„Ich war ein Fremdling...“

Der Kasseler Magistrat ließ das Ultimatum zum Erwerb von Olu Oguibes documenta-Obelisk verstreichen und verhandelt weiter. Von Veit-Mario Thiede
Foto: Thiede | 16 Meter hoher Obelisk in Kassel: Die Worte aus dem Matthäus-Evangelium sollen ein Denkmal für Fremdlinge und Flüchtlinge begründen.

Worte Jesu nach dem Matthäus-Evangelium (25, 31–46) sorgen in Kassel seit Monaten für helle Aufregung. Olu Oguibe ließ sie letztes Jahr in seinen für die documenta 14 entworfenen „Obelisk. Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument“ gravieren, der auf dem Königsplatz steht. Kassel pflegt seit der documenta von 1977 die Tradition, mindestens eines der für die Weltkunstausstellung im Stadtraum geschaffenen Werke zu bewahren. Der Obelisk ist das letzte noch in Kassel verbliebene Außenkunstwerk der documenta 14. Für seinen Erwerb setzte die Stadtverordnetenversammlung dem Magistrat ein bis zum 30. Juni befristetes Ultimatum. Der ließ es verstreichen. Wie konnte es so weit kommen? Und was nun?

Die vier Seiten seines 16 Meter hohen Obelisken ließ der in den Vereinigten Staaten lebende Nigerianer mit goldenen Schriftzeichen auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch mit folgenden Worten Jesu schmücken: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.“ Sie stammen aus dem vom Evangelisten Matthäus aufgezeichneten „Weltgericht“. In dem verkündet Jesus den Gerechten: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Oguibe äußert: „Der Obelisk wurde ausdrücklich für Kassel und den öffentlichen Platz angefertigt, auf dem er steht. Hintergrund ist nicht die Politik, sondern die Geschichte der Stadt als einladender Ort, sowie die einfachen, von allen anzustrebenden menschlichen Werte. Gastfreundschaft und Dankbarkeit (der Aufgenommenen) sind keine politischen Themen.“

Freie Gesellschaft fußt auf christlicher Nächstenliebe

Insbesondere der AfD ist der Obelisk aber wegen seiner fremdenfreundlichen Botschaft ein Dorn im Auge und sie verspricht sich von ihrer feindseligen Haltung Stimmen bei der kommenden Hessenwahl. Einer ihrer Stadtverordneten verkündete: „Wer den Obelisken weghaben will, muss am 28. Oktober AfD wählen.“ Von katholischer Seite ergriff daraufhin Dechant Harald Fischer Partei für das in Sichtweite der beiden Türme der evangelischen Martinskirche aufragende „Fremdlinge und Flüchtlinge Monument“: „Der Obelisk steht unserer Stadt gut an. Er ist ein ermutigendes Zeichen für das weltoffene Kassel. Das biblische Zitat weist in aller religiösen Offenheit darauf hin, dass wir die wesentlichen Grundwerte unserer Kultur dem Christentum verdanken: Die Fortschritte unserer freiheitlichen Gesellschaft fußen auf dem christlichen Grundgedanken der Solidarität und Nächstenliebe.“

In dem von Oguibe und der Stadt Kassel im Januar verbreiteten Spendenaufruf legte der Künstler 600 000 Euro als Ankaufsumme für den Obelisken fest. Mit guten Worten unterstützte die Initiativgruppe „Christinnen und Christen für den Obelisken“ die Spendenaktion. Sie versteht das Kunstwerk als Zeichen für kulturelle Vielfalt und Gastfreundschaft, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft wendet. Der Obelisk solle nun „mit seiner christlich-humanitären Botschaft auf Dauer einen Ort auf dem Königsplatz finden.“

Die Spendenaktion erbrachte jedoch nur 126 153,27 Euro. Kulturdezernentin Susanne Völker erklärte: „Wir würden uns sehr freuen, wenn der Ankauf trotz des nun niedrigeren Betrages zustande käme.“ Aber merkwürdig: Bei den weiteren Verhandlungen mit dem Künstler solle es nicht mehr nur um den Ankauf gehen, sondern auf einmal auch um einen neuen Standort. Denn „gerade mit Blick auf künftige documenta-Ausstellungen müssen die beiden großen Plätze in der Kasseler Innenstadt – Friedrichsplatz und Königsplatz – in ihren Zentren frei für weitere Nutzung bleiben.“ Die Begründung für den Platzverweis des Obelisken leuchtet nicht ein, denn auf dem Friedrichsplatz ist zum Beispiel der zuerst und der zuletzt gepflanzte Baum der von Joseph Beuys initiierten Stadtverwaldungsaktion „7000 Eichen“ (documenta 7, 1982 bis documenta 8, 1987) erhalten geblieben.

Die Stadtverwaltung möchte den Obelisken auf den Holländischen Platz abschieben. Stadtbaurat Nolda preist diese große, an der Universität gelegene Verkehrskreuzung erstaunlicherweise als „Treffpunkt für die internationale, multikulturelle Bürgerschaft“.

Der Parkplatz am Rande der Kreuzung ist als Baugrund für das documenta-Institut vorgesehen. Vor ihm soll der Obelisk seine neue Heimat finden. Oguibe erklärte sich bereit, sein Kunstwerk für die eingegangene Spendensumme an die Stadt zu verkaufen – und setzte sie mit einem Kompromissvorschlag unter Zugzwang. Der Obelisk solle erst dann vom Königsplatz zum Holländischen Platz umziehen, wenn dort das documenta-Institut verwirklicht ist.

Am 18. Juni entschied die Mehrheit der Stadtverordneten, die Stadt solle den Obelisken kaufen, aber vom Königsplatz entfernen. Oguibes Vorschlag, ihn bis zur Fertigstellung des documenta-Instituts am jetzigen Standort zu belassen, lehnten die Stadtverordneten ab. Mit den Stimmen von SPD, CDU und AfD wurde ein Ultimatum angenommen: Wenn Magistrat und Künstler sich bis zum 30. Juni nicht handelseinig werden, solle der Obelisk die Stadt verlassen.

Magistrat und Künstler zeigen sich jedoch unbeeindruckt. Das Ultimatum ließen sie verstreichen. Unter Berufung auf den Pressesprecher der Stadt meldete die Hessische Allgemeine in ihrer Ausgabe vom 30. Juni, dass Oguibe die Einladung des Magistrats angenommen hat, Ende Juli oder Anfang August nach Kassel zu kommen. Dann soll endgültig über das Schicksal des Obelisken entschieden werden.

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10.08.2021, 18  Uhr
Natalie Nordio
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