Islamisches Recht und Rechtsdenken

Teil 3 der „Tagespost“-Serie zum Islam: Gott will weder das Patriarchat noch die Tötung Glaubensabtrünniger

Meinungsvielfalt ist ein Markenzeichen des islamischen Rechts Von Professor Mathias Rohe

Will Gott das Patriarchat? Verlangt er die Tötung Glaubensabtrünniger? Islamisches Recht leitet sich nach seinem Selbstverständnis von Gott als Normengeber ab. Was aber besagt diese Feststellung für das Recht? Gibt es überhaupt ein „islamisches Recht“?

Hier kommt häufig der Begriff „Scharia“ ins Spiel. Die Scharia aber ist viel mehr als das Recht des Islam. Sie umfasst das gesamte System der islamischen Normen- und Verhaltenslehre. Die vergleichsweise wenigen rechtlichen Vorschriften stellen nur einen kleinen Teil dar.

Schon die klassische, vor allem seit dem 8. Jahrhundert entwickelte Lehre hat mit dem sogenannten „Fiqh“ eine Spezialmaterie entwickelt, welche einerseits die Ritualvorschriften (Gebet, Fasten, Pilgerfahrt etc., „'ibadat“) und andererseits die im Diesseits verbindlichen und durchsetzbaren Normen („mu'amalat“) enthält.

Nur dieser letztgenannte Bereich erfüllt die Funktion von Recht im Sinne der Regelung von Beziehungen unter Menschen, und er ist auch in der islamischen Normenlehre deutlich von denjenigen Vorschriften getrennt, die das Verhältnis Mensch-Gott betreffen. Die islamische Normenlehre hat sich über fast 1 400 Jahre in einem nun weltumspannenden Raum entwickelt. So ist auch das islamische Recht keineswegs ein präzises Gesetzbuch, sondern ein höchst komplexes System von Normen und von Regeln, welche die Auffindung und Interpretation der Normen erst möglich machen. Dieser letztgenannte Bereich, die „usul al-fiqh“ („Wurzeln der Normenlehre“), ist der Schlüssel zum Verständnis des islamischen Rechts.

Dabei finden sich erhebliche Unterschiede zwischen sunnitischen und schiitischen Schulen, die zudem ein großes Maß an innerem Meinungspluralismus kennen. Meinungsvielfalt und damit auch Ergebnisvielfalt ist damit ein Markenzeichen des islamischen Rechts. „Das“ eine, festgelegte islamische Recht gibt es nicht.

Immerhin besteht weitgehend Einigkeit über die Hauptquellen des Rechts, nämlich den Koran und die einschlägigen Überlieferungen des Propheten des Islam Muhammad (Sunna), soweit sie als authentisch anerkannt werden. Sehr viele werden als später gefälscht oder zumindest als zweifelhaft angesehen.

Hier finden sich nur vergleichsweise wenige rechtliche Regelungen, die insbesondere das Familien- und Erbrecht, das Strafrecht und das Vertragsrecht betreffen. Alle weiteren Quellen wie Gelehrtenkonsens, Analogie und andere Schlussverfahren sind hinsichtlich ihrer Voraussetzungen und ihrer Tragweite umstritten. Damit kommt der Interpretation der jeweiligen Normen entscheidende Bedeutung zu.

Dies gilt auch für diejenigen aus Koran und Sunna: Selbst bei vermeintlich eindeutigem Wortlaut muss stets geprüft werden, ob die betreffende Norm zu allen Zeiten, an allen Orten und für alle Menschen gelten soll, oder ob sie nur einen jeweils eingeschränkten Kreis betrifft.

Diese Fragen haben sich die islamischen Gelehrten seit den Anfangszeiten und bis heute gestellt, und so wird auch ein hohes Maß an Flexibilität zur Anpassung an veränderte Lebensumstände ermöglicht. Der Zugang zu solch eigenständiger Interpretation wird als „Idschtihad“ bezeichnet, als eigenständiges Überlegen und Argumentieren.

