Ist die Zeugung gut oder sinnlos?

Rémi Brague über Grundfragen des Seins: Die Metaphysik ist die Infrastruktur der menschlichen Existenz. Von Hans Thomas
Rémi Brague, Philosoph
Foto: IN | Fragt nach den letzten Wahrheiten: der Philosoph Rémi Brague.

Ein Buchtitel, in dem das Wort Metaphysik auftaucht, hält Käufer eher ab. Leser schlichteren Gemüts, weil sie sich überfordert fühlen, Angehörige des Bildungsbürgertums, weil sie sich mit mutmaßlich Antiquiertem nicht aufhalten wollen, und zahlreiche Fachphilosophen, weil sie ja schon weiter sind – in der wissenschaftlich fortgeschrittenen Welt. Die tiefere wissenschaftliche Durchleuchtung ihrer empirischen Gegebenheiten, so die verbreitete Vorstellung, befreite die menschliche Vernunft von Abhängigkeiten, die Antike und Mittelalter noch an Vorgaben fesselten, die durch sogenanntes metaphysisches Fragen – womöglich gar religiös motiviert – erfasst werden sollten. Trotz tiefgreifend wissenschaftlicher Kenntnisse, wie der ganze Kosmos funktioniert, hat diese wissenschaftlich fortgeschrittene Welt es im 21. Jahrhundert allerdings zu einer „postfaktischen Epoche“ (post-truth-era) geschafft. Denn der naturwissenschaftliche Stolz verbietet geradezu Fragen nach letzten Wahrheiten wie etwa danach, wieso dieser ganze Kosmos überhaupt da und wie seine Vielfalt zu verstehen ist. Diesem Frageverbot und seinen Folgen – insbesondere für unseren Umgang mit dem menschlichen Leben – geht Rémi Brague in dem Buch nach.

Einen systematischen Kurs in klassischer Metaphysik liefert das Buch nicht, verweist aber hinreichend auf ihre Hilfe, um etwa die Unterschiede und Wesensmerkmale der einzelnen Seienden (Essenz) und ihre noch grundlegendere Gemeinsamkeit „wahr“ zunehmen, nämlich da zu sein (Existenz). Brague greift voll hinein in verworrene Nöte zeitgenössischen Denkens aufgrund des Vergessens oder Verdrängens elementarer Voraussetzungen zur Erfassung von Wert und Sinn des menschlichen Lebens – gegenwärtig deutlich sichtbar in der schleichenden Akzeptanz von Suizid und aktiver Sterbehilfe. Zum Testfall erhebt er dabei die Weitergabe des Lebens. In der französischen Buchausgabe lautet der Untertitel: „Metaphysische Infrastruktur des menschlichen Lebens“.

Die klassische Metaphysik bemühte sich um Antworten auf so schlichte Alltagsfragen wie: Was ist Wahrheit? – Antwort: Übereinstimmung von Erkenntnis mit der Wirklichkeit. Was ist Wirklichkeit? – Antwort: Alles, was ist. Wieso ist alles, was ist – und nicht nichts? Eine Antwort auf diese Grundfrage der Philosophie des Seins (Ontologie) erfordert weiteres Fragen. Beispielsweise: Ist Sein wahr? Ist Sein etwas Gutes? Für jedes seiende Einzelding gilt klassisch, dass Eines, Wahres, Gutes und Schönes austauschbare Bezeichnungen, also Synonyme des Seins sind. Von diesem ontologisch Guten zu unterscheiden und ihm nachgeordnet ist das ethisch Gute – das kraft Vernunft der Mensch erkennen und dank freien Willens wählen kann. Schon Aristoteles definiert Freiheit als die Fähigkeit zur Entscheidung für das Gute und nennt die abweichende Entscheidung Missbrauch der Freiheit. Damit fordert Aristoteles ein heute geläufiges Freiheitsverständnis heraus. Statt Wahl aus Liebe zum Guten neigt in Sachen Moral der moderne, seine Autonomie pflegende Mensch dazu, als Selbstgesetzgeber aufzutreten. Die Wurzel des sittlich Guten im ontologisch Guten wird dabei übersehen oder übergangen.

