Ihr Martyrium war Schwert und Geißel

Gervasius und Protasius, die Stadtpatrone von Breisach und die Wirksamkeit der Reliquien bis zur Gegenwart. Von Thomas Fleckenstein
Foto: Münsterbauverein Breisach | Der Silberschrein in Sankt Stephan in Breisach.
Foto: Münsterbauverein Breisach | Der Silberschrein in Sankt Stephan in Breisach.

Im frühen Mittelalter bis in die Neuzeit war es ein tief verwurzelter Brauch, einen Heiligen in einer Notlage um Hilfe anzurufen. Heute haben wir den eingespeicherten Notruf 110 und in wenigen Minuten kommt der Rettungsdienst. Doch wie verhielt sich der Mensch in vergangenen Zeiten, wenn es um Leben oder Tod ging? Sogar den einfachen Alltag zu überstehen, war keine Selbstverständlichkeit. In einem von Lichtverschmutzung bedrohten Planeten mag man es sich kaum vorstellen: die Menschen hatten panische Angst vor der Dunkelheit und wohl auch vor nächtlichen Dämonen. Es gab in alltäglichen Ängsten und Nöten fast keine medizinische Versorgung, keine Schmerzmittel, keine Arbeitslosen-, Kranken- oder Rentenversicherung. Hinzu kamen die Bedrohung durch Klima, Hungersnöte, wilde Tiere, die Willkür der Machthaber und ein vorzeitiger Tod bei einer schon ehedem geringen Lebenserwartung von durchschnittlich 35 bis 40 Jahren. Durch Gebete oder Gelübde versuchte man sich der höheren Mächte zu versichern, und die Sorge um das Seelenheil bestimmte das gesamte Denken. Selbst Luther verdankt seinen Werdegang einem einschneidenden Erlebnis, als er im Gewitter nördlich von Erfurt in Todesangst ausrief: „Heilige Anna, ich will Mönch werden“ und dies durch den Eintritt ins Augustiner-Kloster in Erfurt einlöste. Ein Notruf mit weltgeschichtlicher Bedeutung. Im Bewusstsein der Menschen waren die Heiligen als Nothelfer allgegenwärtig.

Wir kennen zahlreiche prominente Beispiele, bei denen Reliquien berühmter Heiliger eine derartige Anziehungskraft ausübten, dass sich daraus überregionale Pilgerziele mit geradezu magischer Anziehungskraft entwickelten. Für heutige Vorstellungen erscheint dies eine exotisch vergangene Welt, doch für den Menschen des Mittelalters war es der „Weg zum Himmel“, so schließt der niederländische Kunsthistoriker Henk van Os seine Forschungen über die mittelalterliche Spiritualität. Die moderne Version ist das „Ich-bin-dann-mal-weg-Syndrom“, das viele Zeitgenossen auf weit verzweigten Fußtouren in Europa über jahrhundertealte Pfade zum Grab des heiligen Jakobus an den nordwestlichen Rand der iberischen Halbinsel führt. Das war und ist näher als zum Heiligen Grab nach Jerusalem. Schon im Spätmittelalter sollen jährlich etwa bis zu 500 000 Menschen dorthin gepilgert sein. Aber neben diesen Highlights gibt es fast in jeder Stadt die lokalen – und daher weniger bekannten – Heiligen. Ihre Jahrestage werden seit dem Mittelalter an festgelegten Markttagen und Volksfesten mit Bier und Bratwurst bis heute gefeiert. Letztes Jahr feierte die Stadt Breisach im Erzbistum Freiburg die 850-jährige Translation ihrer Stadtpatrone.

Der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel brachte 1164 die Reliquien der Heiligen Gervasius und Protasius zusammen mit denen der Heiligen Drei Könige, die im Dreikönigsschrein des Kölner Domes ruhen, von Mailand über die Alpen und schenkte sie der Stadt Breisach, vielmehr dem heutigen Münster St. Stephan. So erzählt es die Legende. Die zum Jubiläum erschienene Festschrift unter dem Motto „Suchet der Stadt Bestes“ möchte in 14 Einzelbeiträgen und einem Vorwort nicht nur die Bedeutung ihrer Stadtpatrone und ihrer Wirksamkeit in der Geschichte vorstellen, sondern sie auch in das Spannungsfeld der historischen Fakten einbinden. Den Beiträgen gehen Grußworte von Angelo Kardinal Scola, Erzbischof von Mailand, Joachim Kardinal Meisner, emeritierter Erzbischof von Köln, Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg und Oliver Rein, Bürgermeister der Stadt Breisach, voraus.