Damit verliert letztlich die Aussage, Gott alleine sei der Normengeber, weitgehend an innerem Gehalt: Es sind stets fehlbare Menschen, welche die Normen auffinden, gewichten und interpretieren, und das Ergebnis ist ein menschliches Konstrukt, das steter Veränderung unterliegt.

Uneinigkeit herrscht darüber, wer solchen Idschtihad in welchen Fällen und in welchem Umfang betreiben darf. Während er in der Entstehungszeit des islamischen Rechts eine herausragende Rolle gespielt hat (ohne schon so benannt worden zu sein), hat sich insbesondere im sunnitischen Islam seit dem 10. Jahrhundert eine lange Zeit relativer Stagnation angeschlossen, in der die einmal formulierten Gelehrtenmeinungen weitgehend kritiklos übernommen wurden.

Diese Phase wurde seit ungefähr 150 Jahren wieder von intensiver neuer Argumentation und Neuinterpretation abgelöst, die dann auch umfangreiche Gesetzgebungsinitiativen und inhaltliche Reformen ausgelöst haben. Weitgehend unproblematisch waren solche Initiativen, soweit sie Bereiche betrafen, die nicht oder nur vage von anerkannten Rechtsquellen geregelt wurden, wie das Verwaltungsrecht, große Teile des Strafrechts und des Zivil- und Wirtschaftsrechts.

Auch die drakonischen Straftatbestände wie das Abhacken der Hand für bestimmte Formen des Diebstahls wurden in den meisten islamischen Staaten ohne weiteres abgeschafft. Ihre Fortführung oder Wiedereinführung ist vor allem als Politikum zu werten: Im Gegensatz zur Vergangenheit, wo die Anwendung dieser harten Strafen meist vermieden wurde, versuchen nun manche Politiker, sich durch rigorose Maßnahmen als besonders islamgetreu zu profilieren, wobei sie die tatsächliche Vergangenheit, auf die sie sich berufen, schlicht ignorieren. Zudem können neue Interpretationen zu rechtsstaatlich akzeptablen Ergebnissen gelangen.

Ein Beispiel hierfür ist der Umgang mit vom Islam Abgefallenen. Der Koran droht für Glaubensabfall mit schweren Strafen im Jenseits. Die im Diesseits praktizierte Tötung geht auf eine in ihrer Authentizität umstrittene Aussage Muhammads zurück. Maßgebliche neuzeitliche Interpreten kommen zu dem Ergebnis, dass sich eine derartig massive Sanktion nicht auf eine so zweifelhafte Grundlage stützen könne. Zudem sei zu erfragen, was eigentlich das Anstößige am Glaubensabfall sei.

Ein Blick in die islamische Frühgeschichte lehre, dass es hierbei um die Abkehr von der neuen islamischen Gemeinde in bewaffnetem Aufstand gegangen sei. Strafbar sei also nur die (weltliche) Komponente des gewaltsamen Hochverrats, der Religionswechsel alleine sei es nicht, was sich auch aus einer koranischen Aussage ergebe, die Religionsfreiheit fordere (Sure 2, 256).

Das zeige sich auch daran, dass man bereits in der Vergangenheit vom Islam abgefallene Frauen nicht mit dem Tode bestraft habe, weil man sie offenbar als „ungefährlich“ angesehen habe. Allerdings wird die Abkehr vom Islam zwar weitgehend nicht mehr bestraft, aber doch noch verbreitet sozial geächtet, bis hin zu kriminellen Übergriffen auf die Betreffenden.

Die intensivsten Auseinandersetzungen erfolgen im Familien- und Erbrecht. Dessen klassische patriarchalische Ausprägung wird von Traditionalisten als Kernelement des Islam verstanden, das sie gegen angeblich verderbliche westliche Einflüsse verteidigen wollen.

