Im deutschen Wald

Von den Germanen bis zu den Grünen, von Joseph v. Eichendorff bis zu Ernst Jünger – Die Deutschen und ihre Bäume. Von Ingo Langner
Bunter Wald
Foto: dpa | „Wer vom Wald spricht, darf allerdings von seinen Forstmeistern nicht schweigen“: Die Deutschen nehmen die Pflege des Waldes sehr ernst. Dabei ist keine Hysterie nötig.

Und wisst ihr was Kinder, als das Jesuskind in Bethlehem in der Krippe lag, da konnte ein Eichhörnchen von der Eider bis zum Bodensee von Baum zu Baum wandern, ohne ein einziges Mal den Erdboden berühren zu müssen.“ Wer in den Fünfzigerjahren als Erstklässler in einer schleswig-holsteinischen Volksschule bei dieser Lektion des Klassenlehrers kurz vor den Weihnachtsferien über die Dichte des Waldes zur Zeit der Germanen nicht mit Nebendingen beschäftigt war, hatte nicht bloß für die Schule, sondern tatsächlich etwas fürs Leben gelernt.

Von nun an waren in hellhörigen Knabenköpfen Germanen, Christi Geburt und der Wald zu einem süß tönenden Dreiklang verbunden, weil zu jedem Ton ein possierliches braunes Pelztier gehört. Dieser Akkord klang lange nach. Er hielte lebenslang, wenn es den Zahn der antichristlichen Aufklärung nicht gäbe. Der bekanntlich erst dann die Arbeit einstellt, wenn er die Krippe von Bethlehem vollständig zernagt hat. Was dann übrig bliebe, wäre der Wald. Genauer gesagt, der deutsche Wald, und der hat es in sich. In der Schlacht im Teutoburger Wald gingen gleich drei römische Legionen unter. Also immerhin mindestens 15 000 hochgerüstete Soldaten. Gegen die von Arminius alias Hermann angeführten Cherusker hatten die andernorts siegesgewohnten Römer deswegen keine Chance, weil sich der germanische Stammesverband im eigenen Wald wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser bewegte. Dem römischen Feldherrn Publius Quinctilius Varus erging es schon 9 nach Christi Geburt so, wie 1960 Jahre später den US-Truppen in Vietnam, wo der kommunistische Feind den Dschungel zum Freund hatte. Varus nahm sich noch auf dem Schlachtfeld das Leben.

Nach dieser verheerenden Niederlage hatte Kaiser Augustus die Hoffnung aufgegeben, auch Germanien bis zur Elbe hinauf dem Römischen Reich einverleiben zu können, und möglicherweise war der Schmerz darüber gar nicht einmal besonders tief. Denn bereits seinem Adoptivvater Gaius Iulius Caesar, sonst furchtlos wie kaum einer, war der Hercynische Wald, der sich von den Donauquellen bis nach Siebenbürgen erstreckte, nicht geheuer gewesen, weil selbst ein geübter Soldat erst nach sechzig Tagen wieder herausfinden würde. Der Wald selbst war also zum Schutz und Schirm der Cherusker geworden, und wir dürfen wohl annehmen, dass Arminius und seine Mannen von nun an noch eifriger ihren besonders mit Eichen verbundenen heidnischen Gottheiten die gebotenen Opfer dargebracht haben werden.

Wie eng diese Symbiose der Germanen mit ihren Bäumen war, können wir der Vita sancti Bonifatii entnehmen, in der Willibald von Mainz – er war ein Kleriker am Stift St. Victor – davon berichtet, wie Bonifatius, Apostel der Deutschen, im 8. Jahrhundert in der Nähe von Geismar eine dem Gott Donar geweihte Eiche fällte, um den dortig ansässigen Heiden sinnfällig vor Augen zu führen, dass allein Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben sei. Doch auch als Christen blieben die nun deutsch gewordenen Germanen ihren Wäldern treu. Nachdem Thor, Odin, Tyr, Fullo und Frijo – wohin auch immer – entfleucht waren und sich die Heidenangst mit ihrer Furcht, Spuk und Schrecken nur noch in den Grimmschen Märchen frank und frei tummeln mochte, wurde es wohlig zwischen den dichten Stämmen: „Alle, die je in jene Waldländer gerieten, fanden eine schöne Wildnis voll gesunder Blumen, Kräuter und herrlicher Bäume, die Wohnung unzähliger fremder Vögel und Tiere, aber nicht das mindeste Verdächtige.“ So schön dichtet Adalbert Stifter in seiner 1842 erstmals publizierten Erzählung „Der Hochwald“.

