Ihr Leben – und ein Film

Isa Vermehrens wahre Biographie. Von Gräfin Gabriele Plettenberg
Foto: KNA | Schwester Isa Vermehren im Herz-Jesu-Kloster Bonn-Pützchen.
Foto: KNA | Schwester Isa Vermehren im Herz-Jesu-Kloster Bonn-Pützchen.

„Wahrheit lässt sich nicht zeigen, sondern nur erfinden.“ (Max Frisch) Dieser Satz steht als Leitmotiv über dem Film „Ein weites Herz – Schicksalsjahre einer deutschen Familie“. Egal, was sich Max Frisch dabei gedacht haben mag, in diesem Film wird soviel Wahrheit erfunden, dass das wahre Bild Isa Vermehrens darin erstickt. Es ist klar, dass ein Film kein Buch ist und nicht die Einzelheiten der Wirklichkeit übernehmen kann, dass Bücher für den Kopf und Filme für das Gefühl sind, dass also Verdichtungen und künstlerische Freiheiten in hohem Masse erlaubt sein müssen, aber was zu viel ist, ist zu viel. Hierzu ein paar Einzelheiten.

Der Film basiert auf der Biographie des Hamburger Autors Matthias Wegner „Ein weites Herz. Die zwei Leben der Isa Vermehren“. (Claassen Hamburg, 2003). Der Autor hat sorgfältig in langer Zusammenarbeit mit Isa Vermehren und ihren beiden Brüdern recherchiert. Diese Biographie hat inzwischen mehrere Auflagen erreicht. Das ZDF hat die Urheberrechte und die TV-Rechte von Matthias Wegner und vom Verlag gekauft. Isa Vermehren ist 2009 im Alter von 91 Jahren gestorben. Auch ihre beiden Brüder leben nicht mehr.

Der Titel des erfolgreichen Buches wurde für den Film übernommen. „,Ein weites Herz‘ schildert das Leben und die Reise einer leidenschaftlichen starken Frau zu sich selbst“, hieß es in den ersten ZDF-Filminformationen. Der verantwortliche Regisseur Roland Berger sah den Film als „Erweckungs- und Liebesgeschichte“.

Im August 2011 wurde in Berlin mit wirklich erstklassiger Besetzung gedreht. Für den 120 Minuten-Film war ein Sendetermin im März 2012 angedacht. Nach der ersten Veröffentlichung des Drehbuchinhaltes gab es massive Proteste von Verwandten und Freunden von Isa Vermehren. Eine Nichte Vermehrens schrieb in Facebook: „Es stimmt sozusagen fast gar nichts außer dem Verwandtschaftsgrad der historischen Personen.“ Der Film blieb ein Jahr liegen. Im Januar 2013 wurde dann eine nahezu unveränderte Inhaltsangabe ins Netz gestellt. Neu firmierte man: „Ein weites Herz – Schicksalsjahre einer deutschen Familie“. Auch das ist hilfloser Unsinn, weil die Eltern Vermehren und die Familie seit l933 nie mehr zusammengelebt haben. Daran ändert auch das mehrfache Kuscheln von Isa im Bett der Eltern nichts. Die totale Loslösung von der Biographie führt zu weiteren unverantwortlichen, geradezu dramatischen Verfälschungen und Geschmacklosigkeiten:

Der Film arbeitet ohne Jahreszahlen und startet mit der Examensfeier zum Abschluss des Studiums. Isa provoziert mit einem Satire-Lied auf die Nazis. Trotz bestandener Prüfung wird ihr der Studienabschluss verweigert. Isa Vermehren hat von 1946 bis 1951 in Bonn studiert. Da gab es keine Nazis mehr, die Diplome verweigern konnten. Ihr erster Zusammenstoß mit den Nazis war schon 1933. Mit 15 Jahren musste sie das Lübecker Gymnasium verlassen, weil sie am 1. Mai beim Fahnenappell die Fahne nicht grüßte.

Weiter geht es mit Isas Engagement im bekannten Berliner Kabarett „Katakombe“ von Werner Fink. Im Film ist Isa Mitte 20. In Wirklichkeit war sie 15, als sie dort auftrat. Übrigens keineswegs gegen den Willen ihrer Mutter, die in Berlin als Journalistin arbeitete und die Verbindung zu Fink herstellte. Unklar bleibt, warum im Film die Katakombe Casematte heißt und Werner Fink zu Werner Rot wird. Vielleicht wegen des geschmacklosen Nonnen-Can-Can?

