Im Bann falscher Geheimnisse

Freimaurer und Rosenkreuzer, Theosophen und Sekten – der New Age und Esoterik-Markt hat allerlei obskure Vereine im Angebot. Als Mitglied darf man sich im Besitz dunklen Wissens und einer gewissen Exklusivität erfreuen. Doch Vorsicht! Der Übergang in dunkelste Gefilde ist fließend. Umso mehr ist man erstaunt über den Einfluss, den manche dieser geheimen Zirkel auf viele gesellschaftliche Institutionen und Bewegungen haben. Viele prestigeträchtige Personen standen ihnen nahe. Ist dies etwa auch ein Grund, wieso die Kirche in der Welt oft so einen schweren Stand zu haben scheint? Ein kurzer Blick in die spirituelle Dunkelkammer. Von Burkhardt Gorissen
Foto: dpa | Geheimgesellschaften haben nicht nur Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen, in den Medien sorgen sie für gute Quoten.
Foto: dpa | Geheimgesellschaften haben nicht nur Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen, in den Medien sorgen sie für gute Quoten.

Die facettenreiche Geschichte geheimer Gesellschaften lässt sich bis in die Antike verfolgen. Gerüchte und Legenden umranken die geheimnisumwitterten Initiationsriten. Doch die Mysterien blieben immer verschattet. Das gab Anlass zu vielfältigen Spekulationen. Wussten sie wirklich, wie man Blei zu Gold macht? Mancher moderne Geheimbund will wenigstens ein Quäntchen der verschollenen Lehren besitzen, um nach außen hin noch geheimnisvoller zu wirken, womit sich nicht zuletzt gut Kasse machen lässt – eben Blei zu Gold.

Die Freimaurer, die Rosenkreuzer, die Theosophen, die schwarzmagischen Zirkel, was wären sie ohne den Rückgriff auf eine selbstverfasste Ahnengalerie, die sie bis ins alte Ägypten fortführen und manchmal bis Adam und Eva? Lessing behauptet sogar, die „Freimaurerei war immer“. Beweise? Fehlanzeige. Hauptsache Legende. War also die Aufklärung, betrieben von Maurern und anderen derartigen Mystikern, nicht doch nur ein anderes Wort für Irreführung?

Egal, ob Mozarts Zauberflöte oder Cagliostros fauler Zauber, man saugte Nahrung aus antiken Berichten, wie die des Plutarch, auch wenn sie nur noch Ruinen einstiger Geistigkeit darstellten. Der Vielfalt der Götter entspricht die Vielfalt der Irrtümer. Doch die Vorliebe für ägyptische Vorbilder spielt noch heute in der Freimaurerei eine nicht zu unterschätzende Rolle, die Ausstattung vieler Tempel erinnert daran, ebenso die Nennung von Isis, Horus oder der Sphinx, die sich rituell äußert, aber auch in Logennamen. An der freimaurerischen Deutung der Cheops-Pyramide, die nicht nur auf der Dollarnote zu allen möglichen und unmöglichen Verschwörungstheorien Anlass gibt, besteht jedenfalls kein Zweifel, sie zeigt ein hierarchisches Einweihungssystem bis hin zum „Auge des Osiris“, das im Dreieck über dem Pyramidenstumpf leuchtet. Nicht selten verlieren sich die abgekupferten Legenden in einem Labyrinth von Billigimitat und Mythenkitsch. Hauptsache, irgendein Kick wird vermittelt. Meistens kommt er dilettantisch daher, wie bei etlichen esoterischen Laienspielscharen, die in schwarzen Anzügen oder lila Hexengewändern ihren Veitstanz aufführen. Für manchen verirrten Sinnsucher mag der Tempelschlaf ungleich anregender sein als das abendliche Nickerchen vor der Glotze. Die Lust auf das Besondere muss es wohl sein, die dazu führt, sich im Blechmystiknebel zum tummeln, um Eingeweihter zu werden. Dann hat man dem Nachbarn wenigstens ein Geheimnis voraus – auch wenn es in Wahrheit keines ist. In einer Gesellschaft, deren wesentlichste Neuigkeitsbörse Nachrichtensendungen sind, die schlechte Nachrichten vermitteln, kommen sagenumwobene Helden ganz prächtig an. Augen zu und durch. Oder besser, wie bei Stanley Kubrick: „Eyes wide shut“. In dem an Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ angelehnten Film gerät ein New Yorker Arzt in die bacchantische Orgie einer Geheimgesellschaft. Um seine Neugier zu befriedigen, hat er sich in den geschlossenen Kreis eingeschlichen und kann scheinbar nur dem Tod entgehen, weil sich eine der anwesenden Frauen für ihn opfert. So zeigt Hollywood sein wahres, recht dunkles Gesicht.

