Integriert und unsichtbar?

Das Deutsche Polen-Institut veröffentlicht sein Jahrbuch: Das Thema „Migration“ ist hochaktuell

Die meisten Deutschen verbinden mit dem Thema „Migration“ und „Integration“ Einwanderer aus dem islamischen Kulturraum – wahrscheinlich, weil es mit dieser Herkunftsgruppe aufgrund der äußerst verschiedenen religiösen und kulturellen Prägungen die meisten sozialen Spannungen und Konflikte gibt. Als weitestgehend gelungen und deshalb nicht besonders erwähnenswert wird generell das Dasein der in Deutschland lebenden Polen oder polnischsprachigen Personen aufgefasst. Eine Gruppe von Menschen, die je nach Ministerium mit über eine Million oder sogar zwei Millionen Bürgern beziffert wird.

Dass diese Gruppe sich trotzdem keiner besonderen Beliebtheit erfreut, war besonders im Zuge des polnischen EU-Beitritts am 1. Mai 2004 zu spüren: unlautere Konkurrenz, Lohndumping – all dies brachten deutsche Arbeitnehmer und Politiker lautstark mit Polen in Verbindung, was dazu geführt hat, dass Deutschland (neben Österreich) als letztes Land in Europa in 2011 die Arbeitsmarktbeschränkungen für Polen aufheben wird.

In dem Spannungsbogen zwischen der Bedeutung der polnischsprachigen Bürger in Deutschland, dem realen Migrationsgeschehen aus Polen nach 2004 und dem möglichen ab 2011 bewegt sich denn auch das Themenspektrum des aktuellen Jahrbuchs Polen 2010 mit dem Titel „Migration“, bei dem zahlreiche kompetente Wissenschaftler und Publizisten als Autoren mitgewirkt haben. So legt Migrations-Experte Elmar Hönekopp in seiner Analyse des deutschen Arbeitsmarktes die legalen Beschäftigungsmöglichkeiten für Polen in Deutschland nach 1990 dar, unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklung nach 2004: Angesichts der demographischen Herausforderungen in den westlichen Industrieländern, so Hönekopp, habe der Wettbewerb um die „besten Köpfe“ inklusive der Polens bereits begonnen. Deutschland aber laufe in dieser Hinsicht der Entwicklung hinterher.

Eine politische Gemeinschaft

Auf die Frage, ob die Polen 2011 tatsächlich kommen werden, antwortet der „Gazeta Wyborcza“-Journalist Bartosz Wieliñski, sie seien längst da. Und doch ist mit mehr zu rechnen: „Ich vermute, dass die Polen sich in deutschen Städten ansiedeln werden. Renommierte Wissenschaftszentren werden Spezialisten an sich ziehen, ähnlich wie die großen Konzerne und Banken. Polnisches Bürgertum wird in Hamburg, Frankfurt, München und Düsseldorf auftauchen. Die ältere Generation der polnischen Emigranten von vor 25 Jahren wird sie anschauen und sich verwundert die Augen reiben. In ihrer Generation war ein Manager mit polnischem Pass etwas Besonderes, aber bald wird er zum Alltagsbild gehören.“

Über die vermeintliche, noch existierende Unsichtbarkeit der Polen in Deutschland macht sich der taz-Journalist Uwe Rada seine Gedanken und erkennt neue bekannte polnische Sympathieträger: Auf dem Fußballfeld (Lukas Podolski, Miroslav Klose), auf Bühne und Leinwand (Thomas Godoj, Natalia Avelon), in den Medien (Adam Soboczynski vom Feuilleton der „Zeit“).

Zu den fundiertesten Essays des Buches gehört sicherlich „Hybride Identitäten“ von Basil Kerski, Chefredakteur des zweisprachigen deutsch-polnischen Magazins „Dialog“. Darin liefert Kerski nicht nur eine detaillierte Rückschau auf die polnische Migrationsgeschichte in Preußen, in der Weimarer Republik und in Westdeutschland, angereichert mit Vergleichen aus dem internationalen Kontext (USA, Grossbritannien, Israel, Australien), sondern er wirft auch einen schonungslosen Blick auf die Gegenwart der Berliner Republik. Seine selbstbewusste Forderung: „Die Bundesrepublik definiert sich heute weniger als eine ethnische Schicksalsgemeinschaft denn als eine politische Gemeinschaft, als eine Nation mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln. Das durch Einwanderer eingebrachte polnische, türkische oder italienische Kulturerbe wird somit auch zu einem Fundament für die moderne deutsche Nation, für die politische Gemeinschaft der Deutschen.“

Vielleicht geht dies denn doch ein paar Schritte zu weit, auch wenn andererseits nicht bestritten werden kann, dass die neue polnische Demokratie ihrerseits die deutsche Minderheit und ihr Kulturerbe in Polen fördert. Sicher wäre es zunächst gut, wenn die Deutschen sich überhaupt ein bisschen mehr für die polnischsprachigen Bürger in Deutschland interessieren würden. Für ihr Leben, für ihren kulturellen Hintergrund. Mit Respekt für die kolossale Integrationsleistung unserer östlichen Nachbarn. Bei diesem Weg des Kennenlernens kann das Jahrbuch Polen 2010 sehr nützlich und hilfreich sein – und unterhaltsam dazu. mee

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