Im Treibsand des Lebens

Zum Tod von Henning Mankell. Von Katrin Krips-Schmidt

Henning Mankell ist tot. Der schwedische Krimi-Autor, der Schöpfer von „Kommissar Wallander“ und Verfasser von Theaterstücken, Jugend- und Kinderbüchern, erlag am 5. Oktober mit 67 Jahren in Göteborg seinem Krebsleiden. 1948 in Stockholm geboren, wuchs er bei seinem Vater, einem Richter, in Härjedalen auf. Er lebte viele Jahre in Mosambik und unterstützte dort humanitäre (Theater-)Projekte. Für zahlreiche Romane nutzte er seine neue Heimat Afrika als Hintergrund für die Handlung. Mankell war zuletzt mit der Tochter des Regisseurs Ingmar Bergman, Eva Bergman, in dritter Ehe verheiratet. Die oft sozialkritischen Werke des vielfach ausgezeichneten Autors wurden in 40 Sprachen übersetzt, die Gesamtauflage erreichte mehr als 40 Millionen Exemplare. In seinem letzten, soeben erschienenen Werk, einer Collage aus 67 Kolumnen, verarbeitet Mankell seine Krankheit. Der Großteil der kurzen Texte in „Treibsand“ spiegeln Erinnerungen aus seinem Leben, sie verbinden sich mit Reflexionen und Introspektionen, die sich mit Recherchen über Krankheiten und dem, was dem Menschen Mankell wichtig gewesen war, zu einem formlosen Gefüge gesellen. Beherrschendes Thema ist fast immer der Tod und die Vergänglichkeit des Lebens.

„Treibsand“ heißt auf Schwedisch Kvicksand, auf Englisch Quicksand, auf Französisch sable mouvant. Jede Sprache betont einen anderen Aspekt der Naturerscheinung, die ein Entrinnen unmöglich macht. Dieses Gefühl übermannte Mankell – er fühlte sich mitten aus dem Leben gerissen –, als er im Januar 2014 seine Diagnose mitgeteilt bekam: Lungenkrebs mit Metastasen, unheilbar. Der Schriftsteller unterzog sich mehreren Chemotherapien. Mit der sprichwörtlichen Angst vor dem Tod im Nacken, wo sich die erste Metastase bereits schmerzhaft bemerkbar machte, verändert sich die Wahrnehmung seiner Umgebung, schärfen sich seine Sinne. Ihm wird beim Anblick von Gemälden und Fotos auf einmal die Endlichkeit des Lebens bewusst. So recherchiert er über die chemischen Vorgänge des Verwesungsprozesses, über Röntgenstrahlung im Ersten Weltkrieg, befasst er sich mit der Pest im Mittelalter in Paris. Er ist hingerissen von Höhlenmalereien, und das „Floß der Medusa“ des Malers Géricault wird für ihn zur Metapher der Hoffnung, an die er sich klammert. Dennoch: Unruhig war sein Herz, ohne dass es je Ruhe fand. Er sorgte sich um den Umgang des Menschen mit seiner Umwelt, besonders mit der Endlagerung von Atommüll, den Unterschied zwischen Arm und Reich, Ungerechtigkeiten, die er außerhalb seiner selbst wahrnahm. Sein eigenes (problematisches) Verhalten reflektiert er nur ansatzweise etwa dort, als er in seinem Buch von Abtreibungen spricht, zu denen er zwei Frauen gedrängt hatte.

Mankell hatte zeit seines Lebens ein schweres Erbe zu tragen. Sein Vater hielt ihn vom Besuch der Sonntagsschule fern, und seine Mutter, die ihn und seine drei Geschwister kurz nach seiner Geburt verließ, lernt er erst mit fünfzehn kennen, wenige Jahre danach endet die depressive Frau im Suizid. Mankells Atheismus hat etwas zutiefst Entschlossenes an sich: „Ich bin nicht religiös und bin es auch nie gewesen. Als Kind versuchte ich, ein Abendgebet zu sprechen, aber es kam mir immer wie eine Unwahrheit vor.“ Mankell gehörte nicht zu den „Gottsuchern“, zu denen, die sich am Ende ihres Lebens noch an den Strohhalm „Jenseits“ klammern. Er suchte seine Bestimmung im Diesseits. Er setzt auf die Erfolge der Technik, hofft, dass eines Tages der Krebs besiegt und die Frage nach einer sicheren Endlagerung des nuklearen Abfalls gelöst sein werde. Der Glaube an Gott kommt bei Mankell nicht vor, allenfalls in negativer Form. Wohl hält er den „Robinson Crusoe“ des gläubigen Daniel Defoe für den „besten Roman aller Zeiten“, hört am liebsten die Musik Beethovens – stellt sich aber nie die Frage nach der Inspirationsquelle für die Kunst, die er in seinen krankheitsbedingten Depressionen rezipiert und die ihm Trost spendet. Der Materialist Mankell glaubt, dass Liebe, Lust und Freude am Leben chemische Prozesse seien. Das Dasein ist für ihn „im Grunde eine Tragödie“. „Treibsand“ ist sein schwermütiges Vermächtnis, es zeigt den Menschen Mankell in seinem Getrieben-Sein auf der Suche nach vielem, das noch niemandem Ruhe schenken konnte.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann