Im DDR-Gefängnis durfte er nicht singen

Auf dem Gelände des ehemaligen Zuchthauses Cottbus: Der frühere Häftling Gilbert Furian tritt in Beethovens Freiheitsoper „Fidelio“ auf. Von Josefine Janert
Foto: Marlies Kross | Szene aus dem „Fidelio“ mit Gilbert Furian in der Mitte, ehemals inhaftiert in der DDR.
Foto: Marlies Kross | Szene aus dem „Fidelio“ mit Gilbert Furian in der Mitte, ehemals inhaftiert in der DDR.

Beethovens Oper „Fidelio“ spielt in einem Kerker. In Cottbus wird sie derzeit auf dem Gelände des ehemaligen Zuchthauses aufgeführt. Sowohl in der Nazizeit als auch in der DDR saßen hier politische Gefangene ein. Nun steht vor dem Zellentrakt, in dem sich heute eine Dauerausstellung befindet, die Bühne. Bevor die Open-Air-Aufführung beginnt, schlendern Besucher in Abendkleidung über den Gefängnishof. Eingeschüchtert, aber neugierig betrachten sie die vergitterten Fenster, den Stacheldraht. Ihrerseits werden sie angestarrt von Männern in schwarzen Uniformen mit Gewehren über den Schultern. Ein korpulenter Mann in Uniform taucht auf. Brüllt „Achtung!“ Die Schwarzgekleideten stehen stramm.

Sie sind Darsteller in der Oper, die im Jahr 1805 uraufgeführt wurde und die Ideale der Französischen Revolution feiert. Leonore schlüpft in Männerkleider und lässt sich unter dem Namen Fidelio als Schließer in einem Kerker anheuern. Dort sitzt ihr Liebster ein, Florestan. Er wollte aufdecken, dass der Tyrann Pizarro seine Macht missbraucht. Der ließ ihn erst im Gefängnis verschwinden und möchte ihn nun umbringen. Doch Fidelio greift ein und rettet ihren Mann. Am Ende ist Pizarro entlarvt. Alle Gefangenen sind frei und stimmen mit ihren Frauen, die in den Kerker geeilt sind, ein Hohelied auf die Freiheit an.

Die Idee, „Fidelio“ an diesem Ort zu inszenieren, entwickelte das Staatstheater Cottbus zusammen mit dem Menschenrechtszentrum Cottbus, das die Gedenkstätte heute betreibt. Hinter dem Zentrum stehen ehemalige Häftlinge. Mit Hilfe von Staatsgeldern und von privaten Spenden konnten sie „ihr“ Gefängnis im Jahr 2011 kaufen. Regelmäßig führen sie Besucher durch das ehemalige Zuchthaus. Regisseur Martin Schüler ist es hervorragend gelungen, die Energie dieses Ortes für seine Inszenierung zu nutzen. Von seinem Sitz aus blickt der Besucher während der Oper auf den Gefängnishof. Dort stehen die Uniformierten stramm, marschieren, nehmen neue Häftlinge in Empfang. Wenn sich das Drama um Fidelio, Florestan und Pizarro zuspitzt, tauchen hinter den vergitterten Fenstern des Zellentrakts andere Gefangene auf. Am Ende werden Bilder des friedlichen Umbruchs in der DDR auf die Fassade des Zellentrakts projiziert.

Das berühmte Hohelied auf die Freiheit stimmen mehr als 200 Menschen an. Unter ihnen – und das ist eine weitere Besonderheit dieser Inszenierung – sind sieben ehemalige politische Gefangene der DDR. Seit Mai haben diese Laien-Sänger an den Proben des Staatstheaters teilgenommen, alles ehrenamtlich, ohne Bezahlung. Einer von ihnen ist Gilbert Furian, Jahrgang 1945. Er singt seit seiner Jugend in kirchlichen Laienchören, daher fällt ihm das Singen vor Publikum leicht. 1985 nahmen ihn vier Stasi-Männer in Ostberlin fest. Furian hatte zuvor Material über die Punkszene gesammelt, die sich Anfang der achtziger Jahre auch in der DDR gebildet hatte. Er hatte Ostberliner Punks interviewt; sie hatten ihm erzählt, wie wenig Lust sie auf ein genormtes Leben im „Arbeiter- und Bauernstaat“ hatten. Gilbert Furian hatte die Quintessenz aus diesen Gesprächen anonymisiert und heimlich hundert Mal vervielfältigen lassen. 90 Exemplare gingen an Bekannte in der DDR. Zehn Exemplare sandte er an Bekannte im Westen. Doch der DDR-Zoll entdeckte sie bei einer Routinekontrolle. Für sein „Verbrechen“, das Material in die Bundesrepublik zu schicken, verurteilte ein Richter Gilbert Furian zu zwei Jahren und zwei Monaten Haft. Einen Teil dieser Zeit saß Furian in Cottbus ab.