Doch, es gibt sie, die Hexenkonvente und orgiastischen schwarzen Messen. Ebenso gibt es das Ekeltraining in schwarzmagischen Gesellschaften, bei dem die Mysten sich beweisen müssen, indem sie Kleintiere bestialisch töten und verschlingen. Aber auch hier hat die sensationsbesessene Medienwelt den Ekel vereinnahmt. Er wird der gelangweilten Öffentlichkeit publikumswirksam als „Holt mich hier raus, ich bin ein Star“ präsentiert, einer Fernsehshow, in der quotenversessene C-Promis so manche Kröte schlucken müssen.

Kaum anders ging es im Hellfire-Club zu, einem exklusiven Satanistenclub des 18. Jahrhunderts, zu dem nur die Creme der Gesellschaft Zugang bekam. Neben satanischen Riten wurden vor allem Bacchus und Venus abgefeiert. Das Motto des Clubs stammte vom damaligen französischen Starautor Francois Rabelais: „Tu was du willst“. Ein prominenter Besucher des Hellfire-Clubs war einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten und Helfershelfer der Französischen Revolution, Logenbruder Benjamin Franklin. Jedoch, wie es heißt, man sei nicht sicher, ob er nicht nur an einem rituellen Bacchanal teilgenommen habe. Als reiche das nicht aus. Hier berühren sich Realität und Fiktion, wie so oft in der Legendengeschichte der Geheimbünde: Gerüchte verbreiten, Spuren verwischen, Schulterzucken. Niemand weiß etwas Genaues, doch jeder weiß Bescheid! Am Ende steht prosaische Verklärung. Dennoch kann man die Entwicklung der Mysterienkulte auf einen Kulminationspunkt hindeuten, den 24. Juni 1717, dem Gründungstag der Freimaurerei. Die Freimaurer bilden ein Sammelbecken, in dem sich Kult- und Geheimwissen ansammelt und gleichsam von dort aus wieder in neue Bewegungen hinausströmt. Wer die Ideologie der Freimaurer aufschlüsseln will, stößt schnell auf das Gedankengut der Gnosis. Darin spielt der „Demiurg“ genannte Schöpfergott eine wesentliche Rolle. Er erschafft eigenmächtig das materielle All und gilt als Prinzip des Bösen. In vielen gnostischen Schriften wird dieser gnostische Schöpfer mit Jahwe identifiziert, dem Gott des Alten Testaments, dem übrigens die Arbeit im 4. Grad des „Alten und Angenommenen Schottischen Ritus“ gewidmet ist.

Nicht zuletzt aufgrund solcher Tatsachen bezeichnete der Vatikan die Freimaurer als „Gegenkirche“. Gleich mehrere Päpste verurteilten sie, zuerst Clemens XII. 1738 mit „In emminenti“. Leo XIII., von 1878 bis 1903 Papst, sagte in seiner Enzyklika „Humanum genus“: „Neben dem Reich Gottes auf Erden, der wahren Kirche Christi, gibt es ein noch anderes Reich, das des Satans, unter dessen Herrschaft alle stehen, die über Gott hinweggehen oder etwas gegen ihn unternehmen.“

