In einer Welt jenseits von Eile, Internet und Fernseher

Beim Berliner Geigenbaumeister Florian Friedrich Lehmann gibt es das Handwerk noch ohne Maschinen. Von Simon Ribnitzky
Foto: dpa | ?Geigenbauer Florian Friedrich Lehmann hängt fertig restaurierte und reparierte Geigen auf eine Vorrichtung.
Foto: dpa | ?Geigenbauer Florian Friedrich Lehmann hängt fertig restaurierte und reparierte Geigen auf eine Vorrichtung.

Kaum ein Handwerk hat sich über die Jahrhunderte weniger verändert als der Bau von Streichinstrumenten. Materialien, Werkzeuge, Techniken – alles alt. An Nachwuchs mangelt es trotzdem nicht.

Der Berliner Geigenbaumeister steht an der Werkbank, graue Haare, schwarzes Hemd, grüne Schürze. Lehmanns Blick schweift über die Geigen, die ringsum an den Wänden hängen. Rund 200 restaurierte Instrumente bietet der 57-Jährige in seiner Werkstatt in Berlin-Mitte zum Verkauf an. Vorangegangen ist bei den meisten Instrumenten eine aufwendige Reparatur. Zerbrochene Stege, Risse in der Geigendecke, abgeplatzter Lack – solche Schäden machen den Großteil von Lehmanns Arbeit aus. An Aufträgen mangelt es nicht. „Täglich kommen 20 bis 30 Kunden vorbei – und jeder will etwas anderes.“ Sich auf eine Sache zu spezialisieren sei da unmöglich. Reparatur, Klangveredelung, Handel, Verleih und Neubau: „Wir versuchen auf allen Schienen so ein bisschen zu fahren.“

„Wir“, das sind Lehmann und seine Frau Sabine, gelernte Bogenbauerin. Ein gewöhnliches Wohnhaus nahe des Bahnhofs Friedrichstraße. Das schwarze, blecherne Schild hat die Form eines Geigenkorpus', die Eingangstür ist hölzern. Lehmanns Werkstatt liegt mitten in Berlin, jeden Abend aber setzt sich der Geigenbaumeister ins Auto und fährt hundert Kilometer raus nach Brandenburg, zieht sich zurück in sein Haus am Waldrand. „Da sitze ich abends vor dem Kamin, lese – ich halte mich raus aus dieser schnelldrehenden Welt.“ Eile, Internet, Fernseher – „Ich mache da nicht mit“, sagt Lehmann.

Rund 500 Geigenbauer gibt es in Deutschland. Fast alles sind handwerkliche Kleinstbetriebe wie der der Lehmanns. Im Geigenbau ist alles Handarbeit, die Techniken sind mehrere hundert Jahre alt. „Alle Geigenbauer versuchen die Instrumente immer noch so zu bauen, wie es die großen Italiener getan haben“, sagt Lehmann. Namen wie Stradivari oder Amati stehen bis heute für die unerreichte Kunst der italienischen Meister.

Mit Maschinen kann Lehmann nichts anfangen. „Ich muss auf die Klangeigenschaften des Holzes eingehen.“ Lehmann zieht seine Hobel aus der Schublade, er braucht sie in allen Größen, der Kleinste ist so winzig wie die Kuppe seines kleinen Fingers. Fast das ganze Werkzeug stammt noch von seinem Altmeister, bei dem er vor mehr als 30 Jahren mit der Ausbildung begann und in dessen Werkstatt er bereits als Siebenjähriger ein- und ausging. „Für mich war immer klar: Es gibt nur das.“ Handwerker und Künstler zugleich muss ein Geigenbauer sein, findet Lehmann. Und noch etwas steht für ihn fest: „Ich denke, dass wir einer der wenigen Berufe sind, die auch in 100 oder 200 Jahren noch handwerklich in kleinstem Rahmen arbeiten.“

Lehmann erzählt von dem Holz, das er verarbeitet und das er zuhause in seinem Haus auf dem Schrank im Wohnzimmer lagert. Fichte, Ahorn – auch das Holz hat er von seinem Altmeister geerbt. „Die Hölzer müssen 30, 40 Jahre abgelagert werden, ich kann kein frisches Holz verarbeiten.“ Sonst klinge es nicht, sagt Lehmann. Ausgesuchtes Tonholz müsse es sein, langsam gewachsen mit engen Jahresringen. „Wenn ich ein paar Euro übrig habe, kauf ich auch mal ein schönes Holz, auf dem Hamburger Holzmarkt zum Beispiel.“

Selber verarbeiten wird er es wohl nie. Zum Neubau von Geigen komme er viel zu selten, erzählt Lehmann. Seit fast 30 Jahren ist er Geigenbaumeister, hat in seiner gesamten Laufbahn zehn Geigen gebaut.

Die letzten Geigen, die Lehmann gebaut hat, gingen nach Finnland. Zuerst bestellte die Konzertmeisterin eines großen Orchesters, nun ziehen die anderen Musiker nach. Was die Geige koste, hänge davon ab, wie sie klinge und ob er die Erwartungen des Musikers erfülle, erzählt Lehmann. „Wir hatten schon Geigen für 15 000 Euro, aber auch welche für 10 000 oder 6 000 Euro.“ Lehmann selbst spielt nur noch selten – vielleicht zu Weihnachten ein paar Lieder. „Ich bin kein Musiker“, sagt er. „Die Geige zum Klingen zu bringen, das ist mein Job. Streichen soll sie der Musiker.“

Auf dem Tisch neben der Werkbank hat Lehmann Papiere ausgebreitet. Abrechnungen, Buchführung. „Am liebsten würde ich eine Sekretärin einstellen, die sich um den ganzen Kram kümmert, aber wir Geigenbauer sind ja alle keine Millionäre“, sagt Lehmann und seufzt. Einfach nur alte Instrumente zum Klingen bringen, sehen, wie der Musiker sich freut, wenn er seine Geige in den Händen hält, das wäre sein Traum.

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