Der Jahrestag der beiden Heiligen Gervasius und Protasius aus dem Breisgau ist der 19. Juni. Sie waren Zwillingssöhne der Heiligen Vitalis und Valeria. Unter Kaiser Nero wurden sie wegen Verweigerung des Kaiserkultes von Rom nach Mailand gebracht und dort zu Tode gegeißelt oder enthauptet. Schwert und Geißel sind daher ihre ikonographischen Symbole und der gleichzeitige Hinweis auf das Martyrium. Mit diesen Attributen werden die Brüder als Diakone auf dem Buchdeckel, Wiedergabe eines Reliefs vom Hochaltar des Münsters, vorgestellt. Nach ihrem gewaltsamen Ende wurden sie an Stelle der Grabeskirche der Märtyrer Nabor und Felix in Mailand beigesetzt. Ihre feierliche Verlegung am 17. Juni im Jahre 386 in die Basilika Sant' Ambrogio durch Bischof Ambrosius, einem der vier lateinischen Kirchenväter, gilt als die erste Reliquienübertragung des Abendlandes überhaupt und nach einem Terminus aus der Hagiographie nennt man diesen Akt Translatio.

Im Verlauf der Jahrhunderte ehrte man die Heiligen in Schreinen aus Silber, Gold, Edelsteinen und wertvollen Materialien und integrierte sie in die Liturgie des Jahreslaufes. Das Breisacher Münster besitzt einen der hervorragendsten monumentalen Silberschreine des Spätmittelalters, dem sich die Festschrift in einem Beitrag mit vielfältigen Ganz- und Detailabbildungen widmet. Der Schrein von 1496 mit den Gebeinen der Heiligen, der einen früheren Holzschrein ersetzt, 1996 in den gläsernen Zelebrationsaltar von Franz Gutmann integriert und im Jahre 2000 restauriert wurde, steht im Schnittpunkt von Laienraum und Chor, vor dem Lettner, als neu gestaltete liturgische Mitte der Basilika. Darin präsentiert sich dem Betrachter ein Kasten mit Walmdach auf einer vergoldeten Bodenplatte, die von vier goldenen Löwen an den Ecken getragen wird. Zwölf Flachreliefs, in Silber getriebene Platten, erzählen die Vita der Heiligen nach der Legenda aurea des Genueser Bischofs Jacobus de Voragine. Die Wände werden von einer zentralen Kreuzigungsgruppe und begleitenden Heiligenfiguren geschmückt, ein Schema, das sich an der hochentwickelten Goldschmiedekunst des Rhein-Maas-Gebietes des 12. und 13. Jahrhunderts orientiert.

Auch wenn es dem heutigen Verständnis als fremd erscheinen mag: die Reliquien waren die eigentlichen Schätze des Mittelalters und erst in zweiter Linie die Materialien, die sie umgaben. Ihr Besitz hatte zudem einen sozialgeschichtlichen Aspekt. Der stete Zustrom von Menschen war auch mit den Einnahmen aus einem lokalen Markt verbunden und brachte dem entsprechenden Ort vielfach Reichtum und Wohlstand. Auch diese, nicht unwichtigen, Aspekte der Heiligenverehrung, werden in einem Beitrag kritisch betrachtet.

Breisach konnte im Verlauf seiner wechselnden Herrschaften bis hin zu den Habsburgern kraft kaiserlicher Privilegien gleich drei Märkte im Jahr abhalten. In den Zeitläuften des Mittelalters, das durch juristische Besitzverhältnisse von keinen besonderen Skrupeln gehindert wurde, war es möglich, dass man sich kurzerhand durch sogenannten „Reliquienraub“ eines Heiligen bemächtigte. Und natürlich war die Überlassung von Reliquien durch einen Reichsfürsten mit einer besonderen Ehre, ein zentraler Begriff des Mittelalters, verbunden. So stieg das Ansehen einer Abtei, Pfarrkirche oder Kathedrale. Die Schenkung an Breisach durch Rainald von Dassel, dem Kanzler und Erzbischof des vornehmsten Archiepiskopats des Reiches (neben Mainz und Trier), nach der Eroberung und Zerstörung Mailands durch Barbarossa, war sicherlich eine besondere Auszeichnung staufischer Reichspolitik, die im Breisgau und im Elsass territoriale Interessen im Spannungsfeld mit den Zähringern verfolgte. Zwar hatte der Bischof von Basel bereits eine Kirche und eine Kaufmannssiedlung bauen lassen, doch die Stadt Breisach gilt als von den Staufern gegründet. Wer jedoch hier nur ein rein politisches Kalkül sieht, verkennt die tiefe religiöse Ergebenheit des mittelalterlichen Menschen, dessen Seelenleben uns noch immer nicht völlig erschlossen ist. Denn auch das Kaisertum hatte stets eine grundlegend sakrale Dimension.

Die Stadt Breisach, wie sie im Stadtbild durch einen Stich von Matthäus Merian dem Älteren von 1638 konterfeit ist (auf der Innenseite des Rückendeckels nochmals groß hervorgehoben), erhebt sich auf einem vom Rhein umspülten Basalthügel über dem Rheingau. Ihre imposante Lage am Oberrhein, westlich von Freiburg in Nähe des Kaiserstuhls, nutzten nach der ersten Besiedelung der Kelten die Römer als Militärlager. Die römische Bezeichnung mons brisiacus gab der Region Breisgau ihren Namen. Am südlichen Hang der ehemaligen Reichsstadt und heutigen Europastadt erhebt sich nach den Zerstörungen von 1945 noch immer das gotische Münster Sankt Stephan. Der Beitrag zur Baugeschichte mit Grundrissen und Vergleichsbeispielen stellt das Münster, das im Kern die Bauform des gebundenen Systems der Spätromanik um 1200 bewahrt, in die zeitgenössische Tradition des Oberrheins und des Elsass in Anlehnung an das Münster zu Basel oder St. Fides in Schlettstadt.

