Im Zauber der Grande Bellezza

Zwischen Mythos, Verklärung und Morbidität: Venedig – Die ewige Stadt der Literatur. Von Björn Hayer
Foto: dpa | Wo auch Nietzsche ein Gedicht schrieb: Die Rialto-Brücke in Venedig.
Foto: dpa | Wo auch Nietzsche ein Gedicht schrieb: Die Rialto-Brücke in Venedig.

Silbern schimmert die Piazza San Marco, wenn die ersten milden Lichtstrahlen die Lagunenstadt durchdringen. Man hört „Erwachende Glocken. – In allen Kanälen/ Flackert erst ein Schimmer noch zitternd und matt,/ Und aus dem träumenden Dunkel schälen/ Sich schleichend die Linien der ewigen Stadt.“ Die Morgenstimmung, welche Stefan Zweig in seiner Hommage an den „Sonnenaufgang in Venedig“ poetisch zu fassen sucht, entspringt dem Mythos einer Grande Bellezza, eines Venedigs aus Glanz und Magie, einer Schönheit, die nie vergeht.

Schon seit jeher rankt sich um die Perle der Adria ein Schleier, der die gesamte Kultur- und Literaturgeschichte durchdringt. Bereits mit William Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ tut sich seine gesamte Spannbreite auf: als christlich-osmanische Scharniermetropole verbindet ihr Hafen die Kulturen miteinander. Im Inneren ist die Liberalität der Dogenstadt jedoch auf eine harte Probe gestellt. Denn der Jude Shylock fordert für unbeglichene Schulden das Fleisch des christlichen Händlers Antonio und sucht die religiöse Konfrontation. Gier und Generosität, Barmherzigkeit und Buße stehen einander gegenüber.

Finstere Wolken ziehen dann erst recht mit Friedrich Schillers Roman „Der Geisterseher“ auf, in dem sich der Prinz O. im venezianischen Strudel von Kabalen und politischen Machenschaften verliert. Überhaupt kristallisiert sich im Laufe der Jahrhunderte das Labyrinth als geltende Formkontur der italienischen Ikone heraus, worin gerade die Moderne die Suche nach göttlicher Orientierung durchspielt. In Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ führt der Irrgarten hingegen direkt in den Tod. Als sich der an den Komponisten Mahler angelehnte Protagonist und Schriftsteller Gustav von Aschenbach auf eine Reise nach Venedig begibt, ist bald schon seine gesamte Aufmerksamkeit von der engelhaften Knabengestalt Tadzio eingenommen. Melancholie und Schönheitsdrang schlagen nicht mehr ins Schöpferische, sondern ins Morbid-Dekadente um, bis sich der dionysisch verzückte Künstler selbst in den engen Gassen der Lagunenstadt verliert und zugrunde geht.

Wie sich die adriatische Sonnenstätte über Jahrhunderte hinweg zu einer vielschichtigen Erzählung entwickelte, Weltoffenheit und Untergangsstimmung in sich aufnahm, Herberge und Inspirationsquell für allerhand Kunstschaffende wurde, lässt sich in summa wunderbar an Thomas Hettches zwischen Essay und Roman schwankendem Werk „Animationen“ ablesen. Hierin blättert der Leser zwischen Zitatpassagen, flaniert durch eine literarische Topografie, bestehend aus zahllosen mythischen Schichten. Derweil scheint der ursprüngliche Ort unterhalb der kulturhistorisch angehäuften Schichten gar nicht mehr zugänglich. Venedig ist zu einer postmodernen Schimäre, einer Animation, avanciert.

Auch in der Lyrik scheint die Lagunenstadt, welche in der Wirklichkeit buchstäblich um das Bestehen des eigenen Grundes ringen muss, zeitlose Gültigkeit zu besitzen, wie die just erschienene Anthologie „Venedig. Der venezianische Traum. Gedichte – ausgewählt von Tom Schulz und Ron Winkler“ belegt. Durch das gesamte 19. und 20. Jahrhundert hindurch – so das Spektrum des Bandes – huldigen Schriftsteller der kunstvollen Stadt, errichtet in der Brandung des Meeres, flüchten sich in Nostalgie und taumelnde Imagination. Dass der eklektizistisch zwischen christlich-abendländischen und byzantinischen Stilelementen lebende Sehnsuchtsort vor allem innerlicher Natur ist, macht Rose Ausländer bereits im aneignenden Titel ihrer liebevollen Miniatur „Mein Venedig“ deutlich: Das Lyrische Ich projiziert sich in Paläste und Wellen und bekennt zuletzt: „Mein Venedig/ versinkt nicht“, sondern besteht im Inneren fort. Es zieht ein und strahlt aus, fungiert als Quelle der Inspiration. Welches Musenkusses der Dichter dort gewahr werden kann, liest sich etwa an Friedrich Nietzsches „Mein Glück!“ ab. Erfasst vom „stille[n] Himmels-Dach, blau-licht, von Seide“ sowie dem einzigartigen Klang der Plätze verspürt der Schreiber die Lust an virtuosem Schöpfertum. „Viel Tag für Dichten, Schleichen, Einsam-Munkeln“. Hier ist der Genius bei sich, als Flaneur und inwendiger Träumer.

Wo man den Eindruck gewinnt, alles „würde heimlich in sich ruhn“ (Helmut Krausser: „San Michele, Venezia“), findet die Liebe ihre Heimstätte. Tagebuchartig sinnt Friederike Mayröcker am 27. Dezember 2008 ganz im Sentiment der „Venedigträne“ vergangenen Tagen mit Ernst Jandl am Markusplatz nach. „ich imaginierte mich in 1 der palazzi, es war 1 Frühlingstag ich habe viel vergessen wir waren noch am Leben und unsere Glieder heil.“ (aus: „das brot verschimmelt in der lade: rabenschwarz“) Auch Albert Ostermaier erzählt von einer zarten Liebesbegegnung in winterlicher Lagunenruhe. Wohingegen die einen die vermeintlich sakrale Ewigkeit Venedigs feiern, sehen andere darin die Vitalität ständiger Veränderung. Für Rainer Maria Rilke etwa ist das Lido-Refugium Sinnbild der Metamorphose. „Fürstlich verwöhnte Fenster sehen immer,/ was manchesmal uns zu bemühn geruht:/ die Stadt, die immer wieder, wo ein Schimmer/ von Himmel trifft auf ein Gefühl von Flut,/ sich bildet ohne zu sein“, schreibt der Symbolist in seinem Gedicht „Venezianischer Morgen“. Schon das Paradoxon „bemühn geruht“ umfasst die gesamte Spannung der Traumkulisse, deren Werden kein Ende findet.

Was sie gebiert, steht dabei stets im Zeichen der Vergangenheit, einer ins Mythische verklärten Erinnerung. Hermann Hesse spricht zur Perle an der Adria: „Aus dem namenlosen, schweren Sterben/ Der versunkenen Vergangenheit/ Wird sich deine Bildung weitererben“. Mascha Kaléko verfasst gar eine lyrische Kartografie, die das zeitlich Entschwundene über den realen Ort zu legen vermag, auf der sich unser Fernweh zu bewegen vermag: „...Venedig liegt im Herzen von Italien/ Und auf dem Breitengrad ,Vergangenheit‘.“

Wie sich in der Prosa bemerkbar macht, kündet auch die Lyrik der Moderne nicht mehr unisono vom leuchtenden Zauber aus dem Geist eines erhabenen Gestern. Spätestens seit Thomas Manns morbider Novelle verbinden sich mit der Lagunenstadt auch Ekel und Verfall. Georg Trakl spiegelt im Labyrinth der Kanäle, getreu der Finsternis der Dekadenz, das „kränkliches] Lächeln“ eines Kindes („In Venedig“), Alfred Brendel sieht im dessen Untergang die Invasion der Ratten voraus der, Meister der Mythenzertrümmerung Thomas Bernhard wird darin allein noch der „faulen Fischen“, „faulen Katzen“ und „angefressener Wolkenfetzen“ gewahr.

Glorifizierung und Untergangsfantasie liegen somit in den lyrischen Annäherungen an das künstliche Paradies der Gondeln, Tauben und Maskeraden eng beieinander. Dass beide Pole, die Winkler und Schulz treffend in ihrer fein ausgewogenen Kompilation vereinen, Venedig gleichermaßen inhärieren, lässt die Vermutung zu: Die majestätische Meeresstadt wird allen Widrigkeiten und Klimaerschütterungen zum Trotz noch ewig unserem kulturellen Gedächtnis verhaftet bleiben. Sie lebt von den Gegensätzen, erwacht täglich aufs Neue in einem Mythos, der nicht müde wird, sich ungetrübt fortzuschreiben.

Zum Thema ist auch kürzlich erschienen: Venedig. Der venezianische Traum. Gedichte – ausgewählt von Tom Schulz und Ron Winkler. Schöffling & Co. 2015, 200 Seiten, EUR 14,99

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