"Ich bin allein, ganz allein"

Am 2. Januar 1918 wurde Willi Graf geboren. Hundert Jahre später wird eine Seligsprechung des Widerstandskämpfers der „Weißen Rose“ geprüft. Von Alexander Lohner
Willi Graf
Foto: IN | Der katholische Glaube spielte in der Familie Willi Grafs eine wichtige Rolle. Als Gymnasiast gehörte er dem katholischen Verband für Jungen höherer Schulen an.

Seid Gefolgschaft in der Tat, nicht nur im Hören des Wortes.“ Dieser Vers aus dem Jakobusbrief, welchen der 15-jährige Willi Graf 1933 in sein Tagebuch übertrug, wurde ihm – wie seine Schwester Anneliese Knoop Jahrzehnte später sehr richtig bemerkte – zur Richtschnur seines Lebens. Der biblische Aufruf zu weltverändernder Tat begleitete Willi Graf insofern nicht nur als mutigen Widerstandskämpfer gegen das nationalsozialistische Regime, sondern auch als Märtyrer des Evangeliums, der – im menschlichen Sinne: zutiefst einsam – allein der Stimme seines Gewissens gefolgt ist. Einsamkeit ist dabei der zentrale Begriff, ja die Grundstimmung, welche das gesamte Tagebuch, das Willi Graf viele Jahre geschrieben hat, durchzieht. Um sie zu verstehen, muss man sich die Biographie dieses Mitglieds der Weißen Rose vergegenwärtigen.

Wilhelm Graf, in seiner Familie von Kindesbeinen an Willi genannt, wurde am 2. Januar 1918 in der Ortschaft Kuchenheim, unweit Euskirchen, geboren. Seine Kindheit verbrachte er freilich in Saarbrücken, wo sein Vater Geschäftsführer einer Weingroßhandlung war. Der katholische Glaube spielte in der Familie eine wichtige Rolle und so gehörte der Gymnasiast zum katholischen Verband für Jungen höherer Schulen, dem Bund Neudeutschland. Nach der Auflösung der religiösen Jugendverbände trat Willi 1934 dem Grauen Orden bei, der dem Quickborn und dem Bund Neudeutschland nahestand, aber im Saarland bis zur Rückgliederung desselben weitestgehend unbehelligt agieren konnte. Neben Großfahrten und anderen Aktivitäten stand die Beschäftigung mit der von Romano Guardini angestoßenen liturgischen Bewegung im Mittelpunkt. Ehemalige Mitglieder beschrieben den Grauen Orden dabei als grundsätzlich unpolitisch; gesellschaftliche Fragen hätten im Gruppenleben keinen Platz gehabt. Dieser Umstand sollte Graf später aus der Gemeinschaft hinaus und neuen Wegen zuführen. Doch zunächst wurde er im Januar 1938 mit siebzehn anderen Mitgliedern des Grauen Ordens – darunter dessen Leiter, der Religionsphilosoph Fritz Leist – unter der Beschuldigung von „bündischen Umtrieben“ verhaftet und für drei Wochen inhaftiert, bis der Fall aufgrund einer Amnestie wegen des „Anschlusses“ Österreichs eingestellt wurde.

Nach dem Arbeitsdienst im Winter 1937 begann Graf ein Medizinstudium an der Universität Bonn. Im Januar 1940 wurde er als Sanitäter in die Wehrmacht einberufen. In Jugoslawien, Polen und Russland sah er die Gräuel des Krieges und die Verbrechen der Wehrmacht, „Dinge, die so schrecklich sind, dass ich sie nie für möglich gehalten hätte“, wie er in seiner Feldpost andeutet. In Gshatsk in der Nähe von Moskau, wo seine Einheit stationiert war, erfuhr Graf, dass er sein Studium in München fortsetzen könne, und so flog er im April nach Deutschland zurück. Graf nahm in München auch wieder Kontakt mit dem Umkreis des aufgelösten Grauen Ordens auf. Doch das apolitische Diktum wirkte fort, verdammte den Traumatisierten gewissermaßen zum Schweigen. „Ich finde mich einfach nicht zurecht“, (nur) „allgemeine Gespräche“, notierte er verzweifelt in seinem Tagebuch. Und: „Ich bin allein, ganz allein.“

Doch die Wende nahte. Im Laufe des Jahres 1942 bildete sich ein kleiner Kreis um Hans Scholl und Alexander Schmorell, zu dem im Sommer Sophie Scholl, Christoph Probst, Willi Graf und andere stießen. Man beschäftigte sich mit Philosophie und Literatur, las Paul Claudels „Seidenen Schuh“. In dieser Zeit verfassten, druckten und verbreiteten Scholl und Schmorell bereits die ersten vier Flugblätter der Weißen Rose.

