„Ich bin zuversichtlich“

Starke Worte gen Rom, neue Ansichten zu Ehe und Familie – die Kirche in Deutschland bietet zurzeit ein auffälliges Bild. Für Professor Hubert Gindert, Gründer und Vorsitzender des „Forums Deutscher Katholiken“, kein Grund zur Sorge. Von Stefan Meetschen
Foto: Forum Deutscher Katholiken | „Geistige und leibliche Werke der Barmherzigkeit sind hochaktuell“: Professor Hubert Gindert weiß, warum.
Foto: Forum Deutscher Katholiken | „Geistige und leibliche Werke der Barmherzigkeit sind hochaktuell“: Professor Hubert Gindert weiß, warum.
Herr Professor Gindert, vor einigen Monaten sorgte das „Forum Deutscher Katholiken“ für Aufsehen, als Sie Papst Franziskus um „hilfreiche Worte“ baten, damit „Verwirrung und Lähmung unter den Katholiken“ im Zuge des ersten Teils der Familiensynode nicht weiter um sich greifen – wie geht es Ihnen inzwischen? Fühlen Sie sich in der Kirche wieder sicherer?

Tatsächlich waren viele kirchentreue Katholiken durch die Berichterstattung über die Bischofssynode verwirrt und wie gelähmt. Wer aber fragt, was gilt jetzt noch? bleibt inaktiv, wartet nur mehr ab. Dabei bräuchten wir gerade jetzt das mutige Glaubenszeugnis. Vielleicht haben wir die Aufforderung von Papst Franziskus an die Bischöfe überhört, nämlich, das zu sagen, was sie denken. Als deutlich wurde, dass manche Bischöfe nicht mehr zur Lehre der Kirche stehen, haben wir das sofortige Einschreiten des Papstes erwartet. Das blieb aus. Es war schon wegen der genannten Aufforderung nicht zu erwarten. Durch die inzwischen erfolgte Klarstellung durch Kardinal Müller, den Präfekten der Glaubenskongregation, die kaum ohne Wissen des Papstes geschah, können wir meines Erachtens mit größerer Gelassenheit der zweiten Sitzungsperiode entgegensehen, zumal jetzt auch zur 2. Sitzung ein Mitglied des Familieninstituts Johannes Paul II. eingeladen wurde.

Während des Frühjahrstreffens der Deutschen Bischöfe hat Kardinal Reinhard Marx deutlich gemacht, dass die Diskussion auch nach der Synode weitergehen müsse. Die Synode können nicht im Detail vorschreiben, was in Deutschland zu tun sei, so der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Auch ein nachsynodales Hirtenwort der deutschen Bischöfe wurde angekündigt. Fürchten Sie einen deutschen Sonderweg? Emanzipations- und Transformationswille sind in der katholischen Kirche Deutschlands ja nicht neu und auch in den aktuellen Diskussionen spürbar. Wie sähen aus Ihrer Sicht die Konsequenzen aus?

Kardinal Marx hat das ausgesprochen, was wohl die Mehrheit der deutschen Bischöfe, katholischen Laienverbände und Katholiken denkt und auch fordert. Seine Ankündigung, man wolle „neue Wege gehen“, die Synode in Rom müsse einen Text finden, der die Diskussion „weiter voranbringe“, man möchte in der „Lehre in der Gemeinschaft der Kirche“ bleiben, in Einzelfragen der Seelsorge „kann die Synode nicht im Detail vorschreiben, was wir in Deutschland zu tun haben“, „wir sind keinen Filiale von Rom“. Das klingt in manchen deutschen Ohren gut, wird aber dem Sachverhalt nicht gerecht. Kardinal Marx mag bei seinen Aussagen an das Zweite Vatikanische Konzil und an die Verantwortung der Bischöfe für die Ortskirche gedacht haben. Aber dieses Konzil stellt auch klar: „Das Kollegium oder die Körperschaft der Bischöfe hat aber nur Autorität, wenn es zusammen mit dem Römischen Bischof als seinem Haupt verstanden wird“ (LG 22). Der von Ihnen angesprochene „Emanzipations- und Transformationswille“ ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Prozesses. Er hat damit zu tun, dass die geltende Ehelehre der Kirche in Predigt, Katechese und Religionslehre kaum mehr vermittelt wurde. Diesen Prozess zu stoppen und umzukehren, setzt den Mut voraus, die Fehlentwicklung einzugestehen und Korrekturmaßnahmen einzuleiten. Danach sieht es derzeit nicht aus, zumal erheblicher Widerstand zu erwarten ist. Die Konsequenzen des von Kardinal Marx angedeuteten nationalen Alleinganges, müssten dazu führen – zumal, wenn nicht alle Bischöfe den Weg mitgehen würden – dass die strittigen Fragen in den Diözesen unterschiedlich geregelt würden. Das Chaos, das in ein Schisma führen müsste, wäre vorprogrammiert.

