Kampf dem Regietheater!

Es rumpelt gewaltig im Foyer des Badischen Staatstheaters: Ein gepflegter älterer Herr im Anzug zieht mit kindlicher Freude einen Holzschacht hoch, lässt los, Steine knallen hart auf innen angebrachte Leisten. Eine barocke Donnermaschine dröhnt durch‘s ganze Haus. Ausgerechnet das Theater in Karlsruhe, das 1975 im damals als modern geltenden Waschbeton-Look mit knallbunten Metallapplikationen erbaut wurde und inzwischen unter Insidern als eines der hässlichsten Theater der Republik gilt, hat sich für die Dauer der 32. Händel-Festspiele in ein Museum der feudalen Schmuckkasten-Oper verwandelt. Draußen erklären bewundernde Schautafeln das barocke Theater als Spiegel der durch und durch selbst theatralen aristokratischen Gesellschaft, drinnen schreiten Sänger mit anmutig bis affektiert gespreizten Armhaltungen klassizistisch vor der Staffage gemalter Kulissen entlang, die wechselweise antikisierende Säulenhallen, orientalisierende Feldherrnzelte und französisch gestutze Hecken-Labyrinthe zeigen. Wann immer sie endlose Koloraturen zu singen haben, bleiben sie – Standbein hinten, Spielbein vorn – unter dem Licht von sechshundert Kerzen exakt vorne in der Mitte der Bühne stehen. Die erhabenen Helden – mangels Kastraten meist dargestellt von Frauen in Hosenrolle – werden von einem Heer männlicher Statisten als wahlweise Lakaien oder Soldaten begleitet, die hochedelmütigen Damen von stummen Dienerinnen. Stark überschminkt allesamt in Kniehose, Schnallenschuhen, Reifrock und Allongeperücke. „Die letzten Überreste der Original-Bühnentechnik des Bayreuther Opernhauses fielen 1961 dem fortschrittsorientierten Zeitgeist jener Jahre zum Opfer“, bedauern Schüler des Gymnasiums Christian-Ernestinum aus Bayreuth auf einer Schautafel neben dem liebevoll nachgebauten Bühnenmodell des wunderbaren Rokokohauses der Markgräfin Wilhelmine, Schwester Friedrichs des Großen. Dafür irrt in der Pause ein offensichtlich ins Mark seiner Überzeugungen getroffener weiterer Herr im bürgerlichen Anzug sehr uncontenant brüllend im Park des Theaters umher. Was ist hier eigentlich los?

Gar nichts erfinden zu müssen, ist auch eine Art von Freiheit

Was hier donnergrollt, ist der Kulturkampf der Gegenwart: der zwischen Fundamentalismus und Modernismus, zwischen Dogmatismus und Beliebigkeit, zwischen Sehnsucht nach der Vormoderne und Aufklärung, zwischen Musealisierung und Geschichtsverlust. Regisseurin Sigrid T'Hooft, eine international anerkannte Barockspezialistin, hat sich mit „Radamisto“ für die einzige Oper von Georg Friedrich Händel entschieden, von der das vollständige Soufflierbuch erhalten ist. Mit der einzigen Absicht, dieses barocke Regiebuch in ebenfalls nach Uraufführungsskizzen gefertigten Kostümen bis auf die letzte Position und den gespreizten Zeigefinger jeder Nebenfigur punktgenau nachzustellen. Es ist eine frontale Kampfansage an das Regietheater, was hier stattfindet – dessen betont ahistorische Begründung stets lautete, man könne „es ja eben nicht so genau wissen, wie es einst gewesen“. Doch, zeigt Sigrid T'Hooft, wir können es wissen, nur die Regisseure wollen es nicht wissen. Gar nichts erfinden zu müssen, sei auch Freiheit, sagt sie im Begleitheft der Inszenierung. Und Dirigent Peter Van Heyghen assistiert: „Es geht nicht um die Frage ,Was kann ich mit dem Stück machen‘, sondern ,Was kann das Stück mit mir machen‘. Das Stück selbst ist der Ausgangspunkt, und man selbst stellt sich in den Dienst des Stückes.“

Mit solcher Demut sind sie folgerichtig im Barock gelandet – vor der Aufklärung. Denn die aristokratischen Libretti der Opera seria wie das des „Radamisto“ bewegen sich ohne jede moderne künstlerische Freiheit in streng geregelten Konventionen. Sie zeigen allesamt, wie ein wohlaustariertes Machtverhältnis zwischen den Guten von der Gewalt des bösen Affekts zerstört wird: also genau von jenen subjektiv empfindsamen Gefühlen, die der demokratischen Gesellschaft zur alleinigen Richtschnur wurden. Von diesen höfischen Konventionen wich auch ein Georg Friedrich Händel kein Jota ab. Denn die künstlerische Qualität eines Komponisten erwies sich einzig in der inneren Freiheit, mit der er die Konventionen bejahte und stets mit neuem Leben erfüllte – während die betont subjektiven Künstler nach der Aufklärung und als ihre letzten Erben die Regietheater-Regisseure Freiheit und Lebendigkeit gerade in der Verneinung aller Normen suchen. Was im Waschbeton des Badischen Staatstheaters stattfindet, ist ein Lobpreis auf die Ideale der Aristokratie.