Gemeinsamer Blick der Freunde auf Christus

Und so dienten die in diesen entscheidenden Wochen stattfindenden Zusammenkünfte den beiden Freunden offensichtlich dazu, weitere verlässliche Gleichgesinnte für den Widerstand zu gewinnen. Das Tagebuch Willi Grafs zeugt von den intensiven Gesprächen, die er in diesem Sinne mit Hans Scholl und Alexander Schmorell führte. Seine bisherige religiöse Sozialisation sah Willi Graf nun sehr kritisch. In einem Brief vom 6. Juni 1942 schreibt er: „Ich behaupte, dass dies gar nicht das wirkliche Christentum war, das wir all die Jahre zu sehen bekamen.“

Von Anfang August bis Ende Oktober 1942 wurden die Medizinstudenten Scholl und Schmorell mit ihren Kommilitonen Willi Graf und Hubert Furtwängler zur „Frontfamulatur“, also als Hilfsärzte für die verwundeten und erkrankten Soldaten, in Gshatsk eingesetzt. Für Graf war es eine Rückkehr. Entgegen der aggressiven nationalsozialistischen Propaganda von der Überlegenheit des deutschen Volkes über das osteuropäische „Slawentum“ erlebten die Kameraden mit Hilfe des in Russland geborenen Schmorell, der ihnen – trotz der Schrecken des Krieges – zum kundigen Cicerone in die russische Kultur, Religion und Lebensart wurde, eine Bevölkerung, deren Frömmigkeit, Gastlichkeit und Menschenfreundlichkeit sie tief beeindruckte und schon während der Rückkehr nach Deutschland in dem Entschluss bestärkte, die Widerstandspläne intensiver zu verfolgen.

Willi Graf, der nun auch einen Russischsprachkurs besuchte, wurde zu einem wichtigen Akteur der Weißen Rose. Während der Resonanzradius der ersten vier Flugblätter noch sehr begrenzt war, richtete sich das fünfte Flugblatt nun „an alle Deutschen“. Es entstand wohl Mitte Januar 1943, wie der Tagebucheintrag Willi Grafs vom 13. des Monats signalisiert: „Besuch bei Hans, auch am Abend bin ich noch dort, wir beginnen wirklich mit der Arbeit, der Stein kommt ins Rollen.“ Dieses Flugblatt wurde dann mit Hilfe von Eingeweihten in weiten Teilen des Reiches verbreitet. Graf selbst reiste zwischen dem 20. und 25. Januar nach Saarbrücken, Bonn und Freiburg, um noch einmal zu versuchen, die einstigen Weggefährten aus dem Bund Neudeutschland und des Grauen Ordens für eine Unterstützung der Widerstandstätigkeit zu gewinnen. Aber außer den Gebrüdern Bollinger erklärte sich niemand bereit, die Aktionen zu unterstützen, auch Fitz Leist nicht. Umso enger band Graf sich nun an den im besten Sinne ökumenischen Freundeskreis in München – Sophie und Hans Scholl waren evangelisch, Alexander Schmorell russisch-orthodox und Christoph Probst stand kurz vor seinen Eintritt in die katholische Kirche. Der gemeinsame Blick der Freunde auf Christus ließ sie – wie nur ganz wenige – erkennen, was das Evangelium in dieser Zeit erforderte.

In den Nächten verteilten Scholl, Schmorell und Graf Tausende von Flugblättern in München und schrieben meterhohe Freiheitsparolen an die Wände der Stadt: „NIEDER MIT HITLER“, „HITLER IST EIN MASSENMÖRDER“. Dies geschah unter dem Zeichen der schwindenden Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende durch einen Befreiungsschlag der Westmächte, welche noch das fünfte Flugblatt durchzog. Auf die Niederlage von Stalingrad reagierte das nationalsozialistische Regime mit der totalen Mobilmachung aller Kräfte und mit verstärktem Terror, was seine Existenz zu verlängern schien. Mit dem nationalen Aufruf Theodor Körners: „Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen!“ wurde nun daher im sechsten Flugblatt, welches im wesentlichen Professor Kurt Huber verfasst hat, an die deutsche Studentenschaft und Jugend appelliert, den Sturz der Naziherrschaft ohne Hilfe von außen zu erkämpfen.

Viele verdanken seinem Schweigen ihr Leben

Als Hans und Sophie Scholl am Donnerstag, den 18. Februar 1943, gegen 11.00 Uhr die Ludwig-Maximilians-Universität betraten – ihre Aktentaschen prall gefüllt mit Exemplaren des fünften und sechsten Flugblattes –, begegnete das Geschwisterpaar noch einmal kurz Willi Graf und Traute Lafrenz, um wenig später vom Hausmeister Jakob Schmid festgehalten und verhaftet zu werden. Am selben Tag wurden auch Willi Graf und seine Schwester Anneliese festgenommen.

Am 19. April 1943 fand der zweite Weiße-Rose-Prozess unter dem Vorsitz des Präsidenten Roland Freisler gegen Alexander Schmorell, Willi Graf und Kurt Huber als Hauptangeklagte und elf weitere Beschuldigte im Münchner Justizpalast statt. Hier hatte Freisler schon zwei Monate zuvor die Geschwister Scholl und Christoph Probst zum Tode verurteilt. Der Mitangeklagte Falk Harnack notierte nach dem Krieg: „Schmorell und Graf blieben einfach und gelassen und bekannten sich zu ihrer illegalen Arbeit, die sie aus dem Glauben an ein besseres Deutschland heraus getan hatten.“ Alexander Schmorell, Willi Graf und Kurt Huber wurden wegen Hochverrats, Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung zum Tode verurteilt. „Die Freunde, die ihr Todesurteil vernommen hatten“, so Harnack, „waren still und gefasst, keine Träne, aufrecht.“

Noch monatelang versuchte die Gestapo, aus Willi Graf Namen weiterer Mitverschworener herauszupressen, aber er blieb standhaft und schwieg. Auch die Einsamkeit der Gefängniszelle konnte ihn nicht zermürben. Viele verdanken seinem Schweigen ihr Leben. Trost fand Graf im Glauben und im Gebet, hier von dem Gefängnispfarrer Brinkmann begleitet, der in seiner Erinnerung an Willi Graf festgehalten hat: „Diese Macht des gemeinsamen Gebetes! So blieb er tapfer, treu und stark bis zu seinem glücklichen Heimgang zu Gott, der diesen jungen Menschen – man sah es ihm schon äußerlich an – mit heiliger Würde ausgezeichnet hat!“

So durfte Willi Graf am Ende seines Lebens doch noch den spürbaren Beistand seiner Kirche empfinden, den er – hierin dem seligen Franz Jägerstätter ähnlich – auf seinem einsamen Wege so lange schmerzlich vermisst hatte. Am 12. Oktober 1943 wurde Willi Graf im Gefängnis Stadelheim mit dem Fallbeil enthauptet. An der Richtigkeit seiner Gewissensentscheidung zweifelte er nicht. Dem Gefängnispfarrer diktierte er kurz vor der Hinrichtung in einem Brief an die Schwester noch in die Feder: „Gerade in der Zeit meiner Einsamkeit habe ich an Euch alle gedacht und für Euch gebetet, und ich glaube und hoffe, dass Ihr alle Trost und Stärke in Gott und Seinem unerforschlichen Willen findet. Du weißt, dass ich nicht leichtsinnig gehandelt habe, sondern aus tiefster Sorge und in dem Bewusstsein der ernsten Lage.“ Der Brief kulminiert in der christlichen Osterhoffnung: „Für uns ist der Tod nicht das Ende, sondern der Anfang wahren Lebens, und ich sterbe im Vertrauen auf Gottes Willen und Fürsorge.“

 

Hintergrund

Das Erzbistum München will prüfen, ob für Willi Graf, Mitglied der „Weißen Rose“, die Möglichkeit einer Seligsprechung besteht. Dazu wird eine Voruntersuchung eröffnet, in der sich Theologen und Historiker mit dem Leben und den Schriften Grafs befassen. Am Ende der Voruntersuchung steht gegebenenfalls die Eröffnung eines Seligsprechungsprozesses. Für die Voruntersuchung, die nun beginnen soll, wird ein Postulator ernannt, der sie inhaltlich begleitet und organisatorisch durchführt. Er befasst sich mit Grafs Leben und seinem Ruf unter den Gläubigen. Theologische Gutachter prüfen die Schriften von Willi Graf, Gutachter aus den Archiv- und Geschichtswissenschaften machen unveröffentlichte Schriften und Schriften aus seinem Umfeld ausfindig. Nach Abschluss der Voruntersuchung kann ein Seligsprechungsverfahren eröffnet werden. Zum 100. Geburtstag von Willi Graf und zum Auftakt der Voruntersuchung feiert Pater Karl Kern SJ am 2. Januar einen Gottesdienst in der Jesuitenkirche St. Michael in der Münchner Innenstadt. DT/pm Erzbistum München

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