Im Kampf gegen das Böse

Viele Menschen halten die Existenz des Teufels für Humbug – der jetzt verstorbene P. Gabriele Amorth wusste es besser. Eine Erinnerung. Von Alexandra von Teuffenbach
Exorzist in Aktion: P. Gabriele Amorth
Foto: dpa | Exorzist in Aktion: P. Gabriele Amorth (1925–2016) war der bekannteste Vertreter von Priestern, die dem Teufel entgegentreten.

Für unzählig viele Menschen war der kahlköpfige Mann mit der Brille und dem langen schwarzen Talar – eine beeindruckende Gestalt – die letzte Hoffnung in ihrem Leid eine Hilfe zu finden. Nun, am 16. September 2016, ist P. Gabriele Amorth im 91. Lebensjahr nach langer Krankheit gestorben. Er, der seit 1986 für den Vatikan Exorzismen vornahm, war sozusagen zum Emblem dieser Berufsgruppe geworden, und nicht zuletzt sein Auftreten, sein Aussehen, hatten ihn zu einem beliebten Interviewpartner gemacht. Er hatte die Fähigkeit, mit „Natürlichkeit“ das zu erzählen, was eher einem Horrorfilm entnommen schien, und das real werden zu lassen, was viele Menschen heute, auch Katholiken, für Humbug halten: die Existenz des personalen Bösen und sein Einfluss auf den Menschen.

Kaum ein religiöses Thema hat in diesen Jahren so Konjunktur in Zeitschriften und Zeitungen wie der Exorzismus: Auch Kirchen- und Glaubensferne interessieren sich anscheinend dafür. Mehr noch als das „kuriose Phänomen“, das mit dem Einsatz der ganzen Hollywood-Trickkiste in Filmen dargestellt wird, scheint auch noch die alte Frage nach dem Warum und Woher von Schuld und Leid, vom „Bösen“, im Hintergrund mitzuschwingen und sich in diesem Thema zu kondensieren.

Genau genommen aber geht es beim Exorzismus nicht so sehr um Schuld und Leid, sondern darum, „das Böse zu bekämpfen“ oder „Hinauszubeschwören“, denn das bedeutet Exorzismus ja wörtlich. Es braucht also eine Voraussetzung – die Annahme des „Bösen“ als real existierendes geistliches Wesen, so wie die katholische Kirche es lehrt – um über den Exorzismus, wie er in der Kirche praktiziert wird, sprechen zu können. Ohne diesen Glauben vorauszusetzen, ohne die Kenntnis der katholischen Glaubenswahrheiten, ist jeder Versuch, den Exorzismus begreiflich machen zu wollen, ähnlich dem, die Relativitätstheorie ohne Ahnung von Physik erklären zu wollen. Die großen Menschheitsfragen sind, wenn es um den Exorzismus geht, wie er in der katholischen Kirche praktiziert wird, schon beantwortet, das, was „sonderbar“ oder „kurios“ erscheinen mag, einfach nur Ausdruck des Glaubens.

Elemente dieses Glaubens, also die „Mindestanforderungen“, um den Exorzismus verstehen zu können, ist zuerst der Glaube an einen allmächtigen Gott, der keinen „Nebenspieler“ hat. Ein Dualismus von Gut und Böse ist in der katholischen Lehre schon seit der Väterzeit ausgeschlossen. Das „Böse“ gehört zu den Geschöpfen, zu der „unsichtbaren Welt“, die Gott erschaffen hat. Doch ist das Böse nicht von Gott geschaffen – Gott kann nichts „Böses“ schaffen –, sondern in der Auflehnung gegen Gott so geworden. Mit dem Menschen geht es ähnlich: die zweite Schöpfungsgeschichte kann aus diesem Blickwinkel heraus gelesen werden. Die „Krone der Schöpfung“, der Mensch, gut geschaffen, im „Paradies“ lebend, erliegt der Versuchung, lernt das Böse kennen. Die katholische Interpretation nennt diese „erste“ Sünde Erbsünde.

Der Mensch ist also wegen dieser Erbsünde dem Tod verfallen, die Frau gebiert unter Schmerzen, das tägliche Brot zu besorgen, ist mühsam [Siehe Gen 3, 14ff.]. Der Mensch ist also unter der Herrschaft des Teufels, bis mit der Menschwerdung und dem Kreuzestod Christus dem Menschen die Möglichkeit eröffnet wird, sich aus dieser Verstrickung zu lösen. Christus überwindet den Tod – die Konsequenz der Sünde –, und der Mensch kann nun in der Verbindung mit Christus, die Sünde überwinden. Diese Christusverbindung bietet die Kirche dem Menschen an, indem sie nicht nur den Glauben durch die Jahrhunderte hinweg wie einen Schatz weiterträgt und vermittelt, sondern vor allem, weil sie in den Sakramenten, allen voran in der Taufe, den Menschen in eine neue Wirklichkeit eintreten lässt.

In der Taufe stirbt der Mensch mit Christus, und wird als „neue Schöpfung“ geboren, als Kind Gottes, im auferstandenen Christus lebend: die Folgen der Erbsünde sind somit getilgt. In der Eucharistie, in der Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers, bindet sich der Christ, der die Kommunion empfängt, noch enger an Christus. Ist der Mensch also durch die Taufe und die Eucharistie schon vor dem Bösen sicher? Theoretisch ja, aber die Versuchung bleibt weiter bestehen. Papst Franziskus warnt immer wieder vor dem personalen Bösen und fordert zum Kampf auf. Lange vor ihm tat das schon Paulus, der an die Epheser schrieb, das Leben des Christen sei ein Kampf: „Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt. Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Darum legt die Rüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils standhalten, alles vollbringen und den Kampf bestehen könnt“ (Eph. 6, 11–13).

Die „Rüstung Gottes“ anlegen, das sind eben Taufe, Gebet, Sakramente, gute Werke – jeder Christ weiß, was er gegen das Böse in ihm und in seiner Umgebung tun kann. Das Christentum ist keine Wohlfühl- oder Kuschelreligion, sondern eine „Rüstung“, um den Kampf gegen das Böse in der Welt anzutreten, um loszumarschieren und diese Welt, durch einen harten Kampf zum Guten hin zu verwandeln.

Bislang ging es um den Glauben der Kirche, den die Kirche im Katechismus als „eine persönliche Bindung des Menschen an Gott und zugleich, untrennbar davon, freie Zustimmung zu der ganzen von Gott geoffenbarten Wahrheit“ (Nr. 53) definiert hat. Nach dem IV. Laterankonzil steht es nicht mehr frei, den Teufel für nicht existent oder für nicht wirksam zu halten, denn es definierte seine Existenz und sagte „Der Mensch aber sündigte aufgrund der Eingebung des Teufels.“ Mehr ist nicht zu glauben. Wo und wie der Teufel nun konkret wirkt, ist keine Glaubensfrage. Man kann also für wahr halten, oder auch nicht, dass etwa der Teufel in Hitler wirkte. Der Glaube bleibt davon unberührt, so dass auch der Katechismus der Kirche an keiner Stelle jemanden für besessen erklärt. Es ist überhaupt nicht leicht zu erkennen, wo und wie der Teufel wirkt. Auch in einem selbst nicht. Nicht jede Versuchung kommt vom Teufel. Denn trotz der Taufe bleibt im Menschen selbst noch eine gewisse Begierde nach der Sünde, die Konkupiszenz, zurück. Diese ist keine Sünde, sondern eben nur eine „Neigung“ zum Bösen. Ganz konkret – und wie jedes Beispiel daher etwas hinkend – mögen wir beispielsweise an die Versuchung denken, Böses mit Bösem zu vergelten. Da braucht der Teufel gar nicht zu wirken, wir selbst neigen dazu.

Und dann gibt es die Versuchung, die vom Teufel selbst kommt: Wir sind stark genug, uns gegen sie zu wehren. Denn – wie P. Amorth gerne wiederholte – der Mensch hat einen freien Willen. Und auch gegen das Böse, das nicht aus uns selbst stammt, gibt es Hilfen, so zum Beispiel ein Kreuzzeichen, auch mit Weihwasser. Das alles reicht – außer es liegt eine Umsessenheit oder gar Besessenheit vor –, um keine Angst vor dem Bösen zu haben. Der Christ lebt im Vertrauen und unter dem Schutz Gottes, dessen Kind er durch die Taufe geworden ist.

Wenn der Teufel einen Menschen besonders häufig stört, wenn er ihn immer wieder versucht, mehr als es in einem gewöhnlichen Christenleben geschieht, dann kann man von Umsessenheit sprechen. Wenn der Teufel dagegen vom Menschen gar „Besitz“ ergreift, in ihm für eine Zeit „wohnt“, dann spricht man von Besessenheit. Dieser letzte Fall ist jedoch extrem selten, und der Mensch hat auch in diesem Fall noch einen freien Willen: Er kann gegen das Böse in sich ankämpfen, auch wenn die Kontrolle eben sehr schwer geworden ist. Viele Exorzisten wiederholen immer wieder: Auch gegen Umsessenheit und sogar gegen Besessenheit hilft das, was ein normales geistliches Leben eines Katholiken kennzeichnen sollte: das Gebet, der regelmäßige Empfang der Sakramente der Eucharistie und vor allem der Beichte, kleine Opfer und die tätige Nächstenliebe. Große Heilige haben oft in ihrem Leben mit dem Bösen ringen müssen. Von P. Pio wird erzählt, er habe körperlich in vielen Nächten gegen das Böse gekämpft, so dass er sich Schnitte, Kratzer und Beulen zuzog. Dort wo viel Glauben und viel Gutes zu finden ist, könnte man meinen, habe der Teufel besonderes Vergnügen, den Menschen in Versuchung zu führen. P. Pio hat keinen Exorzisten gebraucht, er bemühte sich – dem Bösen zum Trotz –, nicht in Versuchung zu fallen. Er kämpfte gegen das Böse, das ihn angriff: vielleicht so stark und auf so besondere Weise, weil er durch die so zahlreichen Beichten so viele Menschen zu Christus zurückführte und so dem Bösen entzog.

Warum jedoch auch einfache Menschen, die nicht im Ruf der Heiligkeit stehen, vom Teufel auf besondere Weise gestört werden, ist im Grunde ein Geheimnis, so wie es viele Krankheiten gibt, die ohne erkennbaren Grund einen Menschen treffen. Sicher kann man etwas tun: Der Besuch satanistischer Gruppen oder ein lasches Christsein sind für das geistliche Leben ähnlich schädlich, wie das sich umgeben mit kranken Menschen oder das ungesunde Essen und/oder zu wenig Schlaf, wenn man nicht krank werden will. Doch werden Menschen ohne ersichtlichen Grund krank, und ebenso passiert es mit der Um- und Besessenheit.

Ein Exorzist hilft dem Menschen nicht auf „magische“ Weise, wie man manchmal aus sehr fragwürdigen Berichten herauszulesen meint oder in Filmen sehen kann. Die Hilfe des Exorzisten setzt das Einverständnis des umsessenen oder besessenen Menschen voraus, und sein ganz fester Vorsatz, alles zu tun, um das Böse nicht mehr an sich heranzulassen.