Diese Auseinandersetzung ist im Musiktheater der letzten dreißig Jahre unausweichlich angelegt. Im Zuge der Musealisierung des Konzertsaalbetriebs folgen auch Opernorchester heute zunehmend der „historischen Aufführungspraxis“. Dass in Karlsruhe Theorben, Blockflöten und Barockoboen neben zwei Cembali den Graben füllen und die Geiger in vibratolosem Strich scharf barocke Phrasierungen abreißen, erstaunt längst niemanden mehr. Gerade in diesem Bereich sind heute die besten Musiker zu finden: auch Peter van Heygehn musiziert mit den Deutschen Händel-Solisten die Aufführung in überquellender Musizierlaune mit jenem metallisch klirrenden tänzerischen Drive, den man von Barockaufführungen inzwischen geradezu erwartet.

Die „Originalpraxis“ löst immer noch ein Naserümpfen aus

Ältere Musikliebhaber schauen freilich noch immer mit einem gewissen Naserümpfen auf die „Originalpraxis“, die sich inzwischen schon bis auf Werke des 20. Jahrhunderts ausdehnt. Sie ahnen wohl die vollständige Musealisierung ihres eigenen, auf häuslicher Musiziertradition beruhenden, selbstverständlichen Umgangs mit klassischer Musik voraus. Der Riss geht längst durch jede einzelne Musiktheater-Aufführung: Denn oben auf den Bühnen ist – exakt parallel zur ehrfürchtigen Erforschung der Vergangenheit im Graben – mit dem Regietheater ein letzter wildwütiger Schrei nach Zukunft ausgebrochen, der sich in vollständiger handwerklicher Unkenntnis aller wann auch immer gefundenen Theaterregeln zwanghafter Freiheitelei hingibt, die inzwischen längst nur neue Klischees produziert hat. Erst vor zwei Wochen machte der Gewalt- und Sexregisseur Calixto Bieito wieder einmal Schlagzeilen, indem bei ihm eine Sängerin, die zuvor Miss New York und danach sogar Zweite bei der Wahl zur Miss America war, die Lulu endlich so nackt gibt, wie Alban Berg sie schuf. Möglichst jung, möglichst hübsch, möglichst technisch perfekt, möglichst abgebrüht, ist heutzutage die angesagte Mischung beim klassischen Personal. Zerrissen zwischen fermatenschlagenden Dirigenten und hysterisch kreativen Regisseuren ist eigene künstlerische Persönlichkeit für Sänger inzwischen eher schädlich. Auch in Karlsruhe beherrscht jeder einzelne der sehr jungen Sänger noch die schwierigste, absonderlichste Koloratur. Aber den spektakulären zerstörerischen Affekt, den das strenge Barock ersatzhaft auf der Bühne durchleben wollte: den wagt hier niemand. Denn einzig und allein die arroganten, bis zur Hysterie emotionalen Sängerstars, die narzisstisch persönlichen Diven und Kastraten waren es, die sich in der barocken Oper so launisch durch alle Konventionen improvisieren durften, wie es nicht einmal der dekadenteste Fürst gewagt hätte – und die dem hochformalisierten Zeremoniell die Narrenfreiheit der Kunst garantierten, indem sie es jeden Abend mit Verve und Ausdruck füllten. Wo solch anmaßende Sänger nicht mehr sind, ist das Lehrbuch des Zeremoniells nur dessen Totgeburt.

Der reale Barock war durchaus sehr lebendig – und deshalb sehr unhistorisch: schon die Fabel von „Radamisto“ geht mit antiken Geschehnissen so frei um, wie es heute kaum ein Autor wagen würde. Sämtliche Kostüme waren – das zeigt die Rekonstruktion – aus Prinzip „zeitgenössisch“, eben: barock. Brustpanzer über Spitzen-Jabot – das war damals auch nichts anderes als der heutigen Kostümbildnern geläufige Waffenrock aus Plastik über Jeans. Der aristokratische Zuschauer erlebte in der antiken Fabel des „Radamisto“ seine eigene Gegenwart – wir dagegen schauen viereinhalb Stunden lang ins ungewohnte Dämmerlicht der Kerzen. Lebendiges Theater ist ästhetisch immer „mit der Zeit“ gegangen – freilich ohne jede selbstverwirklichende Willkür. Fundamentalistische Rekonstruktion aber macht aus lebendiger Geschichte bloß ein immerwährendes Museum.

Mal alles Theoretisieren beiseite: Die Aufführung macht echt Spaß

Lässt man diese Überlegungen beiseite, dann: ja dann macht diese Aufführung unglaublichen Spaß. Einfach weil ihr kindlich naiver Tabubruch mit all dem überrascht, was man im deutschen Theater so lange nicht mehr durfte: überwältigend prächtige Kostüme betrachten, menschliche Emotionen in sinnfällig stilisierter Personenführung erleben, sich gedankenfrei schönem Tanz überlassen – und sich ganz auf Händels wunderbare Musik konzentrieren. Feuilletons aller politischen Richtungen haben die Aufführung in den letzten Tagen denn auch einhellig bejubelt. „Endlich wird Händel wieder wie früher gespielt“, titelte ganz unironisch „Die Welt“. Ein deutliches Zeichen, dass die fatale Herrschaft des totalen Regietheaters endlich vorbei ist. „Ad fontes!“ – zu den Quellen! – war der Schlachtruf aller großen Reformbewegungen. Hoffen wir, dass die Karlsruher Aufführung zur Reformierung des zeitgenössischen Theaters beiträgt – und sich hier nicht ein neuer Bruch zwischen Fundamentalisten und Erneuerern auftut.

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