Katholische Oster-Abenteuer

Eier suchen, Fußballspielen, die Wohnung der Eltern einsegnen: Es gibt viele Arten, wie man Jesu Auferstehung feiern kann. Ein Erlebnisbericht aus der Kindheit. Von Matthias Matussek
Foto: dpa | Auch nach innen schauen: „Kein Osterfest mit all seinem Glanz (...) ist so tief in mich eingedrungen wie das, das ich nach meinem kompletten Scheitern erleben durfte.“

Ostern, was für ein Klang! Der Beginn der Freudenszeit, die sich bis Pfingsten erstreckt. Ostern, der Nachhall der Leidenszeit mischt sich in den Jubel über die Auferstehung. Das Fest wird immer am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond gefeiert, also mit dem Aufbrechen, der Wiederbelebung der Natur. An den Osterhasen haben die Kirchenväter der orthodoxen Kirche dabei nicht gedacht in ihrem „Triodion“, aber selbstverständlich hoppelte er durch unsere Kindheit. Nein, wenn sie in ihrer Oster-Liturgie den Jubelruf singen: „Heute ist alles mit Licht erfüllt, Himmel und Erde und Totenwelt...“, dann besingen sie das Herz, Christ ist erstanden, nach den Wochen des Fastens und der „Blütezeit der Reue“, und wir sind auf der Jagd nach Ostereiern in unserm Garten im Ruhrgebiet, wo es die Sonne tatsächlich schaffte, den grauen Himmel zu zerreißen, Ende der 50er Jahre. Alles mit Licht erfüllt, mit Ostersonne, die Ginsterbüsche blühen gelb, einzelne Krokusse, goldenes Kinderlicht, pure Gegenwart hier. Wir waren zu fünft, fünf Jungen, jeder mit einem kleinen Körbchen bewaffnet und dann die Suche. Ein Wettlauf, ein Wettkampf, bisweilen Beuteraub, wenn sich zwei kleine Hände um ein und dasselbe Schoko-Ei schlossen, enorm, wie fest ein dreijähriges Händchen zudrücken kann, um es vor dem Griff des Vierjährigen zu sichern. Allerdings kam hinterher alles in einen großen Korb und dann wurde gerecht aufgeteilt, denn an die Astgabeln kamen nur die Größeren ran. Es ging um die Jagd, um das Spiel, um den Stolz auf den Fund.

Ach ja, allen diesen unseren Osterfesten gemeinsam war, dass Tante Sophie aus Kostau zu Besuch kam, die Schwester meines Großvaters, und es gab Schweinebraten mit ihren rohen schlesischen Klößen, und ständig reichte die Soße nicht aus zu diesem lang entbehrten Himmelsgericht.

Rom 1961. Papst Johannes XXIII. wurde auf einer Sänfte durch die jubelnde Menge getragen, er lächelte, der Bauernsohn Roncalli, der erzkonservativ war, wie sich herausstellte, Priester durften nicht mit Frauen in einem Auto sitzen, selbst mit verwandten nicht, Kino- und Stadionbesuche waren verboten, Kleriker trugen Talar und die runden Priesterhüte, die wir aus den Don-Camillo-Filmen kannten. Ausgerechnet er regte das Zweite Vatikanische Konzil an, das gar nicht an das „Aggiornamento“ dachte, an die Öffnung zum Zeitgeist, sondern lediglich die Kirche „als lebenden pulsierender Organismus, der alle in der Liebe Christi umarmt“ feiern wollte, ein Fest der Eintracht.

In meiner Erinnerung das Fest der katholischen Pracht. Der Petersdom, die riesigen Papstgräber, Leo XIII., und Engelsfiguren und die Decke der Basilika hoch wie der Himmel. Das Ostern der katholischen Pracht. Dann das Ostern der Familie, die zusammenkam, weil wir verstreut waren, die älteren Brüder waren bereits im Internat, bisweilen brachten sie spannnende Freunde mit, die große Welt zuhause, die zeigten, wie getwistet wurde, die Münchner und die Weinheimer Verwandtschaft kam zu Besuch, mit denen es in Geheimgesprächen taktisch sorgfältig vorbereitete Fußball-Begegnungen auf unserer Wiese gab („du nimmst dir Onkel Paul vor, du die Nicola“) – vielleicht ein bisschen müde nach der Ostermette, die nachts begann, in der dunklen Kirche, dann der Einzug, eine Kerze in der Hand, der Ruf „Lumen Christi“, und die Kerze spendete ihre Flamme der des Nachbarn, bis schließlich alles glänzte, ein Glanz, so das Orthdoxe Triodion, der vom Paradies her vorscheint.

