Immer weniger Krieg am Computer

Deutscher Computerspielpreis verliehen – Pädagogisch wertvolle Spiele brauchen immer noch Förderung. Von Max-Peter Heyne

In München wurden am Mittwochabend durch Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) der Deutsche Computerspielpreis und die „LARA“ – der Deutsche Games-Preis verliehen (Die Preisträger lagen bei Redaktionsschluss noch nicht fest). Bei der Zeremonie im Haus der Kunst wurden Preise in zehn verschiedenen Kategorien verliehen, darunter für das beste deutsche Spiel und das beste Kinder- und Jugendspiel. Mehr als 33 Spiele waren im Vorfeld von einer unabhängigen Fachjury mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Medienpädagogik, Jugendmedienschutz und Spielebranche nominiert worden. Der Deutsche Computerspielpreis ist mit 385 000 Euro Preisgeld dotiert, das je zur Hälfte vom Staatsminister und den Branchenverbänden stammt und als Anreiz für „die Entwicklung hochwertiger und kulturell und pädagogisch wertvoller Spiele“ dient, wie Neumann betont.

Während für den Deutschen Computerspielpreis ausschließlich Spiele nominiert sind, die nicht in den Bereich der sogenannten Ego-Shooter fallen, die landläufig als „Ballerspiele“ bezeichnet werden, geht es bei der „LARA“ für die besten Games deutlich robuster zu. Schon die Titel nominierter Spiele wie „Mafia II“, „Need For Speed“ oder „God of War“ lassen erkennen, dass in dieser Rubrik auch Spiele belohnt werden, in denen Action und Kampfhandlungen dominieren. Doch deren ökonomische Vorherrschaft beginnt zu zerbröseln: Die Zahlen der Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK) für das Jahr 2009 belegen, dass mehr als 80 Prozent aller beantragten Spiele eine Freigabe der USK-Vertreter für die Nutzung durch Kinder und Jugendliche erhielten – also ab null, sechs oder zwölf Jahren – Tendenz steigend. Lediglich sieben Prozent der eingereichten Titel wurden 2009 mit der Kennzeichnung „ab 18“ versehen. Die Dominanz der auf Rasanz und Aggression ausgerichteten Actionspiele bei der zumeist männlichen, jugendlichen Klientel geht zugunsten von Strategie-, Geschicklichkeits- und Denkspielen zurück, die inzwischen mehr als die Hälfte des Angebotes ausmachen.

Preis soll Entwicklung sinnvoller Spiele fördern

Aber: Immerhin kamen 2009 noch 66 Ego-Shooter-Spiele neu auf den Markt. Mit „Call of Duty: Modern Warfare 2“ wurde ein echter Verkaufsschlager für einen der „LARA“–Preise nominiert. Insofern konnte Bernd Neumann den zwiespältigen Realitäten des Marktes bei der Preisgala doch nicht so ganz entgehen. Dennoch ist der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes G.A.M.E., Stephan Reichart, froh darüber, dass der Minister vor einigen Jahren auf die Spieleindustrie „zugekommen sei“, um mit dem Preis jenen Spielen ein wenig zu helfen, die es in den Regalen nicht ganz so leicht haben. Denn fast alle Spiele, die auf pädagogische Effekte abzielen, können die hohen Entwicklungskosten für Software, Design und Spezialeffekte nicht über den Verkauf amortisieren. Sie sind oft auf Subventionen aus Medien-Fördertöpfen angewiesen.

Gute Voraussetzungen für einen breitenwirksamen Erfolg sind Spiele, die sich an bereits etablierte Medienangebote anlehnen können, wie zum Beispiel „Willi will‘s wissen: Bei den Römern“, das auf der gleichnamigen Fernsehserie des Bayerischen Rundfunks und des Kinderkanals KI.KA basiert. Das von der Quadriga Games GmbH in Potsdam entwickelte Lernspiel für Kinder bis 12 Jahre erlaubt eine Entdeckungsreise in die Lebenswelt des antiken Roms. In der Rolle des umherlaufenden römischen Jungen Titus oder Mädchens Aurelia müssen per Mausklick unterschiedliche Aufgaben bestanden und Punkte gesammelt werden – in der Sportarena, der Taverne, in der Therme oder auf dem heiligen Berg. Auf diese Weise lernt der Spieler Wissenswertes über Kultur, Politik, Bildung und Wehrhaftigkeit der antiken Gesellschaft.

An der ausgeklügelten Optik moderner Comics und Animationsfilme orientiert sich das Spiel „A New Beginning – Ein neuer Anfang“ der Deadalic Entertainment GmbH, Hamburg, das als Bestes Jugendspiel für Kinder über 12 Jahre nominiert ist: In diesem interaktiven Abenteuerspiel muss die Welt vor der drohenden globalen Klimakatastrophe gerettet werden. Ähnlich tagesaktuell, aber im naturalistischen Stil animiert, ist die wissenschaftlich fundierte Aufbau-Simulation „E.2010 – Power to Energetika“ der Takomat GmbH, Köln, bei der Spieler einen zukunftsfähigen Energiemix erstellen muss, der das Land Energetika 40 Jahre lang ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltig versorgen soll. Das komplexe Spiel, das Erkenntnisse über die Zusammenhänge zwischen Energieversorgung und -wirtschaft vermittelt, ist in der Kategorie „Serious Games“ nominiert. Diese Spiele erzielen über Simulation und Nachahmung Lerneffekte. Unterhaltung steht nicht an erster Stelle.

„Lernen durch positive Verstärkung“, ist einer der Grundsätze bei den „Serious Games“, deren Herstellung besonders kostenintensiv sein kann, wie Spieleentwickler Felix Gers aus eigener Erfahrung bestätigt. Gers' Berliner Firma Villa Hirschberg GmbH war im vergangenen Jahr mit dem „Großen Sarah-Wiener-Kochspiel“ als „Serious Game“ für den Computerspielpreis nominiert. Das Spiel zum Nachkochen spezieller Gerichte a la TV-Köchin Sarah Wiener besteht unter anderem aus 2 600 Fotos, einem eigenen Sounddesign mit der Originalstimme von Sarah Wiener und 250 verschiedenen Kochgeräuschen sowie zehn komponierten Songs. Ohne 50 000 Euro aus einem Spezialfonds wäre das Spiel nicht realisierbar gewesen, so Felix Gehrs.

Alle Gewinner unter www.deutschercomputerspielpreis.de

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