Im Reich der Realitäten

Charles Taylor und Hubert Dreyfus skizzieren eine neue Philosophie der Wirklichkeit, und stützen sich auf traditionelles Denken. Von Alexander Ertl

Dass man sich Philosophen als verschrobene, asketische Einzelgänger vorzustellen habe, ist ein Mythos, der nur auf die wenigsten Denker zutreffen mag. Einer der ersten, der bewusst mit diesem Bild spielte, war René Descartes. Eine kränkelnde Kindheit hinterließ bei ihm ihre Spuren. Richtig gesund war der Franzose nie, andere Menschen waren darum nicht so das Seine. Überraschend dürfte darum nicht sein, dass sein berühmtes „Cogito ergo sum“ an einem einsamen Winterabend vor einem warmen Ofen entstanden sein soll. Descartes berichtet in einem seiner Briefe, er sei „den ganzen Tag über allein im warmen Zimmer eingeschlossen“ gewesen und hatte so „jegliche Muße, mich mit meinen Gedanken zu unterhalten“. An jenem Abend gerät er auf den faszinierenden Gedanken, der das Denken der Moderne prägen wird: Man kann an allem zweifeln, nur nicht an der Tatsache, dass es „Ich“ sei, der da grüble. Der täuschende Gott, die böswilligen Dämonen, das sind die anderen, im Ich aber laufen alle Empfindungen, alle Erkenntnisse zusammen. Descartes will daher fortan „einsam in der Einsamkeit“ leben, denn das „Vergnügen, das man in der Betrachtung des Wahren findet, ist fast das einzige reine und durch keinerlei Schmerz getrübte Glück in diesem Leben“. Glücklich, wer sein Ich gefunden! Descartes hat aber nicht nur denkerische, sondern auch existenzielle Sorgen und braucht Geld. Er findet eine Erzieherstelle am schwedischen Hofe, was seinem Ich jedoch nicht sonderlich zuträglich ist. Mit nur 53 Jahren stirbt der selbstbewusste Geist in der nordischen Kühle.

Die Philosophie aber kommt nun nicht mehr an Descartes vorbei. Mit seiner Überzeugung, das Innere einer Person („Subjekt“) sei nur durch Vermittlung mit der äußeren Umwelt („Objekt“) verbunden, wird er zum Vordenker der Moderne. Das geht bis hin zu Kinofilmen der Jahrtausendwende wie der „Matrix“-Reihe (1999–2003) oder „Vanilla Sky“ (2001). Dort sind die Menschen Gefangene in einem Tank, die Realität wird nur simuliert. Der „böse Geist“, von dem Descartes schon sprach, könnte all unsere Wirklichkeit ja lediglich vortäuschen. Ruhig wird einem bei dem Gedanken nicht, eher reichlich Stoff für Thriller.

Die beiden Altmeister transatlantischer Philosophie Hubert Dreyfus und Charles Taylor (der Umschlag gibt fälschlicherweise für beide Jahrgang 1929 an, obwohl Taylor demnächst „erst“ 85 wird) sagen in ihrer gemeinschaftlich verfassten Schrift jedweder Skepsis an unserer Erkenntnisfähigkeit den Kampf an. Sie zelebrieren in aller wissenschaftlichen Nüchternheit die Abkehr vom cartesianischen Denken und plädieren für eine „Wiedergewinnung des Realismus“. Die „Gehirn-im-Tank-Hypothese“, von Hollywood spannend aufbereitet und für Wissenschaftler zum Glaubenskrieg ausgeartet, weisen sie zurück, denn sie „erscheint nur deshalb plausibel, weil die vermittlungsgebundene Struktur so einleuchtend wirkt, also weil wir Gefangene des in der neuzeitlichen Erkenntnistheorie enthaltenen Bildes sind, das verlangt, etwas müsse die Rolle des ,Inneren‘ spielen“.

Noch einmal Wittgenstein gegen den Solipsismus

Descartes hat als Maßstab der Erkenntnis an die Stelle der objektiven Wahrheit das subjektive Selbstbewusstsein gesetzt und damit in Kauf genommen, dass das Leben, ganz nach Calderón, „ein Traum“ sein könnte. Nichts ist gewiss. Der Erkenntnisprozess läuft immer nur vermittelt ab. Aber das bringt einige Risiken der Moderne mit sich, wie es vor allem Taylor in seinem monumentalen Werk „Ein säkulares Zeitalter“ (2009) bereits benannte. Hier wiederum wiederholt er seine kritischen Anfragen. „Die objektive, zweckmittelrationale Einstellung zur Natur macht die Gemeinschaft mit ihr oder das Gefühl, in ihr aufzugehen, unmöglich. Selbstverantwortung wirft uns zurück auf die erste Person Singular und sorgt dafür, dass wir dem Monologischen Vorrang vor dem Dialogischen einräumen.“

Das abgekapselte Ich als der eigentliche Philosoph? – Dem widersprechen Dreyfus und Taylor vehement. Sie werben für eine alternative „Kontakttheorie“. Kronzeugen für diese andere Philosophie sind neben Platon und Aristoteles aus dem 20. Jahrhundert Martin Heidegger, Maurice Merleau-Ponty und Ludwig Wittgenstein. Die bestechende Kennerschaft Dreyfus' auf diesem Terrain macht auf bislang Unbekanntes oder Überlesenes staunend aufmerksam. So fahren beide Grandseigneurs des Realismus einen Schachzug nach dem anderen, um mit klaren Argumenten ihre subjektivistischen und relativistischen Gegenspieler zu bezwingen.

Natürlich braucht man ein gewisses Maß an Skepsis, so arbeitet Wissenschaft ja. Aber der Mensch ist auch ein „engagiertes – eingebundenes – Wesen“. Selbst die großen Fortschrittsgeschichten der Menschheit dürfe man nicht als einen Sprung sehen. Denn „selbst der innovativste Schritt, der unserem historischen Repertoire kritischer Einstellungen etwas Neues hinzufügt, kommt nicht aus dem Nichts. Vielmehr baut er auf längst etablierten Formen auf, und selbst ein besonders heldenmütiger Neuerer muss sie zunächst durch Schulung und Sozialisation lernen, ehe er seinen Kampf führen kann.“ Evolution statt Revolution.

Beide Autoren vertreten aber auch keinen naiven Realismus, sondern ihr Wirklichkeitsverständnis will „robust“ sein. Sie wollen zeigen, dass „wir weder in unsere Haut noch in unseren Geist eingesperrt sind, sondern der gemeinsamen Welt offen gegenüberstehen“. Darum finden Dreyfus und Taylor „die Dekonstruktion des Cartesianismus so spannend, weil dieses Bild des ,Subjekts‘ damit aus der Welt geschafft wird.“ Das Bild vom großen, selbstbewussten Ego also. Vielleicht auch das Bild vom asketischen, verschrobenen und einsamen Philosophen. Mit diesem Buch zeigen sie uns das Bild zweier reifer Denker, die sich auch im hohen Alter noch tadellos im Gelände zwischen künstlicher Intelligenz, Phänomenologie und philosophischer Sparringpartner zurechtfinden.

Hubert Dreyfus, Charles Taylor: Die Wiedergewinnung des Realismus. Aus dem Englischen von Joachim Schulte, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 316 S., ISBN: 978-3-518-58685-3, EUR 29,95

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