Metaphysik setzt, so Brague, „entschieden positive Bejahung, nämlich die Identifikation des Seins mit dem Guten“ voraus. In seiner differenzierten Auseinandersetzung mit modern metaphysikvergessener und -kritischer Unentschiedenheit kommen klassisch-metaphysische Denker seit Platon und Aristoteles hinreichend zu Wort. Ob Augustinus, die arabischen Autoren Avicenna und Averroes, Thomas von Aquin oder auch Duns Scotus – es fehlt nicht an Hinweisen und Zitaten. Wie Brague deutlich zeigt, wollte in den letzten drei Jahrhunderten das vorherrschende Empirie- und Physik-Vertrauen nicht „das Natürliche zugunsten von Fiktionen“ aufgeben und reduzierte das Sein der Dinge auf deren Existenz. Die Existenz wurde zunehmend als zufällig verstanden – „neutralisiert, entledigt allen Lichtes, das vom Guten kommen würde“.

In der Kritik prägen Philosophen phasenweise bestimmte allgemein verbreitete Vorstellungen, sozusagen den „Zeitgeist“, der wiederum zu Einsprüchen einschlägiger Philosophen provoziert, auf die einzeln hier nicht näher eingegangen werden kann. Es ist wohl ein Freiheitsdrang des Denkens, der die Erkenntnis der Herrschaft menschlichen Urteils und Willens unterwirft – bis schließlich hin zur Vorherrschaft des Willens über die Vernunft.

Von jenem entschiedenen Ja zur Identifikation des Seins mit dem Wahren und Guten ist kaum noch die Rede. Um die Metaphysik zu retten, „verschiebt“ Kant die Frage nach der Erkenntnis des Guten aus der Ontologie in die praktische Philosophie: ins Handeln des Menschen, in die Moral. Leibniz' „Optimismus“ hatte noch von der besten aller möglichen Welten geschwärmt. Und Schopenhauer wie Nietzsche wohl damit zum „Pessimismus“ und „Nihilismus“ herausgefordert – mit der bald folgenden Erkenntnis, der Existenz sei vorzuziehen, nicht zu existieren. Die „logischen Positivisten“ des Wiener Kreises, vertreten durch Rudolf Carnap, lehnen, vollends szientistisch orientiert, die Metaphysik als „Mystizismus“ ab. Schon Schopenhauer hatte auf einen Zwiespalt hingewiesen: Entgegen einem Vorzug der Vernunft, nicht zu existieren, erscheine im Leib der Wille zum Leben, dessen Zerstörung Angst mache. Dass die Metaphysik Angst mache, kommt auch bei Heidegger zum Ausdruck, dessen Streben dahin geht, die Metaphysik zu überwinden. Von der pessimistischen These, die Nicht-Existenz der Existenz vorzuziehen, ist die Frage nach einer Rechtfertigung der Beendigung des eigenen Lebens (Akzeptanz des Selbstmords) ebenso wenig zu trennen wie die der Zerstörung des Lebens anderer (wie im 20. Jahrhundert vielfach amtlich legitimiert und praktiziert). Die Frage ist emotionsbeladen. Dem entgehend lenkt Brague die Aufmerksamkeit auf die Weitergabe des Lebens. Immerhin hatte schon Schopenhauer bewusst auf Fortpflanzung verzichtet, wenn auch weniger radikal als Gustave Flaubert oder gar David Benatar, der „behauptet, dass wir nicht nur nicht die Pflicht haben, uns fortzupflanzen, sondern dass wir sogar die Pflicht haben, es nicht zu tun“.

So schlicht wie zugespitzt stellt sich Brague dem Problem: Jemand antwortet auf die Frage „Liebst Du das Leben?“ mit „Ja“. Meinen Sie Ihr eigenes Leben, von ernsten Widrigkeiten verschont, mit glücklichen Erfahrungen und Erfolg, oder lieben Sie das Leben allgemein, das Leben als solches? Ist die Zeugung eines Kindes etwas Gutes oder unvernünftig, weil sinnlos? Zur Antwort auf folgende Nachfrage fordert das Buch den Leser heraus: Wenn das Leben von Menschen als solches etwas in sich Gutes – also liebenswert – ist, wie erklärt sich dann das seit 50 Jahren herrschende Bemühen um dessen Verhütung, vorgeburtliche Zerstörung und das beeindruckende Geburtendefizit unserer Gesellschaften?

Rémi Brague selbst antwortet auf die Frage nach dem mit dem Sein identischen Guten des menschlichen Lebens mit dem Titel seines Buches: „Anker im Himmel“.

Rémi Brague:
Anker im Himmel. Metaphysik als Fundament der Anthropologie,
Verlag Springer VS, Wiesbaden 2018, (Reihe: Das Bild vom Menschen und die Ordnung der Gesellschaft), übersetzt aus dem Französischen von Hermann Kleber, mit einer Schlussbetrachtung von Christoph Böhr, dem Herausgeber der Reihe. 148 Seiten, EUR 29,90

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