In einfacher Sprache Zeugnis geben

Zum zehnten Mal „Jozef-Tischner-Tage“ in Krakau: International, interessant und inspirierend

Den Status des polnischen Priesters und Philosophen Jozef Tischner (1931–2000) kann man auch zehn Jahre nach seinem Tod in seinem Heimatland nicht hoch genug einstufen, und vielleicht ist es ein glücklicher Zufall für die Seele der Nation, dass die Feierlichkeiten zu seinem 10. Todestag im Juni schon jetzt begannen – mit den sogenannten „Tischner-Tagen“ (Dni Tischnerowskie), die zum zehnten Mal vom 21. bis 24. April in Krakau stattfanden, der Stätte seines priesterlichen und philosophischen Wirkens. Denn, wie Zbigniew Stawrowski, der Direktor des Jozef-Tischner-Institutes es im polnischen Radio schon vor Beginn ausdrückte, können diese Tage durchaus „eine Brücke von dem Trauma von Smolensk hin zum Alltagsleben sein. Ein wichtiger Übergang für die Zukunft“. Brücken habe Jozef Tischner viele gebaut. „Seit 10 Jahren gehen wir auf diesen Brücken. Wir müssen wissen, wie man sie baut und weiterbildet“, so Stawrowski.

Dabei begannen diese Tage, durchaus ungewöhnlich für philosophische Konferenzen, mit einer Gedenkmesse für Jozef Tischner, zelebriert von Bischof Tadeusz Pieronek in der Studentenkirche St. Anna. Darauf folgte eine Preisvergabe durch das „Institut für die Wissenschaften vom Menschen“ aus Wien, das in Erinnerung an das Wirken Jozef Tischners jährlich Stipendien an polnische und amerikanische Wissenschaftler vergibt. Der zu Ehrende polnische Wissenschaftler befasst sich mit dem polnisch-sowjetischen Verhältnis in den 1950er Jahren. Allerdings von Texas aus, weshalb er bei der Preisvergabe leider fehlte.

Richtig los ging es dann am Freitag mit einer großen internationalen Konferenz in der Jagielonen-Universität. Zum ersten Mal bei den „Tischner-Tagen“, verbunden sicherlich auch mit der Absicht, dem polnischen Philosophen den internationalen Kontext zu geben, den er verdient. Mit „Das Wort und der Glaube im Moment des Durchbruchs“ war dieser erste Konferenztag überschrieben, in Anlehnung an einen Essaytitel Jozef Tischners.

Professor Jan Dyduch, Rektor der Päpstlichen Universität in Krakau, machte in der Eröffnungsrede deutlich: „Pfarrer Jozef Tischner ist ein wundervoller Führer geworden für den Dialog zwischen dem Glauben und der modernen Welt. Er war in der Lage, in seinem Forschen die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils angemessen zu interpretieren, die Größe Gottes und die Würde des Menschen.“

Der Dominikanerpater Pawel Kozacki, Chefredakteur des theologischen Magazins „W drodze“ und Prior des Ordens in Krakau, wies in seinem Vortrag „Die Situation des Christentums in Polen – heute und in Zukunft“ auf drei Versuchungen hin, denen die katholische Kirche in Polen aus seiner Sicht ausgesetzt sei. Nämlich erstens: Die Überzeugung vieler Kleriker, auf „materielle Mittel“ bauen zu können. Zweitens, so Kozacki: Die Versuchung der Sicherheit. Sprich: Das Gefühl, sicher zu sein in den vorhandenen Strukturen, was aus Sicht Kozackis eine Angst vor Neuem auslöse. Und drittens die Versuchung der Macht, die aus der unreflektierten Überzeugung komme, „dass wir die dominierende Religion in Polen vertreten“. Provozierende, liberal anmutende Thesen, die für die Dominikaner in Polen durchaus typisch sind. Ungewöhnlich dann jedoch Kozackis Schlussfolgerung und Empfehlung, wie man die Versuchungen überwinden solle: nämlich: „Wir sollten den Missionsauftrag ernster nehmen, wir sollten die Menschen zu wirklichen Jüngern Jesu machen und sie nicht nur belehren.“ Worte, die man selbst von konservativen Katholiken in Deutschland selten hört.

