Parisbummel

Jenseits der Salons sich Tagträumen überlassen

Die Malaise der bürgerlichen Welt vergessen: Mit Huysmans durch Paris.
Café
Foto: Regina Einig | Durchatmen: Café in der Rue Chanoinesse im IV. Arrondissement.

Im Kreuzgang der Pfarrkirche Saint-Séverin im Quartier Latin stapeln sich bunte Rucksäcke unter blühenden Kletterrosen. Dreißig Kinder sind so ins Spiel vertieft, dass sie die steinernen Monster an den Strebebögen über sich keines Blickes würdigen. Ein schlichtes Steinmedaillon erinnert an den berühmten Täufling der ältesten Pariser Pfarrgemeinde, den Schriftsteller und Kunstkritiker Joris-Karl Huysmans (1848–1907).

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Die anmutige Madonnenstatue im Kircheninneren versinnbildlicht Huysmans Äußerung, Paris habe die Seele des Severinsviertels seit dem Mittelalter unbeschadet bewahrt. Schon im 14. Jahrhundert verehrte eine Bruderschaft in Saint-Séverin die Unbefleckte Empfängnis Mariens. Die Pfarrei war ein frühes Lourdes mitten in Paris: Zahllose Kranke kamen von weit her, um vom Wasser des Brunnens zu trinken, den man am Fuß ihrer Statue gegraben hatte, ehe die nachreformatorischen Wirren den Wallfahrern den Garaus bereiteten. Der Brunnen wurde versiegelt und die im Mittelalter so lebendige Verehrung der Unbefleckten Empfängnis in Paris erhielt erst 1830 mit den Erscheinungen in der Kapelle der Vinzentinerinnen in der rue du Bac neuen Aufschwung.

Über die nahe gelegene Brücke Pont de l'Archeveché erreicht man die Notre-Dame-Insel. Hinter einem Wall von Gerüsten entziehen sich Portale und Fassade der Kathedrale den Blicken. Die kostbaren Passionsreliquien – Dornenkrone Christi und Kreuznagel – sind derzeit im Louvre deponiert. Huysmans sarkastische These, die grotesken Wasserspeier und Dämonen des Gotteshauses schauten aus der Höhe auf die menschliche Dummheit in der Stadt herab, erscheint seit dem Brand der Kathedrale am 15. April 2019 gar nicht abwegig. Dem Puristen Huysmans war die Installation der elektrischen Beleuchtung in Notre-Dame ein Gräuel. Deren gotische Gewölbe kämen bei Kerzenlicht am besten zur Geltung, Elektrizität werde alles verderben, befand er. Ein prophetisches Wort, wenn man bedenkt, dass ein Kurzschluss den Großbrand auslöste.

„Das Geheimnis des Cafés sei, so Huysmans,
dass es einen alternativen Salon darstelle für Leute,
die eigentlich keine feine Gesellschaft mögen“

Über die rue du Cloître flaniert man ins ländliche Paris: In der rue Chanoinesse herrscht geradezu dörfliche Ruhe. Bäuerlich-rustikal wirken die Keramiktassen mit Lavendeldekor im Traditionscafé Au Vieux Paris d'Arcole. Huysmans, der zeitlebens nichts mit der Pariser Schickeria anfangen konnte, sah in den Cafés der Hauptstadt die ersehnte Alternative zum Salon: Das Geheimnis des Cafés sei, so Huysmans, dass es einen alternativen Salon darstelle für Leute, die eigentlich keine feine Gesellschaft mögen. Für den Cafébesuch müsse man sich nicht herausputzen, innen brauche man weder Konversation zu machen, noch das Geschwätz anderer ertragen. Man dürfe sich in stummer Gesellschaft und wohliger Umgebung den eigenen Tagträumen überlassen. Vor allem aber kommen Raucher hier auf ihre Kosten: „Das Café ist der Tempel des Tabakgottes, dort macht Rauchen Spaß, sonst nirgends.“

Akribisch beschrieb Huysmans Geschäftsleute, Billard- und Dominospieler, frustrierte Ehemänner, Schluckspechte, Schwätzer und alleinstehende Stammgäste. Mit dem aufmerksamen Junggesellenblick für unglückliche Frauen erkannte Huysmans das Café als Schicksalsgemeinschaft. Dort begegnete er Prachtexemplaren wie Monsieur le Comte, einem schwerreichen Pensionär und ehemaligen Geheimkämmerer von Papst Pius IX., der in Rom eine Achtzehnjährige geheiratet hatte. Fortan musste sie den Gemahl auf seinen Streifzügen durch Pariser Cafés begleiten. Ob die Heiligen, deren volkstümliche Darstellungen die Wand hinter der Theke zieren, Fürsprache für die Kundschaft halten?