Zu Ostern pflegten wir mit einem Weihwasser-Behälter aus Steingut eine Prozession durch die Wohnung zu machen, um sie für einen Neubeginn einzusegnen, ein schöner Brauch, wir schlugen das Kreuz. Chesterton schlug über allem das Kreuz, was er zu sich nahm, selbst über seinem Whisky, denn alles wurde von ihm als Gottesgeschenk erlebt.

Natürlich war es auch die Erstkommunionszeit am nachfolgenden Weißen Sontag, und ich saß am Tisch vor meiner leuchtenden Taufkerze und lächelte stolz und verlegen mit einer riesigen Zahnlücke in die Kamera und dann fütterte ich den Wellensittich, den ich mir gewünscht hatte.

Gespräche vor der Kirche waren ernst, und ich hörte eine Dame zu meinem Vater sagen, es muss zur Kubakrise gewesen sein: „Ha no, i glaub, des gibt a dritts Weltkriegle.“ So alt war ich schon, dass ich mich innerlich krümmte über diesen Diminutiv zu Weltkrieg, eben das Kriegle, sie wollte wohl fatalistisch oder sarkastisch sein.

Doch allmählich spürte ich, dass die katholische Welt meiner Kindheit zerfiel, denn die Herz-Jesu-Kirche in Stuttgart war von außen eine neue Sandsteinburg und innen kahl und kalt, und der Priester stand an einem Opferblock und wandte sich der Gemeinde zu.

Statt dort hinunter ins Stuttgarter Tal zogen wir die Stefflestraße und den Waldweg bergauf zu einer Kirche, die kaum größer war als eine Kapelle. Hier gab es noch die Stufengebete auf lateinisch, hier wandte sich der Priester gemeinsam mit uns dem Allerheiligsten zu, hier spürte ich das Geheimnis der Verwandlung im leisen Gebetsgemurmel des Priesters, hörte das Brechen der Hostie, gemeinsam waren wir in dieser Andacht zusammengebunden.

Tja, und dann brauchte ich diesen ganzen Plunder nicht mehr, denn meine Eltern zogen aus Berufsgründen nach Hamburg, und ich blieb in Stuttgart und zog in eine maoistische WG, und pinselte Parolen gegen das neue Betriebsverfassungsgesetz und drückte morgens um fünf Uhr zur Frühschicht müden Arbeitern vor dem Tor zum Bosch-Gelände Flugblätter in die Hand, die mit Köpfen von Marx, Lenin, Stalin und Mao Tse-tung geschmückt waren. Ich war 17 und wollte die Arbeiterschaft aus ihrer Knechtschaft führen und als Revolutionär, treu nach dem Motto aus der Mao-Bibel, dem kleinen roten Buch, „wie ein Fisch im Wasser schwimmen“.

Mit meinen Eltern, besonders dem strengen Vater, hatte ich gebrochen. Vier Jahre lang hatte ich mich der freien Liebe und zahllosen Drogen verschrieben, und hatte mich, nach einem Selbstmordversuch, in die Irrenanstalt gesoffen. Ich war komplett ratlos und ganz unten.

Und dann kam mich mein Vater besuchen, den ich wegen seiner Frömmigkeit mit dem Hochmut der Jugend gründlich abgelehnt hatte. Mittlerweile lebte ich in Berlin. Es war in der Karwoche. Mein Vater war ohne jeden Vorwurf, war voller Liebe und voller Verständnis. Wir sprachen lange. Wir beteten. Und dann redete er über Ostern und die Auferstehung, und rührte all das auf, das mir auch von ihm ins Kinderherz gelegt worden war, und plötzlich war ich von einer Hoffnung erfüllt, nie wieder war das Geheimnis eines neuen Lebens, einer neuen eigenen Auferstehung, so tief in mich eingedrungen. Ich weinte, er tröstete.

Ich kam wieder auf die Beine. Und das ist mein Ostererlebnis. Ich habe viele weitere Ostern gefeiert, unter anderem eines in Puerto Vallarta in Mexiko, wo im Moment des „Lumen Christi“ ein veritables Feuerwerk in der Kirche gezündet wurde, Knallerei und Zischen von den Emporen, so außer sich feierten sie, freuten sie sich über die Auferstehung des Herrn.

Doch kein Osterfest mit all seinem Glanz und seiner Hoffnung ist so tief in mich eingedrungen wie das, das ich nach meinem kompletten Scheitern erleben durfte.

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