Zwölf Stunden zuvor, am Morgen vor der „Fidelio“-Aufführung, steht er in einer Gefängniszelle und erzählt Schülern aus Guben von den Zuständen in Cottbus. Auch diesen Job macht er ehrenamtlich. Die Schüler werden sich später im Kunstunterricht mit ihren Eindrücken vom ehemaligen Zuchthaus auseinandersetzen. „Ich teilte meine Gefängniszelle mit acht weiteren Männern“, berichtet ihnen Gilbert Furian. Die Zelle, in der sie sich jetzt aufhalten, ist noch enger. In den siebziger Jahren hausten hier 28 Männer auf 44 Quadratmetern. Ihnen standen zwei Waschbecken und eine Toilette zur Verfügung. „Es war klar, dass die Gefangenen da Aggressionen entwickelten“, sagt Furian.

Er stammt aus Görlitz, aus einer Familie, welche die DDR von Anfang an kritisch sah. Als Jugendlicher gehörte er zur Jungen Gemeinde der evangelischen Kirche, tauschte sich mit anderen Konfirmanden offen über die Zustände im Land aus. Als er sich in der Schule zu seinem Engagement in der Jungen Gemeinde bekannte, wurde Gilbert Furian aus der Freien Deutschen Jugend (FDJ) ausgeschlossen, dem Jugendverband der DDR. Das ersehnte Dolmetscherstudium konnte er daraufhin vergessen. Dem talentierten Schüler mit den sehr guten Noten wurden nun drei Berufe zur Auswahl gestellt: Koch, Tischler und Verkehrskaufmann. „Ich entschied mich für letzteren, weil ich mir darunter am wenigsten vorstellen konnte“, sagt Furian den Schülern. In den sechziger Jahren durfte er dann doch studieren, Philosophie. Doch 1968 rollten sowjetische Panzer durch die Tschechoslowakei. Moskau beendete den Prager Frühling, einen Vorstoß in Richtung Demokratie, der in den anderen sozialistischen Staaten mit großer Sympathie beobachtet worden war. Wie viele andere Menschen im Ostblock solidarisierte sich Gilbert Furian mit der Bevölkerung der Tschechoslowakei. Daraufhin flog er von der Uni. Er ging wieder arbeiten – und wurde erst einmal in Ruhe gelassen.

Als Gefangener in Cottbus hatte Furian eine genaue Vorstellung von der Freiheit: zum Bäcker gehen und eine frische Semmel kaufen. Einfach so. Doch als er nach einem Jahr und einem Monat Haft vorzeitig entlassen wurde, wollte er niemanden sehen. Er fuhr zu seiner Ostberliner Wohnung, legte Brahms auf, ohrenbetäubend laut. Später ging er dann doch zum Bäcker. Das erwartete Glücksgefühl blieb aus. Seine Gefühle hatte er hinter den Gefängnismauern unterdrücken müssen. Nun fühlte er sich wie gelähmt.

Dass er in der Wendezeit in der Bürgerbewegung mitwirkte und später für mehrere Publikationen DDR-Juristen und ehemalige Mitarbeiter von Gefängnissen interviewte, half ihm, das Erlebte zu verarbeiten. Nun der „Fidelio“. In den Gefängnissen der DDR war es übrigens verboten zu singen. Auch in diesem Sinne ist der „Fidelio“ für die sieben Politischen im Chor eine Befreiung. Bei jedem Auftritt fühlt sich Gilbert Furian zunächst in seine Haftzeit zurückversetzt: „Doch dann beginnt die Musik, und ich fühle mich als Teil einer großartigen Sache.“

– „Fidelio“ wird noch am 11. und 12. Juli um 21 Uhr aufgeführt. Gilbert Furian wirkt jedes Mal mit. Karten unter staatstheater-cottbus.de oder unter Telefon 03 55/78 24 24 24.

– Die Gedenkstätte im ehemaligen Zuchthaus Cottbus, Bautzener Straße 140, ist dienstags bis freitags 10 bis 17 Uhr und samstags und sonntags von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Die Anmeldung für eine Führung mit einem Zeitzeugen ist unter 03 55/2 90 13 11 möglich.

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