Mehr Klartext geht nicht. Die Reaktion der Freimaurer zeigte sich ein paar Jahrzehnte später, in einem Protest zur 200-Jahrfeier 1917, wo sie vor den Vatikan zogen und skandierten: „Satan muss herrschen im Vatikan“. Maximilian Kolbe, der damals diese Demonstration mitbekam, gründete nicht zuletzt aufgrund dessen die marianische Bewegung „Militia Immaculatae“, um eine Kraft gegen die um sich greifende Gottlosigkeit zu stellen: „Ist es möglich, dass unsere Feinde sich so bemühen, die Oberhand zu gewinnen, und wir untätig bleiben?“

Doch die von Pater Kolbe ausgemachten Feinde änderten ihre Strategie. Die „Ständige Anweisung der Alta Vendita“ forderte die Verbreitung liberaler Ideen innerhalb der Einrichtungen der katholischen Kirche, sodass Laien und Kleriker im Lauf der Zeit von fortschrittlichen Prinzipien durchdrungen würden. Auf Dauer, so die Anweisung, würde diese Gleichschaltung so funktionieren, dass die Kirche sich den freimaurerischen Ideen annähere. Die Alta Vendita war die höchste Loge der Carbonari, einer italienischen Geheimgesellschaft mit Verbindungen zur Freimaurerei, ihr gehörten italienische Revoluzzergrößen wie Mazzini, Garibaldi oder Carducci an. An der Echtheit des Dokuments jedenfalls, wird auch von Seiten der Historiker nicht gezweifelt.

Wenn die Hochgradmaurerei im 30. Grad „Rache für des Molay“ schwört und behauptet, „aus Rache die Menschenrechte“ verkündet zu haben, darf gerätselt werden, ob die Neue Weltordnung ein Mischmasch aus Irrtum und Gewalt wird oder ob, wie der Hochgrad-Reformator Albert Pike sagte: „Wir die Atheisten und Nihilisten auf die Menschheit loslassen“, um einen gewaltigen Zusammenbruch herbeizuführen, und danach zu zeigen: „wen wir wirklich anbeten“.

Nicht nur die Freimaurer feiern die Tempelritter ab, auch etliche New-Age-Sekten tun es ihnen nach, wenngleich auf esoterischer Ebene. Zu ihren Hexensabbaten, wie Halloween, begeben sie sich in die Finsterwelt des Aberglaubens, in der es vor Bocksfüßen und Höllenmonstern nur so wimmelt. Auch so kann man eine Gesellschaft unterwandern. Die esoterischen Auswüchse kommen nicht von ungefähr. Im 19. Jahrhundert wurde die New-Age-Bewegung systematisch durch antichristliche Gruppierungen wie dem Golden Dawn oder der Theosophischen Gesellschaft vorbereitet. Insbesondere Helena Petrovna Blavatsky gilt als eine der bedeutendsten Vordenkerinnen des New-Age. Als sie 1875 in New York die Theosophische Gesellschaft gründete, ahnte sie wohl nicht, dass aus ihren seinerzeit kaum zwanzig Mitgliedern einmal eine fast 13 000 Personen starke Sekte würde, die starken Einfluss auf das Geistesleben des 20. Jahrhunderts ausübt.

Eine ihrer frühen Begleiterinnen, Annie Besant, nahm großen politischen Einfluss in der indischen Nationalbewegung. Zuvor hatte sich die Britin Besant im „Mutterland der Demokratie“ umtriebig gezeigt, als Mitbegründerin der Fabian Society, die zur Wegbereiterin der Labour Party wurde. Sofort nach ihrer Gründung begann die Fabian Society aufgrund ihres sozialistischen Ansatzes viele Intellektuelle anzuziehen, darunter George Bernard Shaw, H. G. Wells oder später Bertrand Russel. Intellektuelle, die sich häufig durch bösartige Anwürfe gegen das Christentum zu profilieren versuchten und in der Eugenik-Bewegung engagiert waren. Vergessen wir nicht, auch die Kommunistische Internationale war zunächst als Geheimgesellschaft konzipiert. So erklärt sich manches. Vielleicht auch die saturnischen Symbole Hammer und Sichel, die im Kommunismus reiche Verwendung fanden. „Völker, hört die Signale.“ Welche waren da genau gemeint? Wer fordert in der Internationalen eigentlich zum letzten Gefecht auf – und zu welchem? „Ein Gespenst geht um in Europa“, mit diesem Satz beginnt das Kommunistische Manifest.