Im Zusammenhang mit Reformen fällt immer wieder das Argument der „Lebenswirklichkeit“ als neuer „Offenbarungsquelle“. Wie stehen Sie dazu als jemand, der Jahrgang 1933 ist und viele katholische Veränderungen erlebt hat? Hat das Argument nicht doch etwas für sich?

Natürlich gibt es Veränderungen der „Lebenswirklichkeit“, wenn man darunter zunehmende Ehescheidungen, das Zusammenleben Unverheirateter, die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe versteht und anderes. Sie werden scheinbar kaum mehr als anstößig empfunden. Aber, was hat das mit Offenbarung zu tun? Die Offenbarung ist, so haben wir einmal gelernt, mit Jesus Christus abgeschlossen. In sie kann man tiefer eindringen um Glaubenswahrheiten besser zu verstehen, aber nicht neue Glaubenswahrheiten ans Licht bringen. Es ist schon erstaunlich, was Theologen immer wieder neu erfinden und dass es Bischöfe gibt, die ihnen dann willig folgen. Die Gläubigen haben sich an der Wahrheit und Lehre der Kirche zu orientieren und nicht umgekehrt.

Ist es nötig, dass sich die Kirche stärker auf die Menschen zubewegt, um diese mit dem Namen und der Kraft Jesu Christi in Kontakt zu bringen? Müssen wir die Menschen mehr umarmen, als dass wir sie verurteilen?

Die stärkere Hinwendung zu den Menschen, um sie in Kontakt mit Jesus Christus zu bringen, halte ich für richtig. Der Pfarrer von Ars hat sich nicht hinter seinem Schreibtisch verschanzt, sondern ist zu den Leuten hingegangen und hat sie so für die Kirche zurückgewonnen. Papst Franziskus fordert immer wieder dieses Gehen zu den Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen und praktiziert es auch selber mit naturgegebener Herzlichkeit. Das wird auch von denen, die der Kirche fernstehen, positiv kommentiert. Ob wir dabei die Menschen umarmen – und was man darunter versteht – müssen, hängt wohl von ihrer emotionalen Befindlichkeit ab und die wird in Sizilien anders als in Schleswig-Holstein sein. Wir können am Beispiel Jesu Christi das Richtige abschauen. Es wird nicht berichtet, dass er die Frau am Jakobsbrunnen oder die Ehebrecherin umarmt hätte. Was wir wissen, ist, dass er zur Sünderin sagte, „auch ich verurteile Dich nicht. Geh hin und sündige nicht mehr“.

Stört und behindert zu viel Frömmelei, zu viel Moralismus und ein zu penibles Liturgie-Verständnis die Ansprache neuer Zielgruppen? Den Erfolg der Evangelisierung? Was kann man ändern, damit die Menschen den Glauben im kirchlichen Alltag mit mehr Begeisterung erfahren können?

Wer persönlich fromm ist, moralisch lebt und die Liturgie andächtig mitfeiert, wird einen religiös Suchenden kaum abstoßen. Ich halte eher das Gegenteil für richtig. Was die Menschen gerade heute in einer Welt des Scheins und der schönen Fassaden schätzen, ist doch Authenzität. Sie fragen, wie echt ist das, was ihnen vorgespielt wird? Ist das nur „business as usual“? Begeistern können meines Erachtens deshalb nur diejenigen, die authentisch wirken, die mit Überzeugung hinter dem stehen, was sie verkündigen, und jede Liturgie und Eucharistiefeier ist ja nun mal auf Gott und nicht auf den Menschen ausgerichtet.

Seit einiger Zeit sehen sich Katholiken, welche gesellschaftspolitisch konservative Positionen vertreten, als „Rechtskatholiken“ medialem Druck ausgeliefert. Wie gehen Sie als jemand, der auch zu dieser Gruppe gehört, damit um?

Jedem Zeitgenossen ist bekannt, dass versucht wird, „katholische Positionen“, weil sie im Wege stehen, als „indiskutabel“ abzuqualifizieren oder zu „entsorgen“, indem bekennende Katholiken in die „rechte Ecke“ abgeschoben werden. Denn von dort ist es nur ein kurzer Weg zu „rechtsextrem“, „undemokratisch“, „fundamentalistisch“ und „homophob“ bis hin zur Forderung nach der Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Natürlich setzen wir uns dagegen argumentativ zur Wehr.

Um etwas klarzustellen: Unter „konservativen Positionen“ verstehe ich, wenn beispielsweise Kitas für einen Notbehelf angesehen werden und Kinder, wenn möglich, in der eigenen Familie erzogen werden, weiter das Festhalten an der ehelichen Treue, die Ablehnung von Abtreibung, der Genderideologie, der Gleichstellung homosexueller Partnerschaft mit der Ehe, um nur einige aktuelle strittige Fragen aufzugreifen. Wenn ich deswegen als „Rechtskatholik“ bezeichnet werde, bringt mich das nicht aus dem Tritt. Selbstverständlich fahre ich weiter zu Demos, wie zum „Marsch für das Leben“ in Berlin oder zur Demo gegen die Genderideologie in Stuttgart.

Wäre es mit Blick auf die Globalisierung und die Weltkirche nicht trotzdem sinnvoll, dass Einrichtungen wie das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ oder das „Forum deutscher Katholiken“ das Adjektiv „deutsch“ aufgäben, um den Eindruck von nationalen Sonderwegen zu vermeiden?

Entscheidend scheint mir, dass Gemeinschaften, die mit dem Etikett „deutsch“ firmieren, deutlich machen, dass sie eindeutig zur Lehre der Universalkirche, zu Papst und Rom stehen. Das „Forum Deutscher Katholiken“ hat dies in seinem Statut klargestellt, wenn es unter den Aufgaben heißt: „Förderung der Verkündigung des katholischen Glaubens nach der Lehre der Kirche, entsprechend dem Katechismus der Katholischen Kirche von 1992“. Dieser Katechismus ist der der Weltkirche. Diese unsere Haltung kommt auch auf den Kongressen „Freude am Glauben“ zum Ausdruck. Das ZdK dagegen hat mindestens seit der Enzyklika „Humanae vitae“ von Papst Paul VL immer wieder antirömische Positionen vertreten. Gegen das „Apostolische Schreiben über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe“ vom 22. Mai 1994 wurde offen rebelliert. Gegen das römische Schreiben „Instruktion zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester“ vom 15. August 1997 hat der Präsident des ZdK zum Offenen Widerstand aufgerufen. Weitere Beispiele ließen sich mühelos anführen. Bei einer solchen Haltung liegt der Eindruck „nationaler Sonderwege“ auf der Hand.

Sind die 15 Krankheiten, die Papst Franziskus vor Weihnachten so pointiert benannt hat, aus Ihrer Sicht auch außerhalb des Vatikans anzutreffen?

Papst Franziskus hat in seiner Weihnachtsansprache an die Römische Kurie gesagt, dass diese 15 Krankheiten Versuchungen und Gefährdungen der Mitarbeiter der Kurie darstellen, aber auch für „jeden Christen, jede Kurie, Gemeinschaft, Kongregation Pfarrei, kirchliche Bewegung“. Wer möchte bestreiten, dass vom Papst angesprochene „Krankheiten“, wie sich für „unsterblich“, „immun“, „unentbehrlich“ halten, „Rivalität“ und „Ruhmsucht“, ein „Doppelleben“ führen, „Gerede“, „Klatsch“, „Gleichgültigkeit gegenüber anderen“, das Streben nach „Profit“ in allen Rängen und Diensten vorkommen und für jeden eine Versuchung sind?

Was erwarten Sie vom Jahr der Barmherzigkeit? Was sind Ihre Wünsche?

Ich wünsche mir, dass wir beispielsweise uns die sogenannten „geistigen und leiblichen Werke der Barmherzigkeit“ wieder in Erinnerung rufen und auch praktizieren. Sie sind nämlich nicht „verstaubt“, sondern hochaktuell, wenn wir lesen, dass darunter fällt: raten, trösten, belehren, ermutigen, vergeben, Widerwärtigkeiten geduldig ertragen. Gleiches gilt für die leiblichen Werke, beispielsweise Kranke und Gefangene besuchen. Vielleicht sollte man hier dazu setzen, Senioren im Altenheim nicht allein lassen. Die Welt könnte so wieder menschlicher werden.

Was mir aber noch wichtig scheint ist, dass Barmherzigkeit nicht als Schutzschild missbraucht wird, um aus Mangel an Zivilcourage eindeutiges Fehlverhalten mit dem Mantel der Barmherzigkeit zuzudecken. Es gibt Bischöfe, die geschiedene Wiederverheiratete zu den Sakramenten zulassen wollen und dabei die Barmherzigkeit vorschieben. Man kann aber Wahrheit und Barmherzigkeit nicht gegen Gerechtigkeit ausspielen. Die Wahrheit ist, dass unter einer Ehescheidung die Kinder und jene Partner, die an der Ehe festhalten wollen, am meisten leiden. Davon hört man aber von den gleichen Bischöfen wenig.

Was erwarten Sie vom Zweiten Teil der Familien-Synode? Manche Formulierungen, die man im veröffentlichten Schlussdokument „Relatio Synodi“ des ersten Teils findet, verdeutlichen das breite Spektrum der vertretenen Einstellungen der Bischöfe.

Dass die Lehre der Kirche über die Ehe, die auf das Wort Christi zurückgeht, wieder in voller Klarheit aufstrahlt! Ich bin da zuversichtlich. Es sind nicht nur die afrikanischen Bischöfe, die eine Haltung vertreten, wie sie Kardinal Sarah mit folgenden Worten ausdrückt: „Ich versichere feierlich, dass die Kirche Afrikas sich entschieden jeglicher Rebellion gegen die Lehre Jesu und gegen das Lehramt widersetzen wird“. Auch die polnischen und weitere Bischöfe haben sich inzwischen in ähnlichem Sinn geäußert. Und es wird genügend Bischöfe geben, die darauf achten, dass das Sekretariat alle Texte korrekt veröffentlicht.

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