Das Münster ist gesegnet mit einer reichen sakralen und kunsthistorisch bedeutende Ausstattung wie Lettner, Reliquienaltar, Hochaltar, Sakramentshaus, Chorgestühl, Heiliges Grab, Jüngstes Gericht von Schongauer, Votivbilder, ein ehemaliger Rosenkranzaltar, Zeremonienkelche, ein Büstenreliquiar des heiligen Gervasius, zahlreiche Grabsteine und moderne Glasfenster von Valentin Feuerstein, zudem mit einer sehr stimmungsvolle Krypta. In den illustrierten Einzelbeiträgen findet sich auch mehrfach die bildhafte Wiedergabe der beiden Heiligen.

Unübersehbar trennt ein erhaltener und äußerst kunstvoller spätgotischer Lettner vom Ende des 15. Jahrhunderts das Langhaus vom Chor, ein „Juwel der Steinmetzkunst“, vermutlich durch Meister Hans von Nußdorf ausgeführt. Er soll Mathias Grünewald als Vorbild für den Isenheimer Alter im nahen Colmar gedient haben.

Den gesamten gotischen Chor füllt der Hochaltar des Meisters HL von 1526, im Buch ganzseitig abgebildet, ein hervorragendes Beispiel eines holzgeschnitzten Flügelaltars der Spätgotik mit den Reliefs der beiden Stadtheiligen im rechten Seitenflügel. Ein großdimensionierter Retabelaltar ohne Farbfassung, durchaus vergleichbar mit den fast zeitgleichen Altären des Tilman Riemenschneider in Franken.

In dem gesamten Ensemble stört nur eine kleine Frage, die nach der Authentizi-tät der Reliquien, die in der Festschrift nicht unerwähnt bleibt. So befinden sich doch in Sant' Ambrogio in Mailand in einem neobarocken gläsernen Reliquien-schrein des Seitenschiffs die beiden Heiligen nochmals, mit ebensolchem Anspruch auf Originalität. Der wissenschaftliche Verstand sieht hierin natürlich ein Dilemma. Die Frage stellt sich automatisch für die kritisch-messende Ratio, die auf das Phänomen leider keine Antwort geben kann und vermutlich auch nicht das geeignete Instrument zur Bewertung der mittelalterlichen Lebenswirklichkeit darstellt. Immerhin weiß man seit den Ergebnissen der Quantenphysik, dass die sichtbare Welt nicht einmal annähernd das ist, wofür wir sie halten. Die Frage nach der Echtheit war für die Menschen tatsächlich zweitrangig oder stellte sich erst gar nicht wirklich. Zeigen doch die Votivtafeln, also die künstlerisch formulierten Danksagungen auf eine Heilung, die Wirksamkeit der Reliquien.

Als Beispiel ist die sehr kunstvoll gemalte Votivtafel der „Fraw Scholastica von Ampringen“, datiert von 1617, besprochen, mit den beiden Heiligen als Mittelbild. Der Text im unteren Drittel der Tafel berichtet, dass sie so krank war, dass ihr alle „MEDIZINI“ nicht helfen konnten und sie nach einem Gottesdienst im Münster gesund nach Hause gehen konnte. Auf diesem Gebiet hat die Reliquienforschung noch ein weiterhin spannendes Aufgabenfeld.

Dieser Band zeichnet einerseits die lebendige Geschichte der Stadtpatrone und gibt darüber hinaus wertvolle und facettenreiche Einblicke in die mittelalterliche Spiritualität und Lebenswelt, sowie ihre Auswirkungen bis heute. Literaturangaben am Ende der Beiträge und ein Glossar runden den Einstieg in die Materie ab. Jedoch darf man hier keine wissenschaftliche Detailuntersuchung erwarten, was in diesem Spektrum weder beabsichtigt noch möglich ist.

Die Lektüre mit zahlreichen Anregungen dürfte nicht nur für den Leser im Erz-bistum Freiburg interessant sein, sondern sei all jenen empfohlen, die ihr Bild über den Themenkomplex Heilige und Reliquien erweitern möchten. Und vielleicht gibt sie sogar den Impuls, die Europastadt mit ihren Schätzen selbst zu besuchen.

Münsterbauverein e. V. der Stadt Breisach und der Münsterpfarrei St. Stephan, Breisach am Rhein (Hrsg): Breisacher Stadtpatrone Gervasius + Protasius. Festschrift „unser Münster“ Nr. 50, 1164 – 850 Jahre Stadtpatrone – 2014. 104 Seiten. Erhältlich beim Münsterbauverein Breisach, Münsterplatz 3, 79206 Breisach am Rhein, Tel: 0 76 67/ 203, EUR 10,–

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