Im Garten des Vatikans gesungen

„Die Seele ans Kreuz, unsere Erlösung, unsere höchste Seligkeit geheftet“: Franz Liszt und seine Beziehungen zu Rom. Von Ulrich Nersinger
Foto: dpa | Konzert mit Werken von Franz Liszt in der Audienzhalle des Vatikans.
Foto: dpa | Konzert mit Werken von Franz Liszt in der Audienzhalle des Vatikans.

Kürzlich wohnte Benedikt XVI. in der Audienzhalle des Vatikans einem Konzert bei, das dem Papst vom Präsidenten der Republik Ungarn, Pál Schmitt, zum Geschenk gemacht wurde. Anlass der Aufführung mit Werken von Franz Liszt (1811–1886) waren die ungarische Präsidentschaft des Europarats und der 200. Jahrestag der Geburt des berühmten Komponisten. In seiner Ansprache wies der Heilige Vater darauf hin, wie sehr Liszt vom katholischen Glauben geprägt gewesen sei. Der Papst gab zu bedenken: „Erinnern wir uns auch daran, dass er die Niederen Weihen empfangen hatte“.

In seinem Testament, das Franz Liszt sechsundzwanzig Jahre vor seinem Tod verfasste, heißt es: „Weimar, den 14. September 1860. Ich schreibe dies nieder am 14. IX., am Tage, wo die Kirche das Fest der Kreuzerhöhung feiert. Die Benennung dieses Festes ist auch die des glühenden und geheimnisvollen Gefühls, welches mein ganzes Leben wie mit einem heiligen Wundmal durchbohrt hat. Ja, Jesus am Kreuz und die Erhöhung des Kreuzes, das war immer mein wahrer, innerer Beruf, ich habe ihn im Herzen empfunden seit meinem 17. Jahr, wo ich mit Tränen und demütig bat, man solle mir erlauben, in das Pariser Seminar einzutreten; damals hoffte ich, es würde mir vergönnt sein, das Leben der Heiligen zu leben und vielleicht selbst den Tod der Märtyrer zu sterben. So ist es leider nicht gekommen, aber doch nie ist mir ungeachtet der Vergehen und Verirrungen, die ich begangen habe und wegen deren ich eine aufrichtige Zerknirschung empfinde, das göttliche Licht des Kreuzes entzogen worden. Manchmal sogar hat der Glanz dieses göttlichen Lichtes meine ganze Seele durchflutet. Ich danke dafür und werde sterben, die Seele ans Kreuz, unsere Erlösung, unsere höchste Seligkeit geheftet, und um meinen Glauben zu bekennen, wünsche ich vor meinem Tode das heilige Sakrament der katholischen apostolischen und römischen Kirche zu empfangen und dadurch Vergebung und die Erlassung aller meiner Sünden zu erlangen. Amen“.

Die Ewige Stadt hatte in Franz Liszts künstlerischer Laufbahn entscheidende Akzente gesetzt. Bei seinem ersten Aufenthalt in Rom (1839) hatte er es gewagt, in einem Konzert allein als Pianist aufzutreten. Er gab damit eine ganz neue Note in das Konzertleben und eröffnete mit seinen Klavierabenden den Pianisten eine neue Möglichkeit ihres Wirkens. Liszt selbst hatte schon 1842 den Entschluss gefasst, der Virtuosenlaufbahn abzusagen, Kapellmeister zu werden und sich hauptsächlich der Komposition symphonischer Werke zu widmen. Von seinem zweiten Aufenthalt in der Ewigen Stadt (1861–1869) ab widmete er sich hauptsächlich der Kirchenmusik. An seinen Freund Franz Brendel schrieb er: „Ich bin fest entschlossen, längere Zeit hier ungestört, unaufhaltsam und konsequent fortzuarbeiten. Nachdem ich die mir gestellte symphonische Aufgabe in Deutschland, so gut wie ich es vermochte, zum größten Teil gelöst habe, will ich die oratorische nebst einigen zu derselben in Bezug stehenden Werken erfüllen. Die Legende der heiligen Elisabeth, welche seit ein paar Monaten gänzlich beendet ist, darf nicht isoliert bleiben.“ Noch im Jahre 1862 begann er mit seinem zweiten Oratorium „Christus“.

