Im Herzschlag der Finsternis

In seinem neuen Roman „So fängt das Schlimme an“ lässt Javier Marias in menschliche Abgründe blicken. Von Susanne Kessling

Das neue Werk des spanischen Autors macht schon mit seinem Titel neugierig. Man beginnt sich unwillkürlich zu fragen, wann im Leben etwas anfängt, das sich später dann zu etwas Schlimmen entwickelt. Lassen sich die Ursprünge davon immer genau bis zu einem Punkt zurückverfolgen, oder sind es nicht immer mehrere Faktoren, die zusammenlaufen und dann erst gemeinsam einen Kurswechsel bewirken, der im schlimmsten Falle in einer Katastrophe mündet? „So fängt das Schlimme an“, ist Shakespeares Hamlet entlehnt, mit dem dieser sich an seine Mutter richtet. In einer Zeit, in der man im Alltag mit der grellen Überreizung der Sinne zu kämpfen hat, in der das Rad der Zeit sich so unendlich schnell zu drehen scheint, nimmt Marias den Leser ganz entschleunigt mit bei seiner Lektüre des 640 Seiten starken Romans.

Und er schreibt trotzdem mit unglaublicher Verve. Wie schafft er das? Wie gelingt es ihm, den Spannungsbogen permanent aufrechtzuhalten und das Gespinst aus Verwicklungen und Geheimnissen so intensiv zu weben, dass man beim Lesen gefangen wird. Es ist insbesondere der lange, sorgfältige Fokus, den er auf seine Figuren richtet. Das langsame Entblättern ihrer Beweggründe, wieso sie so handeln, wie sie handeln und nicht anders. Er zieht förmlich den Leser mit dem jungen, 23- jährigen Ich-Erzähler Juan de Vere in den Bann, der die Geschichte erst viele Jahre später aus der Rückschau erzählt. Juan beschreibt, wie er als Privatsekretär in die Familie des Filmemachers Eduardo Muriel kommt. Seine Bewunderung für den älteren Mann ist groß. Er nimmt nicht nur an den Gesellschaften teil, die Eduardo mit seiner Frau Beatriz ausrichtet, sondern er erlebt auch die Schwierigkeiten in der Ehe der beiden aus nächster Nähe. „Bald sollte die Scheidung in Spanien eingeführt werden, und tatsächlich wurde sie Mitte 1981 verabschiedet, doch als ich in Muriels Dienste getreten war, gab es sie noch nicht, ebenso wenig während ihrer bisherigen Ehe“, sagt Juan. Eine besondere Rolle spielt dabei auch der Kinderarzt Jorge van Vechten. Ihn soll Juan ausspionieren, um dessen Verhältnis zu Beatriz zu klären. Doch der Filmemacher rudert zurück, als van Vechten Beatriz das Leben rettet. Eduardo Muriel hat ein körperliches Gebrechen und sieht nur auf einem Auge und verschließt sich so in diesem Punkt der Wirklichkeit, indem er tatsächlich blind im übertragenen Sinne für die unumstößlichen Tatsachen wird. Eine enge Vertraute zu Beatriz ist Gloria, die Witwe des verstorbenen Schwagers. Sie drängt diese zur Scheidung. „Klar habe ich ein katholisches Herz, aber ich bitte dich“, entgegnete Gloria. „Das trage ich nicht nach außen gestülpt, das weißt du. Und man muss ja nicht den Dummen spielen. Wenn die legale Scheidung kommt, du lieber Mann, werden nicht nur Agnostiker und Atheisten zupacken. Glaubst du etwa, die werden nicht viele von denen in Anspruch nehmen, die jetzt dagegen sind?“

Im Falle von Beatriz und Eduardo ist eine der Schlüsselszenen, in der Muriel Juan vom frühen Tod des erstgeborenen Sohnes erzählt. „Jorge sagte etwas von Meningokokken in der Nebennierendrüse, eine Möglichkeit. Die Nebennierendrüse von Meningokokken zerstört. Etwas höchst Seltenes, gegen das es damals zumindest kein Mittel gab. Unmöglich, es rechtzeitig zu diagnostizieren, unmöglich zu heilen. Er versicherte uns, dass niemand ihn hätte retten können. Nichts und niemand. Ich weiß nicht. Wir haben nicht weiter nachgeforscht, all die Jahre nicht. Wozu darin wühlen, es hätte uns noch mehr gequält. Es ist geschehen und lässt sich nicht ungeschehen machen.“

Wie auch schon in seinen früheren Romanen, der vorliegende ist die 14. Publikation, geht es Marias auch immer um die Auswirkungen des spanischen Bürgerkrieges und der Diktatur unter Franco. Er lässt den Leser tief in die unergründlichen Seelenlandschaften seiner Figuren blicken, die mit allen Mitteln der Täuschung, des Betruges, den Gerüchten und Unwägbarkeiten zwischen Mann und Frau ihren Weg zu gehen versuchen. Die nicht mehr zu ändernde Vergangenheit, denen die Protagonisten in „So fängt das Schlimme an“ unterworfen sind, holt sie immer wieder ein. Schicht um Schicht legt Marias dabei mit aller psychologischen Raffinesse das Innenleben seiner Akteure frei. Nuancenreich und in höchstem Maße nachvollziehbar bewegen sich alle in dem Roman von Marias auf dem Parkett des Lebens, das uns Menschen zur Verfügung steht. Tänzern gleich, man fühlt sich an den Tango erinnert, bringt sie der große spanische Autor in Beziehung zueinander und erzählt seine Geschichte, die wie immer von großem Pessimismus getränkt ist. Das Vergangene verschmilzt dabei mit der Gegenwart und erklärt sie gleichzeitig. Zurück bleibt der Leser mit einem reichen Gefühl, wie es nur ein unerhofftes Geschenk auszulösen vermag. Und wieder beginnt die Zeit des Wartens auf den nächsten Roman von Javier Marias.

Javier Marias: So fängt das Schlimme an. S. Fischer Verlag, 640 Seiten, ISBN 978-3-10-002429-9, EUR 24,99

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