Ein Ludwig Tieck allerdings ahnte, dass sich hinter dem bunt-schönen Waldesvorhang immer noch dunkle Mächte verbargen. In seinem Kunstmärchen „Der blonde Eckbert“ rächt sich der Wald an jenen, die sich von ihm lösen wollen. Zudem kehrt mit Tiecks Motiv der Waldeinsamkeit („Die mich erfreut,/So morgen wie heut?/In ew?ger Zeit“) das Religiöse in den Wald zurück. Es ist jetzt zu einem Ideal der Askese geworden, die wiederum eng mit dem mittelalterlichen Mönchtum verbunden ist. Wozu auch Joseph von Eichendorffs Frage passt: „Wer hat dich, du schöner Wald/Aufgebaut so hoch da droben?“ Einer der eher auf Tiecks Spuren wandelte, war der Schriftsteller und Waldgänger von eigenen Gnaden Ernst Jünger: „Der Wald ist heimlich. Das Wort gehört zu jenen unserer Sprache, in denen sich zugleich der Gegensatz verbirgt. Das Heimliche ist das Trauliche, das wohl geborgene Zuhause, der Hort der Sicherheit. Es ist nicht minder das Verborgen-Heimliche und rückt in diesem Sinne an das Unheimliche heran.“

Wer vom Wald spricht, darf allerdings von seinen Forstmeistern nicht schweigen. „Syvicultura oeconomica“ heißt das älteste Lehrbuch der Forstwirtschaft. Ein gewisser Hannß Carl von Carlowitz, ein sächsischer Oberbergmann, hat es 1713 publiziert. Ihm stand vor Augen, wie bereits in der Antike die Griechen und Römer ihre einst dichten Wälder systematisch abgeholzt hatten. So sollte es dem deutschen Wald nicht ergehen. Wer von ihm nimmt, um damit zu bauen oder zu brennen, der muss gleichzeitig für sein Überleben Sorge tragen.

Was jetzt entstand, hatte allerdings mit den germanischen Urwäldern nichts mehr zu tun. Was dort natürlich gewesen war, stand jetzt in Reih und Glied. Ordnung musste sein, auch im neuen deutschen Wald. „Das Massensymbol der Deutschen war das Heer“, schreibt Elias Canetti 1960 in seiner Studie „Masse und Macht“ und fährt fort: „Aber das Heer war mehr als ein Heer: es war der marschierende Wald (...) Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz der Deutschen mit tiefer und geheimer Freude.“ Passend dazu ließ Alfred Rosenberg, einer der Chefideologen der Nationalsozialisten, Schilder aufstellen, auf denen man lesen konnte, daß „Juden in unserem deutschen Wald nicht erwünscht“ seien.

Solche Infamie hätte sich Carl Maria von Weber sicher nicht träumen lassen, als er Theodor Körners „Lützows wilde verwegene Jagd“, vertont als Männerchor mit Waldhornklängen, seiner Oper „Der Freischütz“ hinzufügte – in der bekanntlich Satan höchst selbst als Schwarzer Jäger seine dämonischen Fäden spinnt. Nimmt es in dieser Gemengelage noch Wunder, dass sich „Die Grünen“ mit ihrer Propagandaparole vom Waldsterben tief ins deutsche Gemüt einzufühlen wussten? Was in der Gründerzeit von dieser Partei bewirtschaftet worden ist, war eine Liaison Dangereuse aus Heimweh und Angst. Die in den einschlägigen deutschen Medien ihren entsprechenden Widerhall fand: „Wir stehen vor einem ökologischen Hiroshima“, konnte man im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ lesen, und flankierend dazu im „Stern“: „Die Reihen der Bäume lichten sich wie Armeen unterm Trommelfeuer.“

Solche Töne führen uns pfeilgenau zur von anderen Nationen diagnostizierten German Angst. Die der amerikanische Historiker Walter Laqueur einmal so auf den Punkt gebracht hat: „Wenn die Deutschen noch Polytheisten wären, hätten sie sicher einen Angstkult, würden den Göttern Angst Statuen aufstellen und ihnen Opfer darbringen.“ Arminius hätte den Überbringer dieser Botschaft wohl mit Hohn und Spott überschüttet. Von der Seuche der German Angst war der Cheruskerfürst noch nicht befallen. Doch er lebte ja auch zu einer Zeit, als ein Eichhörnchen von der Eider bis zum Bodensee von Baum zu Baum wandern konnte, ohne ein einziges Mal den Waldboden berühren zu müssen.

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