Im Schlachtfeld der Kamera

Guerilla-Krieg, Desorientierung und die Blicke der Macht – Der aktuelle Kriegsfilm am Nerv der Zeit. Von Björn Hayer

Ein grün unterlegtes Fadenkreuz ausgerichtet auf gegnerische Truppen und dann der tödliche Schuss – eine gängige Einstellung im heutigen Kriegsfilm, deren Präzision eines zeigt: Die Kamera ist, nachdem sie 1914 erstmals in großem Stil zur Dokumentation der Materialschlachten eingesetzt wurde, noch heute unmittelbar mit der Technologie der Waffe verbunden. Während sich diese Verwandtschaft von frühen Zelluloidklassikern wie „Im Westen nichts Neues“ (1930) bis zu gegenwärtigen Militärstreifen als Kontinuum erhalten hat, mag doch die gegenwärtige Kriegskultur nach 9/11 eine völlig neue sein.

Nicht zuletzt das so differenzierte Soldatendrama „Lone Survivor“ (2014) von Peter Berg führt eindrucksvoll den Charakter der aktuellen Guerilla-Kriege vor Auge: Statt des alten Schützengrabens ist nun die afghanische Berglandschaft Ort des Geschehens. Als vier US-Spezialeinheiten in dem unwegsamen Gelände einen Talibanführer ausfindig machen sollen, wird deren Einsatz zum unübersichtlichen Spießrutenlaufen durch Wald- und Felsgebiet. Bald steht das Quartett von allen Himmelsrichtungen unter Beschuss.

Was hierin zum Ausdruck kommt, ist die instabile Weltordnung des 21. Jahrhunderts. Die dualistischen Konfliktlinien des Kalten Krieges zwischen Gut und Böse sind mit dem aufkommenden Terrorismus einem Klima globaler Verunsicherung gewichen, was sich auch in jüngeren kinematografischen Auseinandersetzungen niederschlägt. Wohingegen die traditionellen Schlachtfilme noch die Logik gegenüberliegender Fronten abspielen, zeugen aktuelle Streifen aus Pulverfassregionen von Anarchie und Orientierungslosigkeit. Armeegefechte gehören der Vergangenheit an, die Gegner im postnationalen Zeitalter sind Heckenschützen, fanatische Attentäter und eiskalte Terroristen.

Von ähnlich unüberschaubaren Situationen erzählt auch Kathrin Biggelows meisterhafter Film über die Irakeroberung „Tödliches Kommando. Hurt Locker“ (2008). Bagdad im Jahr 2004, besetzt von versteckten Milizionären, erscheint den vorstoßenden US-Einheiten als ein Schmelztiegel, wo nie sicher ist, wem man vertrauen kann. Indem die Regisseurin etwa irakische Passanten so zwielichtig ins Bild setzt, dass man stets befürchtet, sie könnten sich im nächsten Moment in die Luft sprengen, überträgt sie den Blick des Misstrauens und der Voreingenommenheit auf den Zuschauer. Demgegenüber glorifiziert Biggelow genretypisch den amerikanischen Heros und zeigt uns jenseits der Plakativität zugleich, was und vor allem wie wir sehen und denken: Hier die Bedrohung des Islamismus, dort die vermeintlichen Retter der Welt.

Um den Eindruck fiktiver Konstruktion zu verhindern, bedienen sich die Regisseure neuer Verfahren im Umgang mit Kamera und Montage. Es gilt, den Anschein höchster Authentizität herzustellen. Bewusst zu hastige Kamerafahrten, wackelnde Bilder durch Handkamera und harte Schnitte im Kugelhagel – Elemente, die auch an „Jarhead“ (2006) oder „Lebanon – Tödliche Mission“ (2011) erinnern lassen – berauben den Zuschauer seines Überblicks. Während er darin einerseits vermutet, das Inferno würde aus der bloß subjektiven Sicht eines Soldaten wahrgenommen werden, könnte er auch an den objektiven Standpunkt des Kriegsberichterstatters denken, welcher sich inmitten des Geschützmanövers befindet. Mit diesem Paradox treibt das Genre ein Verführungsspiel um subtile Machtkonstellationen. Da der subjektiven Einstellung immer etwas Amateurhaftes innewohnt, schließt der Zuschauer bei deren Einsatz eine strategische Planung aus. Dies ist Teil der Sogwirkung, insofern der vermeintliche Wirklichkeitsgrad das Kinopublikum gänzlich in den Film eintauchen lassen soll. Die „Ich-Perspektive“ unterbindet eine kritische Distanz. Wer sich aber allzu leicht einfangen lässt, dem bleiben die hegemonialen Zuschreibungen hinter der perfiden Kamerataktik verschlossen. Jenseits der nur oberflächlichen Feier auf die Ideologie der heroischen US-Weltnation gelingt es gerade mittels der Subjektiven, die Mechanismen der Blickstrukturen zu demaskieren und vorzuführen, wie wir durch deren Perspektive Feind- und Freundbilder unbewusst produzieren.

„Lone Survivor“ sowie Feo Aladags ebenso gelungenes Werk „Zwischen den Welten“ (2014) lassen derweil zunehmend auch Gesten der Versöhnung erkennen. In Ersterem wird immerhin ein Gefreiter (Mark Wahlberg) mithilfe einiger afghanischer Einheimischer den Kugelhagel überleben. In dem zweiten Drama gelingt ebenfalls eine Rettung symbolisch über die Fronten hinweg. Als eine westliche Truppe eine Siedlung am Hindukusch gegen eine Talibanoffensive verteidigen muss, ringt ein deutscher Soldat gegen alle Widerstände um das Leben eines afghanischen Dolmetschers, der allegorischen Vermittlerfigur. Wo Humanität über die Ethnie triumphiert, wird Kulturverständigung demzufolge zumindest als Chance denkbar. Dass die Grenzen der Kampfzonen heute verwischen, sorgt für Unbehagen, es kann aber auch ein Potenzial sein, sich dem Fremden zu öffnen und vielleicht irgendwann einmal friedlichere Begegnungen zu ermöglichen.

Themen & Autoren

Kirche