Kirche

Ich glaube dennoch!

Missbrauch, Glaubensabfall, Streit, Lebensbrüche - um nur einige Skandale und Baustellen der Kirche zu benennen - können das katholische Christsein sehr schwer machen. Und dennoch ist die Wahrheit befreiender als aller weltliche Hader.
Sonnenaufgang über Hildesheim
Foto: dpa | Die Kirche ist in stürmischer See und so idyllisch wie auf dieser Aufnahme ist die katholische Kirchen-Welt in Deutschland schon lange nicht mehr - wenn sie es jemals war.

Nein, es ist kein Spaziergang bei lauem Sommerlüftchen, heute in der Kirche zu sein. Und nein, es fällt nicht allen, die das Glaubensbekenntnis beten, wirklich leicht, jene Stelle laut und mit Inbrunst zu sprechen … und an die eine heilige und katholische Kirche. Wie auch! Das Bild, das diese Gemeinschaft abgibt, ist vielfach alles andere als einladend. Da können manche, die eher einen Blick von außen haben und von denen man nicht erwarten kann, dass sie über theologische und grundsätzliche Kenntnisse verfügen, schon mal nach der Glaubwürdigkeit fragen - und dicke Fragezeichen dahinter setzen.

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Missbrauchsskandal, Aufarbeitung, Vertuschung, Vertrauensverlust, Politik, Streit der Kardinäle, Reformdruck, Generalverdacht gegen Priester, Zölibat, Sexuallehre, Enthaltsamkeit, Verantwortung, Sexualisierung, Unverständnis, Unsicherheit, Lebensbrüche, Unehrlichkeit, Triebsteuerung, Frauenpriestertum, Männerbünde, Machtmissbrauch, Ehrfurcht und Glaubensverlust – alles wird miteinander vermischt. Alles blinkt gleichsam gleichzeitig auf. Das Ergebnis, vor allem und nicht zuletzt für ganz normale Christen, Familien, Kinder und Jugendliche ist ein buntes Chaos der Irritationen, das den Zugang zur geistigen und geistlichen Heimat erschwert oder gar verunmöglicht. Heilige Kirche?

Die Vielfalt wird durch eine Verdachtskultur bedroht

Ach ja, sie besteht aus Menschen. Aus Sündern. Wer sich in ihr bewegt und engagiert, erlebt und begegnet logischerweise viel allzu Menschlichem. Ob es die Zeiten der Verunsicherung sind, die da möglicherweise eine eigentlich überall anzutreffende Begabung zur Ausgrenzung und - nennen wir es so - Aburteilung besonders zur Blüte treiben? Aber es ist schon auffällig, dass eine gewisse Diskrepanz sich eingenistet hat zwischen in Seminaren, Konferenzen, Tagungen und unendlichem Schriftgut bekundeter Notwendigkeit zum Dialog einerseits und einer wachsenden Dialogunfähigkeit andererseits. Theorie und Praxis klaffen weit auseinander. Da scheint eine Kirche nicht anders zu sein als andere. Obwohl: Einen Spezialeifer scheinen manche in jüngster Zeit gerade hier besonders ausgefeilt beachten zu können. Es ist die nicht nur vereinzelt anzutreffende Sucht nach der Suche von noch so kleinen Unterschieden in der Überzeugung oder in gelebter Glaubenspraxis. So, als ginge es darum festzustellen, dass der andere, der sich auch katholisch nennt, nun wirklich nicht mindestens 150-prozentig dasselbe glaubt und lebt wie man selbst. Und schwupp lugt da eine geradezu vernichtende Verdachtskultur um die Ecke.

Ja, es gibt auch – die eigentlich vom linksradikalen Rand gewachsene – sogenannte CancelCulture, die nichts mit wirklicher Kultur zu tun hat und in der Paarung mit perfider Kontaktschuld-Ideologie das Potenzial zur unchristlichen Vernichtung in sich trägt. Eine besondere Form scheint es unter Gläubigen zu geben, nicht erst in Zeiten der Verunsicherung, aber dann wohl auch mit einer eigenen Dynamik der Intensität. Einen eigenen Begriff kennt man da noch nicht, doch das Phänomen lässt sich vielleicht beschreiben mit einem gewissen Eifer, gleichsam in den eigenen Reihen penibel genau nach eventuellen Unterschieden in der Glaubenshaltung und der gelebten Glaubenspraxis zu fahnden.

Die Farben Violett für Bischöfe und Rot für Kardinäle
sind schließlich keine Modeaccessoires,
sondern Hinweis auf die gebotene Bereitschaft zum Martyrium

Es scheint hier und da eine gewisse Lust an der Last zu geben, die ein frohes und auch vielfältiges gemeinsames Zeugnis verunmöglicht. Nicht das, was verbindet, zählt, sondern das bekommt Gewicht, was im Rahmen des breiten, immer wieder individuell herausfordernden Glaubens geradezu garantiert trennt. Und da reicht dann schon eine frühere Kommentierung, ein Nicht-Einstimmen in die eigene 100-prozentige „Ich-bin-nun-wirklich-katholisch-Mentalität“. Der schöne und so wahre Gedanke, den Kardinal Ratzinger einmal äußerte auf die Frage, wie viele Wege es denn zu Gotte gebe, schlummert dann im unterirdischen Mental-Archiv: So viele es Menschen gibt. So ein Hinweis könnte daran erinnern, dass es erst recht unter Christen keine krampfhafte Verpflichtung zur Suche nach dem Haar in der Bekenntnissuppe geben kann, sondern eher die Freiheit zum Zutrauen des Bekenntnisses zum Gottessohn in Seiner Kirche. Nicht Misstrauen sollte Christen „auszeichnen“, sondern Vertrauen. Etliche Ränkespiele, Intrigen gegen „Familienmitglieder“ und aus Neid und Missgunst verweigertes Miteinander und manches mit frommem Augenaufschlag „kultivierte“ Neben- und gar Gegeneinander hingegen sind eher Dienstbereitschaften für „die Nummer von unten“.