Es folgte ein Beitrag von Philosophieprofessor Tadeusz Gadacz über die „religiöse Inspiration in der postmodernen Welt“. Gadacz konstatierte eine Form der „Neotheologie“, also eine Rückkehr des Interesses an Gott in der Moderne. „Dank der postmodernen Reflexion ist eine Neuentdeckung der Rolle der Inkarnation, des Leidens und dem Sterbens Gottes am Kreuz und der Liebe im Gang.“ Jedoch warnte Gadacz, dass postmoderne Denker zur gleichen Zeit in die „Falle Nietzsches“ geraten könnten: Die Unfähigkeit, die Dialektik von Macht und Schwachheit aufzuheben. Gadacz wies darauf hin, dass nur der „barmherzige Gott“ aus dieser Falle herausführe.

Am zweiten Diskussionstag ging es schließlich um „Die Wege und die Unwegsamkeit der Säkularisierung“, inspiriert vom neuen Buch des kanadischen Philosophen Professor Charles Taylor „Säkulares Zeitalter“. Dem anwesenden Taylor ging es in seinem Vortrag nicht nur um eine realistische Diagnose der Säkularisierung, er sprach auch über Bedingungen, in denen Menschen immer noch ihren Glauben praktizieren wollen und können. Sowie gegenwärtige Wege zum Glauben. Dabei erwähnte er lobend Jean Vanier, den Gründer der „Arche“. Laut Taylor habe Jean Vanier gespürt, wie das moralische Leben zur Routine werden könne und Institutionen in ihrem sozialen Wirken erstarren und degenerieren. „Was zählt, ist ein Zurück zu den Quellen, eine echte Begegnung von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Gott.“

Wie jedes Jahr so war auch in 2010 der Höhepnkt der „Tischner-Tage“ eine Vorlesung, die „Colloquia Tischneriana“, welche dieses Jahr der Priester Professor Tomas Halik von der Karlsuniversität in Prag hielt. Der Titel: „Solidarität der Pilger – Die Christenheit auf dem Platz der Heiden“. Darin erinnerte Halik an ein Konfliktbild Jozef Tischners, nämlich den Streit zwischen Priester und Künstler, wie man den Heiligen Bruder Albert malen solle. In diesem Streit, so Halik in Anlehnung an Tischner, tauchen zwei Verständnisse des Christentums auf. Der Priester möchte, dass auf dem Bild gezeigt werde, wie Bruder Albert den Armen das Brot gibt.„Das ist die Vision der Kirche, die gibt, was ihr gehört.“ Der Künstler möchte, dass Albert in dem Armen Christus sieht. Laut Halik „eine Vision des Christentums, das unterwegs ist, das Jesus sucht“.

In der Reihe „Philosophenhölle“ kamen Halik und Taylor mit Lukasz Tischner, einem Bruder des Philosophenpriesters zusammen. Vor 500 Zuhörern kam man zu dem Ergebnis, dass das wichtigste, aktuelle Anliegen Jozef Tischners wohl darin besteht, kein religiöses Esperanto zu kreieren, sondern in einfacher Sprache in der Welt Zeugnis zu geben.

Dass dies auch in Zukunft im Geiste Jozef Tischners geschieht, drückte am 24. April ein philosophisches Jugendtreffen an der Europäischen Hochschule Jozef Tischner in Krakau aus, bei dem als Bestandteil der „Tischner-Tage“ ein Theaterstück aufgeführt wurde: „Auf den Wegen des Schuljungen Jozefchen“. Am Samstagabend dann zum erstenmal eine Multimedia-Aufführung, „Tischners Dichter“, wo bekannte polnische Schauspieler und Künstler wie Grzegorz Turnau mitwirkten. Die Brücke geht weiter.

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