„Ich klopfe am Himmel an“

Gedichte des polnischen Priesters Jan Twardowski

Es gibt wohl kaum eine Kirche, kaum eine Buchhandlung in Polen, in der nicht die kleinen Gedichtbände von Jan Twardowski zu erwerben sind. Jan Twardowski – ein Priester, ein Dichter, eine polnische Legende. 1915 kam er in Warschau zur Welt, schrieb Gedichte, studierte Polonistik, kämpfte während des Zweiten Weltkriegs, in dem seine sämtlichen früheren Arbeiten und Manuskripte verloren gingen, als unbewaffneter Soldat der Polnischen Heimatarmee (Armia Krajowa) im Warschauer Aufstand. Nach dem Krieg begann Twardowski das Theologiestudium und empfing die Priesterweihe. Er begann wieder Gedichte zu schreiben, erreichte hohe Auflagen, Preise, wurde berühmt, hielt auch im hohen Alter noch Lesungen. Im Jahre 2006 starb er.

Für viele Literaturkritiker gehört Twardowski zu den großen polnischen Dichtern des 20. Jahrhunderts. „Wir sind stolz auf die Szymborska, wir verehren Milosz. Und wir lieben Pfarrer Twardowski“, hat ein Kritiker einmal geschrieben. Oft wird Twardowski in die geistige Nähe des polnischen Papstes Johannes Paul II. gerückt, den er tief verehrt hat und auch persönlich kannte. Von Dichter zu Dichter, Priester zu Priester, sozusagen.

Schön, dass eine Auswahl von Twardowskis Gedichten jetzt auch deutschen Lesern leichter zugänglich ist – mit dem schmalen Büchlein „Ich hütete die Kuh für einen Kommunisten“, das als literarische Broschur im Verlag Sankt Michaelsbund erschienen ist. Es finden sich in diesem – dem poetischen Geist Twardowskis durchaus angemessen – karg und schlicht gestalteten Büchlein nicht nur Gedichte des Priester-Dichters Jan Twardowski, sondern auch Geschichten und Gedanken aus seinem Leben, Erinnerungen. „Ich war sehr religiös, aber doch etwas außerhalb der Kirche selbst. Außer dem Hören der Heiligen Schrift hat mich die Kirche gelangweilt. Damals waren die Predigten arg lang und nicht Neugier erweckend. (...) Allerdings hatte ich das Bewusstsein, dass Gott da ist, dass er bei mir ist und dass ich mit Ihm sprechen kann: Dafür brauchte ich keinerlei Beweise. Ich fühlte, dass ich mit ihm verbunden bin in dieser großen weiten Welt. Er war für mich der allernächste Freund.“

Eine Freundschaft, die sich natürlich auch in den Gedichten widerspiegelt. Manchmal mit deutlichen Worten, dann mit überraschenden Wendungen, oft begleitet von Humor: „Ich klopfe am Himmel an/und bitte um Glauben/Aber nicht um einen, der Gebettel vor sich herträgt/Nicht um einen, der alle Sterne zählt und dabei die Hühner übersieht/ Nicht um einen gleich einer Eintagsfliege/Aber um einen immerfrischen weil unaufhörlichen/Um einen, der wie ein Lamm seiner Mutter folgt.“

Twardowski hat in seinen Gedichten die Hühner nicht übersehen, wie er überhaupt für die Natur und die Tierwelt – darin einem Bruder Franziskus ähnlich – äußerst sensibel geblieben ist, stets aus ihr schöpfte, was ihn – wohl auch für alle zukünftigen Generationen – zu einem beliebten Kinderautor gemacht hat. Auf Antrag dieser erhielt Twardowski die internationale Auszeichnung als Kavalier des Ordens des Lächelns. „Für wen wiegt sich ein Nymphensittich so wie ein Pelikan? Für wen hat ein goldener Fisch so gewölbte Augen? Für wen macht der Storch seine beiden Beine nie zugleich nass? Für wen zeichnet ein Huhn beim Gehen kleine Kreuze in die Erde?“

Wer so schreibt, sieht die Welt mit einem Staunen und hält Abstand zu jeglicher theologischer Pseudo-Intellektualität, wie sie leider auch in Polen immer mehr aufzufinden ist: „Ein Priester, Doktor der Theologie, kam als Vertretung des Katecheten zum Religionsunterricht in den Kindergarten. Mit seinen Händen berührte er die Köpfe der Kinder und sagte: „Merkt euch das fürs ganze Leben: Gott ist transzendental!“

Für den Priesterdichter Twardowski, Bruder Jan, ist die arme Kirche seine eigentliche Heimat gewesen und diese Armut spiegelt sich auch im Charme der Einfachheit seiner Gedichte: „Gott findest du am leichtesten, wenn du nicht über Gott schreibst.“ Geheimnis des Glaubens, Geheimnis der Poesie.

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