„Im Licht der Gottheit“

Das Mysterienspiel „Das Antlitz des Stephanus“ von Inga Storck-Schnabel im Kulturkeller Fulda. Von Michael Hanke

Foto: Freie Theatergruppe Fulda | Die Braut Judith.

In T. S. Eliots religiösem Festspiel „Mord im Dom“ erläutert am Weihnachtsabend des Jahres 1170 der frühere Lordkanzler und nunmehrige Erzbischof von Canterbury Thomas Becket die Funktion eines Märtyrers. Ein Martyrium, so sagt er, sei weder ein Zufall, noch werde es „durch den Willen eines Mannes herbeigeführt, der ein Heiliger werden will“.

Shalom bedeutet eigentlich „Eintracht mit Gott“

Vielmehr sei ein Martyrium „immer Gottes Absicht, entsprungen aus seiner Liebe zu den Menschen“. Haben wir da recht gehört? Aus Liebe zu den Menschen? Eliots Becket weiß, dass er seinen Gläubigen damit etwas zumutet, und er fährt daher in seiner Erklärung fort: „Der rechte Märtyrer ist jemand, der seinen eigenen Willen an Gottes Willen verloren hat, und der nicht länger irgendetwas für sich wünscht, nicht einmal den Ruhm, ein Blutzeuge zu sein.“ Und wenn er (um die wegen der papsttreuen Kirchenpolitik ihres Bischofs ohnehin beunruhigten Zuhörer nicht in Angst und Schrecken zu versetzen) vorsichtig darauf hinweist, dass auch ihm das Martyrium bevorstehen könnte, so ist das nur Beweis seiner an Stephanus geschulten Überzeugung, dass die Heiligen im Himmel nicht aus der Perspektive der Menschen angesehen sind, „sondern im Licht der Gottheit, aus dem sie ihr Sein haben“.

Eliots Formulierung ist ein ausgezeichneter Schlüssel zum Verständnis von Inga Storck-Schnabels Stück „Das Antlitz des Heiligen Stephanus“, das am 22. Mai 2016 in der revidierten Fassung in Fulda erstmals gespielt und begeistert aufgenommen wurde. Der Beifall galt nicht nur der souverän Regie führenden Autorin, sondern auch den engagierten Darstellern Monika und Petra Kling sowie Stephan Plur. „Im Licht der Gottheit“ – so könnte der Untertitel des Stückes lauten. In diesem Licht erscheint nicht nur das Martyrium der unschuldigen Kinder, sondern auch der an diesem Leiden teilhabenden Mütter im Licht der göttlichen Erlösung. Dem Leiden der Mutter Gottes werden dabei im Sinne einer Präfiguration drei alttestamentliche Beispiele vorangestellt: das Leiden der Mütter Kains und Abels, Isaaks und Moses'.

Das im Titel des Stücks genannte Antlitz des Stephanus verweist auf zweierlei: zum einen auf eine bildkünstlerische Darstellung des Antlitzes, sodann auf die visionäre Schau des seinen Mördern verzeihenden Heiligen. Die künstlerische Perfektion der Darstellung ist es, die einen anderen Künstler zur Verzweiflung und zum völligen Verlust der eigenen Begabung führt. Erst als er auf dem Weg über die Begegnung mit dem Künstler das Sterben des Heiligen als Erfüllung des dem Menschen eingeborenen Strebens nach der Einheit mit Gott begreift, findet er inneren Frieden und damit die eigene Identität. Er findet das, wonach er, ohne dass es ihm bewusst gewesen wäre, seit je gesucht hatte. Dem Stück liegt demnach ein altes mythisches Motiv zugrunde: das Motiv der Initiation, der Hinführung eines in seinem Streben noch unsicheren (meist jungen) Menschen unter behutsamer Lenkung durch einen Mentor. Was aber ist dies anderes als das Strukturmodell der „imitatio Christi“, der Nachahmung und – vor allem – der Nachfolge des Herrn? Die Autorin rückt in ihrem Stück gleich drei solcher Nachfolger in das Blickfeld: den fiktiven Maler-Visionär, den von ihm dargestellten Heiligen Stephanus und (nicht ohne Ironie) den Mörder des Heiligen Stephanus, mit dessen Wandlung vom Saulus zu Paulus das Stück ausklingt.

Die das ganze Stück durchziehende Blut-Motivik zieht ihre Berechtigung aus dem Gedanken, dass der Weg zur Erlösung weniger mit guten Vorsätzen als mit guten Taten gepflastert ist. Ohne Frage hat das Vorbild des Heiligen Stephanus den Glaubenseifer seines Mörders befördert und ihn lange vor dem eigenen Martyrium zu seinem Bruder im Glauben werden lassen – ein Zeichen der Hoffnung angesichts der gegenwärtigen Christenverfolgung vor allem in muslimischen Ländern.

Das Stück wirft, nicht anders als das bereits klassisch zu nennende christliche Festspiel von Eliot, Fragen auf für diejenigen, die sich mit der Feststellung bescheiden, sie fänden es auf Erden herzlich schlecht. Wer Inga Storck-Schnabels Stück vorurteilslos auf sich wirken lässt, wird sich dagegen ins Gedächtnis rufen, dass der Begriff „Shalom“ nicht mit dem von Politikern fast aller Couleurs diskreditierten Allerweltswort „Frieden“, sondern mit den Worten „Eintracht mit Gott“ zu übersetzen ist.

Nächste Aufführung: Sonntag, 29. Mai 2016, 15.00 Uhr, Kulturkeller Fulda, Jesuitenplatz 2, 36037 Fulda

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