Im Juni 1863 zog Liszt auf den Monte Mario, wo ihn Freunde aus der Gemeinschaft der Oratorianer Philipp Neris ein Haus überlassen hatten. Dort fühlte er sich außerordentlich wohl – und durfte schon bald hohen Besuch empfangen. Wiederum an Brendel berichtet er: „Von meinem neuen Domizil auf Monte Mario bin ich vollständig befriedigt. Die überaus großartige, sublime Aussicht, die man von allen Fenstern genießt, ganz Rom, die wundersame Campagna und das Gebirge und alle vorangegangenen und gegenwärtigen Herrlichkeiten sind sich dazu zu denken. Ich melde Ihnen eine außerordentliche Ehre, welche mir am vorigen Sonnabend den 11. Juli widerfahren. Seine Heiligkeit der Papst Pius IX. kam nach der Kirche der Madonna del Rosario und weihte meine Wohnung durch seine Gegenwart. Nachdem ich dem Papst eine kleine Probe meiner Geschicklichkeit auf einem Harmonium und meinem Arbeitspiano dargelegt hatte, sprach derselbe in huldreichster Weise einige sehr bedeutungsvolle Worte zu mir, wodurch er mich ermahnte, dem Himmlischen im Irdischen nachzustreben und mich durch meine vorüberschallenden Harmonien auf die ewig verbleibenden vorzubereiten. Seine Heiligkeit verblieben ungefähr eine halbe Stunde: Die Monsignori De Merode und Hohenlohe waren in Begleitung. Vorgestern hatte ich Audienz im Vatikan, zum ersten Mal meines Hierseins, wo mich der Papst mit einer Kamee der Madonna beschenkte.“

Der selige Pius IX. (Giovanni Maria Mastai Ferretti, 1846–1878) galt – wie heute sein Nachfolger Benedikt XVI. –, als ein Papst von hohem Kunstverstand und großer musikalischer Leidenschaft. So berichtet Gioacchino Rossini in einem Brief aus dem Jahre 1866: „Ich weiß, dass er Musik liebt, und ich weiß auch, dass ich ihm nicht unbekannt bin; jemand, der ihn ,Siete Turchi, non vi credo‘ beim Spazierengehen im Garten des Vatikans singen hörte, näherte sich ihm, um ihm wegen seiner Stimme und der feinen Art und Weise, wie er sie verwendete, Komplimente zu machen. Darauf antwortete Seine Heiligkeit: ,Mein Lieber, als junger Mann sang ich immer die Musik von Gioacchino Rossini‘.“

Am 25. April 1865, dem Fest des Evangelisten Markus, empfing Franz Liszt unweit des Petrusgrabes die Niederen Weihen. Er wohnte bei Titularerzbischof Gustav Adolf von Hohenlohe-Schillingsfürst, dem Großalmosenier des Papstes, im Apostolischen Palast, gegenüber den Stanzen Raffaels. Hohenlohe selbst erteilte ihm in seiner Hauskapelle die Weihen. Liszt blieb bis Mitte Juni 1866 im Vatikan wohnen und kehrte dann auf den Monte Mario zurück. Dort beendete er am 1. Oktober 1866 sein Oratorium „Christus“ – im darauffolgenden Jahr wurde es in der Ewigen Stadt von seinem Schüler Sgambati aufgeführt. Im Herbst 1867 übersiedelte der Abbé in das Kloster Santa Francesca Romana beim Forum Romanum. Er war begeistert von diesem neuen Wohnort, wo er mit Blick auf das Kolosseum und inmitten der Tempel und Ruinen der römischen Antike „das Geschenk der Weltgeschichte erleben darf“ (Franz Liszt).

Vom Jahr 1868 an war er ständiger Gast des nunmehrigen Kardinals Hohenlohe in der Villa d'Este in Tivoli. Jahre hindurch verbrachte er dort zumeist die Herbst- und Wintermonate. Am 21. Mai 1874 schrieb er an den Regensburger Domkapellmeister Haberl: „Ich erlaube mir, Eure Hochwohlgeboren einzuladen, die nächsten Monate mit mir in der Villa d'Este zu verweilen, wo Sie Ruhe, friedsames Behagen, milde Luft, herrliche Landschaft, angenehme Spaziergänge, wohlbekommende Kost, guten Wein, Bücher, Musikalien, Klaviere, dem Gebrauch ad libitum, und geistig zuträgliche Temperatur finden werden. Cardinal Hohenlohe beauftragt mich, Sie bestens zu bewillkommnen, was mit wahrhafter Freude bestellt wird.“ Auch Franz Liszts Beziehungen zum Vatikan bleiben eng, in seinen Briefen berichtet er des öfteren von Privataudienzen, die ihm vom Papst gewährt wurden.

Liszts lange Aufenthalte in der Villa d'Este, die Ruhe und Abgeschiedenheit der Landschaft Tivolis, fanden durch die Berufung an das Konservatorium in seinem Heimatland Ungarn und seine neu aufgenommenen Beziehungen zum Weimarer Hof immer größere Unterbrechungen und schließlich ein Ende. Mitte Dezember 1884 war er wieder für einige Zeit in Rom, und im November 1885 kam er zum letzten Mal in die Ewige Stadt und blieb über Weihnachten und Neujahr im Hotel Alibert. Nach seiner großen Reise im Frühjahr 1886 nach Antwerpen, Paris, London und St. Petersburg kehrte er im Mai nach Weimar zurück. Ein beginnendes Augenleiden machte sich bemerkbar und in Bayreuth, wo er zu den Festspielen noch anwesend sein wollte, wurde seine Sorge, an den Augen operiert werden zu müssen, von ihm genommen. Nach kurzer Krankheit verstarb der Abbé Franz Liszt am 31. Juli 1886, versehen mit den Tröstungen der katholischen Kirche.

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