Dennoch hat es auch hier in vielen – nicht in allen – Teilen der islamischen Welt substanzielle Verbesserungen für Frauen gegeben, auch wenn noch nirgends Gleichberechtigung herrscht, die auch im Westen noch eine neue, in der Praxis noch nicht durchweg umgesetzte Errungenschaft ist. Vieles, was uns als „islamisch“ gegenübertritt, beruht allerdings auf regionalen kulturellen Gewohnheiten, die teilweise überhaupt nicht mit dem klassischen oder gar modernen islamischen Rechtsverständnis zu vereinbaren sind.

Ein Beispiel ist die völlige Entrechtung von Frauen im paschtunischen Stammesrecht, welches das Leben in weiten Teilen Afghanistans und Pakistans prägt, oder der sogenannte „Ehrenmord“. Zudem werden manche rigorosen Vorschriften durch soziale Ausgleichsmechanismen abgemindert, etwa bei der einseitigen Scheidungserklärung durch den Ehemann, der sich diesen Schritt überlegen wird, wenn er den Großfamilienzweig, mit dem er durch die Ehefrau verbunden ist, nicht gegen sich aufbringen will. Dennoch wird auch unter Muslimen heute vielfach weiterer Reformbedarf gesehen, wobei die traditionelle Gelehrtenschaft immer noch starken Widerstand leistet. Das zeigt sich beispielsweise bei gegenwärtigen Versuchen im Jemen, das Heiratsmindestalter anzuheben, um die unerträgliche Zwangsverheiratung junger Mädchen zu verhindern.

All dies zeigt ein buntes Bild von immer noch starkem Traditionalismus und teilweise schon umfangreicher Reform. Im Ergebnis werden heute nur noch die religionspraktischen Vorschriften wie Gebet und Fasten als unveränderlich obligatorisch angesehen, nicht aber der Bereich des Rechts.

Insofern besteht kein fundamentaler Unterschied zu säkularen Rechtsstaaten, die ihrerseits einen Grundbestand von Rechten (Menschenrechten) für unantastbar erklären, also dem demokratischen Mehrheitswillen entziehen. In wichtigen Rechtsbereichen liegen die Ansichten nicht weit auseinander, so in weiten Teilen des Bürgerlichen Rechts. Islam-rechtliches Wirtschaften hat geradezu Konjunktur auch im Westen, soweit es das Verbot von Spekulationsgeschäften nicht nur formell, sondern auch inhaltlich einhält. In anderen Bereichen sind erhebliche Gegensätze zu verzeichnen, insbesondere bei der Gleichberechtigung der Geschlechter und Religionen.

Die islamischen Menschenrechtserklärungen, welche die Menschenrechte unter einen praktisch unbegrenzten Scharia-Vorbehalt stellen, sind deshalb kein substanzieller Fortschritt. Mögliche Ansätze finden Islamgelehrte unserer Tage in einer Neuinterpretation der grundlegenden Güter, welche das islamische Recht schützen soll; neben Person, Nachwuchs, Verstand und Vermögen zählt dazu das mit „Din“ beschriebene Recht, das manche nun als „Allgemeinwohl“ übersetzen, das für alle Menschen gleichermaßen gelte.

Nach alledem gilt: Auch im Islam will Gott weder das Patriarchat, noch verlangt er die Tötung Glaubensabtrünniger. Es sind Menschen, welche die Normen des Islam so auslegen oder aber, wie ein Mohamed Hashim Kamali oder eine Amina Wadud, auf derselben Grundlage Gleichheit der Religionen und Geschlechter einfordern.

Der Autor ist Jurist und Islamwissenschaftler sowie Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Zum Thema seines hier publizierten Beitrags im Rahmen der „Tagespost“-Serie zum Islam veröffentlichte er im C. H. Beck Verlag das Standardwerk „Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart“, 2. Auflage München 2009.

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