Fehlt der Stadt der richtige „Blitzableiter“?

Durch die stille rue des Chantres geht es über die rue des Ursins zum Quai aux Fleurs, ehe man auf der schmiedeeisernen Pont d'Arcole die Seine überquert. Während Google Maps den Spaziergänger durch das Straßengewirr zur Place des Petits Peres lotst, bleibt reichlich Muße, um über Huysmans Aversion gegen das Pariser Leben am rechten Seineufer zu sinnieren. Wo Passanten mit müden Gesichtern zu Banken und Geschäften im zweiten Pariser Arrondissement hasten, trollte er sich zum Pariser Innenministerium, um leidenschaftslos seinem Brotberuf nachzugehen.

Viele Klagen des Schriftstellers über die Amerikanisierung der Stadt wurzeln im Niedergang der Traditionsgeschäfte: Antiquitätenbesitzer und Buchhändler könnten sich links der Seine kaum noch behaupten und zögen in die Viertel rechts der Seine, so Huysmans, der Paris schon als „düsteres Chicago“ beargwöhnte. Die Kapitalismuskritik des Antibourgeois Huysmans, seine beißende Kritik an der „Tyrannei des Kommerzes“ und dem „Kalifat der Bankschalter“ paarte sich mit seinem Verdruss über den Rückzug der Orden. Ausdrücklich lobte der Benediktineroblate die Treue der Franziskaner und Kapuziner – „die einzigen, die derzeit den Mut haben, in Paris auf offener Straße ihr Ordenskleid zu tragen“ – und die Klarissen, in denen er „den einzigen Blitzableiter der Stadt“ erkennt.

Den Glauben an die Unbefleckte Empfängnis lebendig halten

Die Klarissen gaben ihren Pariser Konvent zwar 2009 auf, doch das katholische Leben rechts der Seine geht weiter. In der Basilika Unserer Lieben Frau vom Siege – Notre-Dame-des-Victoires – betet eine Gruppe Frauen mittags den Rosenkranz, während andere still vor dem Gnadenbild verweilen. Das dralle Jesuskind begrüßt die Gläubigen mit ausgestreckten Händen, sein linker Fuß steht fest auf einer sternengeschmückten Weltkugel, der rechte ruht spielerisch auf den Wolken. Dass das Gotteshaus unter Ludwig XIII. als Votivkirche für den Sieg über die Hugenotten 1628 errichtet wurde, blendet Huysmans nahezu aus. Die Mission dieses Marienheiligtums sieht er darin, die Botschaft der „Wunderbaren Medaille“ aus der rue du Bac auf das rechte Seineufer zu bringen und den „alten Glauben der Pariser Mutterkirchen“ an die Unbefleckte Empfängnis, der 1854 von der Kirche dogmatisiert wurde, lebendig zu erhalten.

Einer der ersten Pariser, der an die Marienerscheinungen in der rue du Bac glaubte, war Pfarrer Charles Dufriche-Desgenettes von Saint-François-Xavier, zu dessen Gemeindesprengel der Vinzentinerinnenkonvent in der rue du Bac gehörte. Er setzte sich für die Verbreitung der Wunderbaren Medaille ein und wurde bald in die heruntergekommene Pfarrei Notre-Dame-des-Victoires versetzt. Was nach Strafe klingt, sollte zum Segen werden.

Zum Bucheinkauf ans andere Seine-Ufer wechseln

Die Kirche blieb zunächst von morgens bis abends leer, wie Huysmans in seinem Roman „Lourdes“ schreibt. Verzweifelt über seine fruchtlosen Bemühungen wollte sich der Seelsorger zurückziehen, als er während einer Messe eine innere Stimme vernahm, die ihm riet, die Pfarrei dem Unbefleckten Herzen Mariens zu weihen. „Wie unter Diktat schrieb er die Regel einer Bruderschaft nieder, die besonders die Unbefleckte Empfängnis verehren sollte“. Noch bevor der Pfarrer der Gemeinde seinen Plan mitgeteilt hatte, füllten sich die Kirchenbänke.

Der melancholische Huysmans verschwieg allerdings, dass Büchershoppen rechts der Seine genausoviel Spaß macht wie im Quartier Latin: Gegenüber der Basilika Notre-Dame-des-Victoires erlaubt die exzellent sortierte Buchhandlung „Au coeur Immaculé de Marie“ ihren Besuchern, in Ruhe zu stöbern und zu schmökern. Auf dem Weg zur Metrostation „Bourse“ vergisst man die Malaise der bürgerlichen Welt dann mühelos bei einem Mandelhörnchen der hippen Bäckereikette Boulangerie Joseph.

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