Zur keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit erhebenden Beobachtung im Sommer 2021 gehört freilich auch, dass es einen breiten und spürbaren Glaubensabfall gibt. Auch unter Bischöfen, wie manche hinter vorgehaltener Hand beklagen. Dabei sind sie eigentlich von Berufs wegen, oder besser: von Berufung wegen als Hirten verpflichtet, angstfrei die Wahrheit zu verkünden und Zeugnis abzulegen. Gelegen oder nicht. Die Farben Violett für Bischöfe und Rot für Kardinäle sind schließlich keine Modeaccessoires, sondern Hinweis auf die gebotene Bereitschaft zum Martyrium. Aber: Wer weiß das noch?

Herausforderung für Verkündigung und Bekenntnis

Gewiss, spätestens an dieser Stelle muss der Hinweis wiederholt werden, dass außerordentliche Zeiten das Bekenntnis nicht einfacher machen. Wohl aber notwendiger. Und es gehört zur Fairness anzumerken, dass es nicht leicht ist für viele heute, im medial vermittelten Wirrwarr der Meinungen und des massiven Drucks des Zeitgeistes Wesentliches zu sehen, zu erkennen und zu bekennen. Die Schnelligkeit, mit der in unserer medial regierten Welt Informationen umherfliegen, aber auch das Unverständnis für und die Unkenntnis über die Kirche und ihre innere Struktur stellen eine so bisher nicht dagewesene Herausforderung für Verkündigung und Bekenntnis dar. Ein von säkularistischer Ideologie des Anpassens diktierter Meinungskorridor hat einfach keinen Platz für tieferes Verstehen und weitere Dimensionen.

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Man kann es also vielen Suchenden gar nicht verübeln, dass sie sich glauben machen lassen und auch selbst glauben, die Kirche müsse sich mehr oder weniger bedingungslos dem sogenannten „Zeitgeist“ anpassen. Auch wenn man noch ahnt, dass die auch zu anderen Zeiten georderte Anpassung an die jeweiligen Moden alles andere als ein Segen gewesen wäre, sondern eher ein eklatanter Fehltritt. In einer auf Schnelligkeit getrimmten und die Machbarkeit des Jetzt betonenden Welt kann der Gedanke, dass die Kirche Jesu Christi und dessen Zeugnisträger nicht von der Welt, aber für die Welt sind, eigentlich nur stören. Und augenscheinlich überfordern. Folgerichtig tritt dann die wirkliches Heil und wirkliche Erlösung bietende Alternative zur in sich gefangenen Weltverklebung in den Hintergrund.

Zur Wahrheit gehört das Kreuz

Kann man heute noch katholischer Christ sein? Die Antwort entscheidet sich nicht an oberflächlichen und momentanen Umfragen politischer Prägung und diktierter Anpassung, sondern am Eigentlichen. Am Wesentlichen. An dem, was auch und gerade in Zeiten der Verwirrung, der Verführung, des Missbrauchs und der Zerstörung Kirche letztlich ist und bleibt: Der fortlebende Christus, der als geoffenbarter Gottessohn nichts weniger anbietet als die Wahrheit und das Leben, die Weite und die Erfüllung, die die Welt nicht geben kann. Und zu dieser Wahrheit gehört das auch für seine Jünger, für die von Ihm Berufenen, das Kreuz. Die Konsequenz. Die Freiheit der Kinder Gottes. Aber vor allem die Erlösung, die durch die Auferstehung zugesichert ist. Und es gehört dazu die Begabung, trotz allem und in bleibend möglicher Treue zum Gottessohn die Gaben des Heiligen Geistes in die Welt hinein zu senden.

Auch wenn es nicht immer einfach ist, so ist es doch immer möglich. Denn die Freiheit hat einen Namen: Jesus Christus. Er ist und bleibt für jede Reform der Kirche der Maßstab, die Urform dessen, was Kirche war, ist und bleibt. Er steht für die erfüllende und Fülle schenkende Wahrheit, die frei macht. Das ist tröstlich und stärkt. Denn Gott macht keine Fehler. Er ist die wirkliche und reine und volle Liebe. Und deshalb konnte – so wird erzählt, habe man immer wieder gehört – der heilige Josefmaria beim Beten des Glaubensbekenntnisses aus voller Überzeugung beim Bekenntnis zur Kirche im Credo ein „Trotz allem“ hinzufügen. Darauf angesprochen, was das denn besage, soll er geantwortet haben: trotz meiner und Deiner Sünden“. Es ist ein aus dem Vertrauen auf den barmherzigen Vater gelebtes „Und dennoch“. Jetzt erste recht: Credo.

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