nun ihrerseits ihre evangelischen Glaubensangehörigen, sich in der Union zu betätigen.

Seit 1946 bemühte sich Adenauer um eine ausreichende Repräsentation protestantischer Laien in der Parteispitze, und später auch in den von der CDU besetzen Staatsämtern. Zu diesem Zweck wurde Ende 1946 im Rheinland die „Evangelische Tagung der CDU“ als ein innerparteilicher Zusammenschluss gebildet, der als Vorläufer des 1952 auf Betreiben von Hermann Ehlers gegründeten „Evangelischen Arbeitskreis der CDU/CSU“ angesehen wird. Außer der unzweifelhaft zentralen Frage nach dem Sitz der Konfessionen im Leben der Union sowie Fragen der Personalisierung politischer Konflikte gab es schon in den ersten Monaten ihres Bestehens einen innerparteilichen Richtungsstreit um die Rolle der christlichen Soziallehre. Diese bot 1945 keine geschlossene Gesellschaftsinterpretation an. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg gab es zwei grundsätzliche Ausdifferenzierungen. Die einen vertraten eine liberal-individualistische Ordnung der Gesellschaft, die anderen hatten in Anlehnung an Thomas von Aquin die Ganzheit vor dem Individuellen betont und auf der Suche nach einem Zusammengehen ihrer ethischen Vorstellung mit politischer Programmatik eine soziale oder sogar sozialistische Ordnungsidee vertreten.

Die Vorstellung eines „christlichen Sozialismus“ – auch wenn der Begriff selber nicht auftauchte – fand sich deutlich im „Ahlener Programm“ vom 3. Februar 1947 wieder. Hier wurde eine wirtschaftliche und soziale Neuordnung gefordert, dessen „Inhalt und Ziel“ „nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben“ sein könne, „sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes“. Der Wunsch nach einer teilweisen Vergesellschaftung der Großindustrie und Stärkung von Mitbestimmungsrechten war sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass Deutschland besetzt war, und muss als ein Entgegenkommen an die Alliierten verstanden werden. Aber das „Ahlener Programm“ hatte heftige Flügelkämpfe in den sogenannten „Sozialausschüssen der CDU“ verursacht. In seinen Auseinandersetzungen mit Jakob Kaiser setzte Adenauer später als Bundeskanzler schließlich seine wirtschaftspolitische Forderung nach einer sozialen Marktwirtschaft durch.

Der Berliner „Aufruf an das Deutsche Volk“ vom 26. Juni 1945, also vor genau 70 Jahren, gilt als eines der Gründungsdokumente der CDU. Er enthielt neben der Forderung zur Sammlung der christlichen, demokratischen und sozialen Kräfte auch „eine Besinnung auf die kulturgestaltenden sittlichen und geistigen Kräfte des Christentums“. Der Wunsch nach Rechtssicherheit beinhaltete eine scharfe Kritik an der Rolle von Justiz und Polizei während des „Dritten Reiches“, wie überhaupt der Nationalsozialismus entschieden abgelehnt wurde. Eine verantwortungsbewusste Presse mit dem „Willen zur Wahrheit“ wurde als eine ebenso wichtige Voraussetzung für die Demokratie erkannt wie die geistige und religiöse Gewissensfreiheit, die Unabhängigkeit aller kirchlichen Gemeinschaften und eine klare Scheidung der kirchlichen und staatlichen Aufgaben.

Ein Novum im Berliner Gründungsaufruf war die Berücksichtigung des „Elternrechts“ und ein von der Kirche beaufsichtigter Religionsunterricht als Bestandteil der Kindererziehung. In der Weimarer Zeit kämpfte das Zentrum nämlich noch für Konfessions- oder Gemeinschaftsschulen. Dem Zentrumsprogramm blieb der Berliner Aufruf aber treu in der Forderung, das öffentliche Leben möglichst auf Selbstverwaltung aufzubauen. Um die gegenwärtige Not zu überwinden, wurde ein Notprogramm zur Schaffung von „Brot, Obdach und Arbeit“ sowie eine straffe Planung „ohne jede Rücksicht auf persönliche Interessen und wirtschaftliche Theorien“ gefordert. Dabei sei es – um „für alle Zeiten die Staatsgewalt vor illegitimen Einflüssen wirtschaftlicher Machtzusammenballungen zu sichern“ – schon heute notwendig, die Bodenschätze in „Staatsbesitz“ zu überführen. Bergbau und andere Schlüsselunternehmungen des Wirtschaftslebens sollten der Staatsgewalt „unterworfen werden“. Umgekehrt wurde das Privateigentum bejaht und ein Schutz des selbstständigen Handwerks gefordert. Unter „Heranziehung des Großgrundbesitzes“ sollte die Existenz der Bauern und Landarbeiter gesichert werden. Ausdrücklich wurde eine „einheitliche Gewerkschaftsbewegung der Arbeiter und Angestellten zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Rechte“ begrüßt. Eine soziale Versorgung der Notleidenden, Kriegsgeschädigten und Opfer des NS-Terrors müsse gesichert werden. Besondere Maßnahmen wurden für Mütter und berufstätige Frauen gefordert. Zur Außenpolitik enthielt der Berliner Aufruf nur den Wunsch nach einer „vertrauensvollen Zusammenarbeit" mit anderen Völkern und von den Besatzungsmächten Verständnis für die „grenzenlose Notlage“ der Menschen.

Innerparteilichen Reformbestrebungen hatte Bundeskanzler Adenauer im Juni 1962 auf dem 11. Bundesparteitag in Dortmund entgegengehalten, dass das Christentum „Lebensinhalt“ der CDU sei. Das „C“ im Namen der Partei war von Beginn an ein zentrales Thema und ist es bis heute geblieben. Die Streichung des „C“ würde eine geschichtsvergessene Partei entstehen lassen. So bleibt es wichtig, auch an die Anfänge der CDU zu erinnern, die sich immer als eine christliche Partei, aber nie als eine kirchliche Partei oder einer Konfession nahestehende Partei verstanden hat. Auch ihre Gründer waren keine Frömmler, Heilige oder Missionare. Es wird der traditionsreichen Partei aber immer gut anstehen, darauf zu achten, dass die programmatische Verpflichtung zum christlichen Menschenbild nicht zu einem inhaltslosen Lippenbekenntnis bei Feier- und Gedenkstunden verkommt.

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