Ida landet im Bett ihres Geliebten. Das gehört offensichtlich heute in jeden Film, wenn es auch hier an der Wahrheit total vorbeigeht. Isa Vermehren war verlobt mit dem Architekten Karl Heinrich Beutler. Da aber beide, Isa war damals schon katholisch, mit dem Gedanken an ein eheloses Kloster-Leben spielten, Beutler wollte Priester werden, trennten sie sich einvernehmlich. Beutler ist als Soldat gefallen.

Isa trifft in Ravensbrück auf die ehemalige Sacré Coeur-Oberin Danuta. Danuta war keine Nonne, sondern eine polnische Referendarin. Isa Vermehren widmet dieser beeindruckenden Persönlichkeit ihre Aufzeichnungen aus der KZ-Zeit „Die Reise durch den letzten Akt“ (1946). „In Memoriam der umgekommenen und der überlebenden Freunde. Für D.T. ....“. Darf man das Leben dieser vorbildlichen und tapferen polnischen Staatsbürgerin einfach so verfälscht „benutzen“, nur um die Kurve zum Sacré Coeur-Orden wieder zu bekommen? Eine Szene wurde im Film allerdings gestrichen. Im Drehbuch stand noch, dass Isa vor der Oberin im KZ das Glaubensbekenntnis ablegt. Das war dann wohl doch zuviel!

In einer ungeheuer eindrucksvollen Szene wird Isa im KZ geschlagen, getreten und schwer misshandelt. Auch das ist nicht wahr. In „Ein weites Herz“, (S. 172) sagt sie: „Ich war Zeuge der Unmenschlichkeit, aber nicht eine wirklich Betroffene an Leib und Leben Gezeichnete.... Ich bin nie geprügelt worden. Ich bin nie geschlagen worden“.

Isa Vermehren konvertierte als Zwanzigjährige zum katholischen Glauben, unterrichtet und vorbereitet von der tiefgläubigen Elisabeth Plettenberg. Vor der Aufnahme in die katholische Kirche führten sie intensive Gespräche, die im Buch „Ein weites Herz“ viel Raum einnehmen. Im Film bleibt die Konversion ein verkitschtes Randproblem und die Bedeutung des Gottesglaubens wird nirgendwo deutlich. Sehr deutlich wird dafür das geradezu lesbische Verhältnis zwischen Elisabeth und Isa, das durch die gesamte Handlung gezogen wird. „Warum kann man nicht zwei Menschen lieben?“ „Ist es denn so schlimm, mehr als einen Menschen zu lieben?“ Kann man das verhindern?“ sind immer wieder eingestreute Fragen. Erich Vermehren treibt angeblich seine zunehmende Eifersucht auf diese Liebe ins Ausland. Diese radikale Verfälschung, ja unfassbare Verleumdung ist eine ungeheure Verletzung der Persönlichkeiten Isa Vermehren und Elisabeth Plettenberg. Warum den Namen des Kabaretts ändern, aber hier zwei authentische Persönlichkeiten 120 Minuten durch die Niederungen des Zeitgeistes treiben?

Am Ende geht Isa ins Kloster mit einem Empfehlungsschreiben der Phantom-Oberin Danuta. Die ganze Familie ist dabei, strahlend versöhnt, zufrieden und sehr glücklich. Auch das ist komplett erfunden. Isa Vermehren fuhr ganz ohne Familie im Taxi ins Kloster.

Der Film ist in sehr guter Besetzung spannend, aber verletzend. Für alle, die Isa Vermehren gut gekannt haben, ist er eine kaum erträgliche Zumutung, auch wenn ein Bischof den Film „hinreißend findet und jahrelang in die Dreharbeiten einbezogen war“, wie man in der ersten Kritik nach der Premiere in Hamburg Ende Januar auch in diesem Blatt lesen konnte.

Kann man Wahrheit wirklich erfinden? Der Film zeigt nur, dass man Wahrheit „spielend, sinnlos und verletzend zerstören kann. Dass das ausgerechnet im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geschieht, das mit nahezu sieben Milliarden Euro der Gebührenzahler unterstützt wird, macht diesen Film fast zum Skandal. Man sollte von den öffentlich-rechtlichen Sendern erwarten dürfen, dass sie sich nicht in erster Linie an den Gesetzen des Marktes, an hohen Einschaltquoten und Profit, sondern an den Bedürfnissen einer demokratischen Gesellschaft orientieren. Die Qualität einer Demokratie hat auch mit dem Zustand ihrer Medien zu tun. Das ZDF ist als öffentlich- rechtlicher Fernsehkanal mit verantwortlich für das Funktionieren unserer Demokratie, gerade in einer Zeit, in der wir um Werte, Normen und Vorbilder in Gesellschaft und Kirche ringen.

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann