„Ich bin überreich beschenkt“

Waltraud Meier über wichtige Rollen ihrer 40-jährigen Bühnenkarriere, über das Christliche im „Parsifal“ und über ihre Anfänge in Würzburg. Von Werner Häussner
Wagners "Parsifal" in Baden-Baden
Foto: dpa | Waltraud Meier als Kundry in einer Aufführung des Parsifal.

40 Jahre auf der Bühne: Im Mai 1976 debütierte Waltraud Meier, faszinierende Darstellerin großer Opernpartien, am Stadttheater Würzburg. Nun hat die Sängerin wieder ihre fränkische Heimat besucht – für einen Liederabend auf der Würzburger Bühne im Rahmen des Mozartfestes und für den Eintrag ins Goldene Buch der Stadt. 2018 wird Waltraud Meier als Ortrud in Wagners „Lohengrin“ auf den „Grünen Hügel“ zurückkehren. Aus Anlass des Bühnenjubiläums sprach Werner Häußner mit der Sängerin über wichtige Rollen und die Anfänge ihrer Karriere

Eine der prägenden Rollen Ihrer Karriere war die Kundry in Richard Wagners „Parsifal“. Wie hat sich Ihre Auffassung von dieser rätselhaften Bühnenfigur im Lauf der 34 Jahre zwischen 1982 und 2016 geändert?

Mein Verständnis dieses komplexen Charakters hat sich graduell verändert. Als ich die Kundry in Dortmund zum ersten Mal gesungen habe, sagte mir der Regisseur Paul Hager, ich solle schauen wie Martha Mödl. Damals kannte ich Martha Mödl nur von Fotos. Also habe ich die Augen groß aufgerissen und alle fanden das toll.

Direkt danach kam die Kundry in Köln in der Regie von Jean-Pierre Ponnelle. Für mich war es ein Glücksfall, die Rolle mit einem so wunderbaren Regisseur zu erarbeiten; ich habe viel gelernt und verstanden. Ponnelle stellte mehr die sinnliche Seite der Kundry in den Vordergrund, das Animalische, Verführerische. Götz Friedrich dagegen gab mir intellektuelle Anregungen zum Verständnis der Rolle. Das hat mich zu Beginn sehr geprägt. Später habe ich die Partie mit Klaus Michael Grüber in Paris noch einmal gründlich erarbeitet. Bei ihm habe ich viel gelernt, was das Schauspielerische betrifft.

Großen Einfluss hatte auch die Arbeit mit Patrice Chéreau. Mit ihm habe ich zwar nicht die Kundry gearbeitet, aber seine Art, tief in den Text einzudringen, hat mich sehr geprägt. Ich habe mir angewöhnt, Texte laut zu lesen – und zwar nicht nur die der eigenen Rolle. Dadurch ergeben sich neue Bilder und neue Ideen.

Wieviel Christliches steckt Ihrer Ansicht nach im „Parsifal“?

Ich habe mit Gewinn eine nicht veröffentlichte Studie von Peter Berne über „Parsifal“ gelesen, der in allen Rollen den Einfluss christlicher Philosophie und Mystik erkennt. Wagner hatte kein Interesse am konfessionellen, institutionalisierten Christentum. Aber die christliche Mystik findet sich in seinen Werken wieder, im „Parsifal“ beeinflusst durch sein damaliges Interesse am Buddhismus. Diese Erkenntnisse wollte ich in meiner letzten Kundry mit einbringen, aber das war in der dortigen Inszenierung nicht möglich.

Es gäbe also zur Kundry noch einiges zu sagen?

Nach 34 Jahren hätte ich zu dieser Figur noch einiges zu sagen. Das Thema im „Parsifal“ ist doch das Überwinden der Begierden, die menschliches Leid verursachen. Kundry begehrt ihre Erlösung, solange sie aber noch begehrt, kann sie keine Erlösung erfahren. Bei der Anlage der Rolle muss im ersten Akt schon das Triebhafte und Verführerische durchscheinen, das im zweiten Akt dominant wird. Im dritten Akt dann hat Kundry kein Wollen mehr, sie lässt geschehen. Daher singt und artikuliert sie auch nicht mehr – außer „Dienen, dienen“. Leider sieht man heute in Inszenierungen davon kaum mehr etwas. Es gibt handwerklich gut gemachte, aber psychologisch verkehrte Inszenierungen.

Was kritisieren Sie an heutigen Inszenierungen?

Eine Inszenierung sollte sich intelligent an der Musik, am Text entlang bewegen. Ich will auf der Bühne nicht nur Statements sehen, sondern erleben, wie Menschen etwas miteinander zu tun haben. Ich wünsche mir Theater – und das durchaus mit modernen Mitteln! Tiefgehende Emotionen, aber begründet auf dem, was in der Partitur steht. Patrice Chéreau hat das auf geniale Weise verstanden. Seine Kenntnisse waren so umfassend, dass er selbst Daniel Barenboim mit neuen Erkenntnissen überraschen konnte.

Warum haben Sie sich entschlossen, Kundry nicht mehr zu singen?

Ich habe die Partie zurückgelegt, weil ich keinen Regisseur kenne, mit dem ich meine Vorstellungen umsetzen könnte. Und weil ich möchte, dass – wenn ich eine Rolle singe – die Balance noch stimmt zwischen Erfahrung, Ideen und körperlicher Kraft. Bei meiner letzten Kundry in Berlin war das noch der Fall, bei meiner letzten Isolde in München auch. Ich will mir nicht selbst dabei zusehen, wie diese Balance langsam aber sicher verloren geht.

Sie nennen eine zweite prägende Wagner-Figur: Isolde. 22 Jahre haben Sie diese Partie gesungen, von 1993 bis 2015.

Ja, das ist eine ganz andere Geschichte als im Falle der Kundry. Für mich war es ein Glücksfall, mit Daniel Barenboim die Rolle mit einer langen Vorbereitungszeit einzustudieren und gleich in Bayreuth – mit den damaligen wunderbaren Probenbedingungen – zu debütieren. Geprägt hat meine Auffassung der Isolde die Regie von Patrice Chéreau an der Scala. Diese Inszenierung war der Höhepunkt meiner ganzen vierzigjährigen Laufbahn. Schon damals habe ich zu Patrice gesagt: Dafür habe ich meinen Beruf gewählt!

Wie hält man nach einem solchen Höhepunkt noch eine andere Inszenierung aus?

Nach einem solchen Erlebnis haben es andere Regisseure in der Tat schwer. Chéreau hatte jedes Wort auf seine Wahrheit, seine Authentizität, seinen inneren Kern abgeklopft. Er hat bis in die Tiefe erforscht, was der Sinn jedes einzelnen Satzes sei. Er hat wirklich „Theater“ gemacht, im wahrsten Sinn des Wortes!

Die Mezzo Waltraud Meier ist damals gewarnt worden, die Partie der Isolde zu übernehmen.

Ja, das war eine Chance, aber auch ein Risiko! Und ehrlich gesagt, im ersten Jahr war ich nicht sehr zufrieden mit mir. Ich habe mir eine Chance gegeben und mir gesagt: Ein zweites Jahr machst Du die Isolde, und dann entscheidest Du Dich. Und im zweiten Jahr kam ich mit der Rolle so viel besser klar, dass ich weitergemacht habe. Solche Partien – die Leonore in Beethovens „Fidelio“ übrigens auch – sind für mich ein Sieg des Willens über die Materie. Und ich hatte damals den Willen, es zu schaffen. Ich habe daran gearbeitet, die Rollen für meine Stimme und meine Möglichkeiten zurechtzulegen, damit ich sie glaubhaft verkörpern kann. Das war für mich überhaupt eine Maxime auf der Bühne: Alles muss glaubhaft sein!

Über Wagner hinaus haben Sie ein breites Repertoire gesungen, zum Beispiel auch die großen Mezzo-Partien Giuseppe Verdis. Sie haben einmal beklagt, dass Sie zu sehr auf Wagner festgelegt worden seien...

Stimmt, ich wurde sehr stark auf das deutsche Fach festgelegt: Wagner, Beethoven, Alban Bergs Marie im „Wozzeck“. Aber ich habe auch noch häufig Amneris in Verdis „Aida“ und Eboli im „Don Carlo“ gesungen. Eine Ausnahme war die Santuzza in Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“, für die ich immer wieder angefragt wurde: an der Metropolitan Opera New York, in Wien und – zuletzt vor eineinhalb Jahren – an der Deutschen Oper Berlin. Die „Cavalleria“ wandert mit mir durch mein Leben, seit meinem Bühnendebüt als Lola vor vierzig Jahren am Stadttheater Würzburg.

Wie fühlt sich das an, eine Santuzza neben all den großen Wagner-Charakteren?

„Cavalleria rusticana“ halte ich für ein tolles Stück, Santuzza eine fantastisch zu singende Partie. Ich liebe die Glut dieser Musik, die Intensität auf der Szene.

Sie würden also Verdi und Mascagni weiterhin singen?

Das will ich von Fall zu Fall entscheiden. Ich bin sehr selbstkritisch und werde wissen, wann es das letzte Mal sein wird. Nach vierzig Jahren ist zwar noch lange nicht alles gesagt, aber ich kann mir ein Leben außerhalb des Opernbetriebs gut vorstellen. Ich habe große Rollen an großen Opernhäusern mit tollen Dirigenten und fantastischen Kollegen gesungen. Was will ich mehr? Ich bin – und das meine ich auch so – zutiefst erfüllt. Ich hatte unfassliches Glück und bin überreich beschenkt worden. Dass ich älter werde, damit habe ich kein Problem. Ich hadere nicht, weil ich dies oder das nicht mehr singen kann. Viel wichtiger ist, darauf zu achten, was jetzt wichtig ist, was jetzt gefragt ist. In den nächsten Jahren freue ich mich auf eine intensivere Konzertarbeit. Momentan kann ich mich vor Konzertangeboten kaum retten: Mahlers „Kindertotenlieder“ und seine Achte Symphonie etwa. Richard Strauss' „Vier letzte Lieder“ kommen wieder, natürlich auch Wagners „Wesendonck-Lieder“.

Auf der Bühne bleiben Sie dennoch präsent, etwa als Klytämnestra in Richard Strauss‘ „Elektra“ …

… oder als Waltraute, die ich jetzt erst in der Budapester „Götterdämmerung“ gesungen habe. Aber mit Klytämnestra in der Inszenierung von Patrice Chéreau aus Aix-en-Provence gehe ich ja sozusagen einmal um den Erdball, singe sie im Herbst und Winter 2016 in Stockholm, Helsinki, an der Berliner Staatsoper und in Barcelona.

Für mich ist Klytämnestra eine tragische Figur mit einem tragischen Schicksal. Sie wurde zur Ehe vergewaltigt, in eine Familie verheiratet, in der bereits mit Atreus die Zerstörung begonnen hat. Der glorifizierte Agamemnon hat ihre Familie zerstört. Sie hat ihren Mann umgebracht, aber sie ist keine Hexe. Sie leidet unter ihrer Schuld. Sie ist eine verletzte Frau, die mit ihren Schuldgefühlen keinen Schlaf findet. Man muss die ganze Geschichte kennen, um das Schicksal Klytämnestras zu verstehen. Und man muss sich hüten, Elektra alles zu glauben, die Geschehnisse nur aus ihren Augen zu sehen. Wer annimmt, Elektra spräche nur Wahrheit, Klytämnestra nur Lüge aus, sitzt schon in der Falle.

Auch die Beziehung zwischen Klytämnestra und Elektra erhält so einen menschlichen Zug: Beide verpassen die Chance, miteinander zu sprechen. Mutter und Tochter haben noch die Erinnerung an die einstige glückliche Familie. Klytämnestra fürchtet die Rückkehr von Orest, weil sie weiß, dass er die Blutrache vollziehen wird. Aber sie sehnt ihn auch herbei, weil der Tod die einzige Möglichkeit ist, von ihren Albträumen loszukommen. Klytämnestras Gelächter ist kein Spott- oder Siegeslachen. Es ist das Gelächter der Verzweiflung.

Gehen wir einmal zurück zu Ihren Würzburger Anfängen vor vierzig Jahren...

... die ich im Ensemble der Capella Herbipolensis, in Konzerten und Geistlicher Musik mit dem Organisten Klaus Linsenmeyer, in der Würzburger Liedertafel, im Extrachor des Theaters und hin und wieder als Gast an der Hochschule für Musik erlebt habe. Ich habe ja nie an einer Hochschule studiert. Mich hat der damalige Chordirektor des Stadttheaters Würzburg, Anton Theisen, ausgebildet. Fast täglich war ich bei ihm, um zu singen, und wenn es nur zehn Minuten waren. In den ersten zwei Jahren habe ich nie alleine geübt. Das ergab eine Kontinuität, die wichtig ist, und die ich auch den Hochschulen in der Gesangsausbildung empfehlen würde: Weniger Schüler, dafür regelmäßig und häufig Unterricht. Nach dem Tod von Anton Theisen hat dann Dietger Jacob in Köln meine Stimme weitergebildet.

In Würzburg debütierten Sie 20-jährig als „Lola“ in „Cavalleria rusticana“.

Ich war damals im Würzburger Extrachor, als mich Anton Theisen fragte, ob ich Lust hätte, vorzusingen. Ich hatte gerade mein Englisch- und Französisch-Studium begonnen und bin unglaublich locker und entspannt in dieses Vorsingen gegangen – ich hatte ja nichts zu verlieren. Das Singen wäre Teil meines Lebens geblieben, auch wenn ich nicht genommen worden wäre.

Und Sie haben sofort ein Engagement bekommen?

Ja, Max Kink, der damalige Musikdirektor, hat mich auf der Stelle genommen. Ein viertel Jahr später kam der erste Agent und holte mich vom Fleck weg nach Mannheim. Mit 21 Jahren debütierte ich dort im November 1977 als Azucena in Verdis „Trovatore“.

Da hatten Sie schon einige Erfahrung gewonnen.

In Würzburg habe ich viel gesungen: Lola und Alisa in „Lucia di Lammermoor“, Mercedes in „Carmen“; dann Niklaus in „Hoffmanns Erzählungen“, Mozart-Rollen wie die Dritte Dame in der „Zauberflöte“, Dorabella in „Cosí fan tutte“, Cherubino in „Nozze di Figaro“, Ludmilla in der „Verkauften Braut“, Berta im „Barbier von Sevilla“, ein- oder zweimal sogar Ännchen im „Freischütz“ und schließlich Concepcion in Ravels „Die spanische Stunde“.

Was bedeuten Ihnen die Würzburger Jahre heute noch?

Ich hatte die Laufbahn als Sängerin am Theater ja nicht geplant. Dankbar bin ich für gute Regisseure wie Wolfram Dehmel, die mit mir gearbeitet haben. Es war gut und wichtig, sich in diesem geschützten Raum eines Ensembles Selbstbewusstsein zu erarbeiten.

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