Eine weitere Nachfolgerin Blavatskys, Alice Bailey, gründete den sogenannten „Lucifer Trust“. Nachdem es wegen der Namensgebung zu Problemen gekommen war, änderte sie 1924 den Namen in Lucis Trust. Bis heute dient Lucis Trust als geistiges Zentrum für die Verbreitung der New-Age-Ideen. Nicht zu unterschätzen ist der politische Einfluss esoterischer Organisationen, und da ist wissenswert, dass Lucis Trust einen konsultativen Status bei der UNO hat. Des weiteren ist der gar nicht so weltfremde Eso-Verein mitbeteiligt an: World Wildlife Fund (WWF), Greenpeace International, der UNESCO und UNICEF. Noch wird um die Seelen der Menschen gebuhlt. Mit wachsendem Erfolg. Die substanzlose Melange aus Psycho-Balsam und Anarcho-Esoterik, die seit den 50er Jahren Einzug in die Köpfe hält, verfehlt ihre Wirkung nicht. Die Gesellschaft wurde pornographisiert und infantilisiert. Insofern ist das Konzept der Neue-Welt-Designer, die Welt zu neurotisieren, aufgegangen, ganz gleich, ob man die treibende Kraft nun bei den Illuminaten vermutet, den Freimaurern oder in den Thinktanks der New-Age-Apostel.

Mit Hilfe von atheistischen Hasspredigern wie Richard Dawkins oder Drogen-Predigern wie Timothy Leary wurde ein Labyrinth geschaffen, aus dem der hilflose Normalbürger nur schwerlich entkommt, zumal ihm die Lügen der schönen neuen Welt täglich via Television auf den Abendbrottisch gebeamt werden. Das Ergebnis kann schlimmer nicht ausfallen: Statt Emanzipation heißt das Ergebnis Versklavung an Geld, Sex und den großen allesfressenden Medienmoloch. Der Schaden, den die falschen Propheten der Neuzeit in den Köpfen der Menschen angerichtet haben, ist letztendlich nur noch durch die Gnade Gottes wiedergutzumachen. Die heilende Kraft der Sakramente. Zufall? August Horneffer, einer der bekanntesten Vordenker der modernen Freimaurerei, verkündete Anfang des 20. Jahrhunderts unverblümt, die Freimaurerei sei der einzige in der Gegenwart noch lebendige Mysterienbund und würde überdies die katholische Kirche ablösen. Welches Mysterium hat dieser Mysterienbund? Und warum blüht er nur im Verborgenen, wie die Blumen des Bösen?

Jesus Christus hat durch sein Wirken das einzig wahre Mysterium offengelegt, das Geheimnis des Glaubens. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein exklusives Geheimwissen wie bei Geheimbünden, dieses Geheimnis ist für jeden erfahrbar. Das Mysterium des Christentums ist demokratisch und klar. Es kennt keinen Egoismus, keine geheimen Zirkel und Stufensysteme. Jeder Mensch ist zur Heiligkeit berufen. Im Gegensatz dazu steht die Geheimbündelei, sie gaukelt dem vermeintlichen Geheimnisträger vor, etwas Besonderes zu sein, als „Eingeweihter“ fühlt er sich automatisch der Gemeinschaft überlegen, weil sie von seinem „Geheimnis“ nichts weiß. Aber wozu? Heimlichkeiten führen immer etwas Negatives mit sich. Die Wahrheit muss das Licht nicht fürchten: Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1. Tim. 2,4) Das Licht der Wahrheit leuchtet ohne Entwicklung in einer Dunkelkammer.

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