Gewöhnlich im Rahmen eines Wortgottesdienstes wird der Exorzist, nach den biblischen Lesungen, dem gemeinsamen Gebet und dem Glaubensbekenntnis, vor allem aber, nachdem er zur festen Gewissheit gelangt ist, dass es sich nicht um eine psychische Krankheit handelt, den Teufel selbst ansprechen. Im Namen Jesu Christi und mit der ihm vom der Kirche vermittelten Kraft – nicht aus seiner eigenen Kraft heraus! – befiehlt er dem Bösen, dem Teufel, den Menschen zu verlassen, ihn in Ruhe zu lassen, nicht länger zu quälen. Das ist der Unterschied zwischen dem Exorzismus und dem Befreiungsgebet: Der Exorzismus wendet sich direkt an den Teufel, befiehlt ihm; das Gebet, jedes Gebet dagegen wendet sich an Gott.

Gebete, die an einen Heiligen gerichtet sind, sind keine Anbetung, sondern bitten um Fürsprache bei Gott – also eigentlich auch wieder an Gott gerichtete Gebete. Die von namhaften Stellen in deutschsprachigen Gebiet verbreiteten „Befreiungsgebete“ oder „Befreiungsliturgien“ sind daher keine Exorzismen. Sie werden als aufgeklärter und zeitgemäßer „Ersatz“ für den Exorzismus angepriesen, doch berauben sie eigentlich nur die deutschsprachige Kirche des wirksamsten Mittels im Kampf gegen das Böse, das die Kirche kennt. Das mag in den meisten Fällen ja gar nicht nötig sein; doch drängt der Mangel an Offenheit für dieses Phänomen seitens der Kirche immer mehr Menschen in die Hände von Gruppen oder Einzelnen, die nicht im Namen der Kirche handeln, oder eben zu langen Auslandsreisen. Denn im deutschsprachigen Raum kommen auch Bischöfe oft ihrem Auftrag nicht mehr nach, selbst Exorzismen durchzuführen oder geeignete Priester für diesen Dienst freizustellen.

Ein Dienst, der vom Priester außer einem großen Glauben und Verschwiegenheit auch psychische Gesundheit und ein gutes Maß an Bodenständigkeit voraussetzt. Ein Exorzismus ist kein Sakrament. Sakramente wirken aus sich heraus – auch ein Priester, der wenige Minuten vor der Messe eine schwere Sünde begangen hat, zelebriert eine gültige Messe. Ein Priester jedoch, der selbst dem Bösen immer wieder nachgibt, wird nur schwerlich glaubhaft einem anderen Menschen helfen können, das Böse zu vertreiben. Also ist ein Exorzismus so wirksam, wie der Glaube der beteiligten Menschen stark ist.

Darin lag wohl die große Kraft von P. Gabriele Amorth. Seine Klarheit im Benennen des Bösen war außerordentlich. Er war zudem bereit, Wissenschaftler für Studienzwecke an seinen Exorzismen teilnehmen zu lassen. Die Ergebnisse solcher Studien zeigen, dass es etwas geben muss, das die Psychiatrie nicht zu behandeln weiß und das durch das Gebet und den Exorzismus, vor allem aber durch ein Gott gefälliges Leben, bekämpft werden kann. Und so bleibt, auch für den Skeptiker nur zu sagen: „wer heilt, hat recht“, auch wenn es – für die psychiatrische Wissenschaft unverständlich, „nur“ durch das Gebet oder durch einen Exorzismus geschieht.

Die Welt ist mit dem Tod von P. Amorth nicht nur um einen Exorzisten, sondern vor allem um einen wahrhaften, einen glaubhaften Priester und Ordensmann ärmer geworden. Der Jurist, der erst spät zum Priestertum kam, überzeugte mit dem, was er tat und sagte, nicht nur seine Interviewpartner und die Leser seiner Bücher, sondern konnte auch den Teufel, dem er in anderen Menschen begegnete, glaubhaft vertreiben. Immer mehr Menschen kamen auch von weit her, weil sie in ihren Diözesen, bei ihren Priestern und Bischöfen keine geistliche Hilfe mehr bekamen. Der Tod von P. Amorth kann für den Katholiken heute eine Mahnung sein, zu ihren Glauben zu stehen, mag er noch so seltsam und unverständlich in den Augen der Welt von heute wirken.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier