In der Not zeigt sich der Charakter

Deutsche Kinofilme: „Die feinen Unterschiede“ sowie „Liebe und andere Turbulenzen“. Von José García
Foto: Neue Visionen | Gemeinsam suchen der erfolgreiche Arzt Sebastian (Wolfram Koch) und seine Putzfrau Jana (Bettina Stucky) nach den verschwundenen Kindern. Dabei kommt der wahre Charakter des scheinbar liberalen Arztes zum Vorschein.
Foto: Neue Visionen | Gemeinsam suchen der erfolgreiche Arzt Sebastian (Wolfram Koch) und seine Putzfrau Jana (Bettina Stucky) nach den verschwundenen Kindern. Dabei kommt der wahre Charakter des scheinbar liberalen Arztes zum Vorschein.

In ihrem Spielfilmdebüt „Die feinen Unterschiede“ stellt Sylvie Michel zwei Menschen gegenüber, die kaum etwas gemeinsam haben: Sebastian (Wolfram Koch) arbeitet als Arzt im Bereich der In-Vitro-Fertilisation, wird hin und wieder zu Talk-Shows eingeladen. Von seiner inzwischen in den Vereinigten Staaten lebenden Frau hat er sich getrennt. Nun bewohnt er mit dem gemeinsamen Sohn Arthur (Leo Bruckmann) eine gediegene Villa und fährt ein Oberklasseauto. Auch seine feinen Anzüge zeugen davon, dass der Facharzt für künstliche Befruchtung finanziell abgesichert zu sein scheint. Ganz anders Jana (Bettina Stucky), die bulgarische Putzhilfe in seinem Haus, aber auch in der Klinik, die in einer kleinen Wohnung im Hochhaus wohnt, das durch die unter ihm fahrende U-Bahn immer wieder erschüttert wird. Ein Auto hat Jana nicht. Und teure Kleidung kann sie sich ebenfalls nicht leisten. Ganz unterschiedlich ist außerdem ihre Auffassung von Erziehung: Lässt Sebastian seinem 16-jährigen Sohn Arthur viel Freiraum, auch in dessen Beziehung zur Freundin Julia (Katharina Kubel), so versucht Jana ihre bereits zwanzigjährige Tochter Vera (Silvia Petkova) zu kontrollieren, damit das Mädchen wirklich ihr Studium in Berlin beginnen kann. Eines Abends gehen die Jugendlichen ohne Janas Zustimmung gemeinsam aus. Am nächsten Morgen erfährt Jana, dass Arthur und Vera nicht nach Hause gekommen sind und gerät in Panik. Sebastians Versuche, sie zu beruhigen, bewirken das Gegenteil. Provoziert von Sebastians Teilnahmslosigkeit, bricht alles aus Jana heraus, was zwischen ihnen steht. Zwischen den beiden kommt es zum Eklat.

Die Kamera von Mario Massini nimmt in diesem mit minimalistischen Mitteln inszenierten Film eine eher beobachtende Position ein, die dem Film „Die feinen Unterschiede“ eine beinahe dokumentarische Anmutung verleihen. Regisseurin Sylvie Michel konzentriert sich dadurch ganz auf ihre Figuren, um den Unterschied zwischen beiden Lebensauffassungen herauszuarbeiten. Ihr Spielfilmdebüt zeichnet das Psychogramm eines Menschen, der in sich zu ruhen scheint, dessen Widersprüche und Risse nach und nach aber offengelegt werden. So wird der in seiner Beziehung zu seinem Sohn betont lockere Sebastian auf einmal ganz schön autoritär gegenüber Arthur. Später wandelt sich seine freundliche, allerdings gönnerhafte Art gegenüber seiner Putzfrau auf einmal in das gebieterisch-hochmütige Gehabe desjenigen, der die „feinen Unterschiede“ kennt und deshalb einfach das Sagen hat. So schnell kann eine auf liberal und tolerant getrimmte Maske fallen.

Eine leichte Liebeskomödie im gesamteuropäischen Kontext verspricht auf dem Papier Jeremy Levens „Liebe und andere Turbulenzen“ zu werden. Just nachdem der italienische Busfahrer Paolo (Vincenzo Amato) der deutschen Stewardess Greta (Nora Tschirner) einen Heiratsantrag gemacht hat, begegnet er auf der Straße mehrfach der geheimnisvollen Franzosin Cécile (Louise Monot). Von seinem besten Freund und Kollegen, dem Briten Derek (Paddy Considine), bekommt Paolo einen eigenartigen Rat: Er soll die Frau auf dem Fahrrad einfach ansprechen. Paolo stellt sich nicht gerade geschickt an, und so fährt er Cécile auf dem Fahrrad an. Von schlechtem Gewissen geplagt, fährt der Busfahrer zum Krankenhaus, und plötzlich findet er sich in Céciles Wohnung wieder, wo der Italiener die Schwerverletzte versorgt und sich ihrer beiden kleinen Kinder annimmt. Weil er aber seiner angebeteten Greta nichts davon erzählt, beginnt Paolo eine Art Doppelleben, wodurch die titelgebenden Turbulenzen ihren Lauf nehmen.

Zwar herrscht in „Liebe und andere Turbulenzen“ ein sehr aufgekratzter Ton mit mehr Slapstick als echtem Witz. Zwar zeigt sich Jeremy Alvens Film in den Liebesbeziehungen unnötigerweise allzu explizit. Was dennoch am Film sehenswert bleibt, ist die Sehnsucht nach echter Liebe, die einerseits die Kraft zu vergeben einschließt, die sich andererseits den Verlockungen zu widersetzen vermag. Denn – wie Derek anmerkt – „eine Frau auf dem Fahrrad gibt es immer“.

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