Humorvolles aus dem Vatikan

Anekdoten vom Päpstlichen Hof: Geschichten über Geschichte lassen die Vielgestaltigkeit der Wirklichkeit erahnen

In einer Zeit, in der es für die römische Kirche eigentlich wenig zu lachen gibt und viele entweder ernsthaft besorgte oder feixend schadenfrohe Gesichter das Gesamtbild beherrschen, kann es gut tun, sich an wirklich und stilvoll Humorvollem zu laben – dies umso mehr, als ja dieser Tage Karneval angesagt ist. Ulrich Nersinger gehört zu den Historikern, die über ihre akribische Forschung hinaus in der Lage sind, aus ihrem Interessensbereich auch Aspekte herauszufiltern, die oftmals ob der Schwere der eigentlichen Arbeit ins Hintertreffen gelangen, jedoch wesentlich dazu beitragen können, geschichtlich weit entfernte Zeiten oder gewichtige Institutionen wie den Vatikan und das Papsttum in einem besonderen Licht erscheinen zu lassen.

Nersingers geschliffener Feder entsprang somit auch ein kleines Hörbuch mit dem Titel „Heiteres vom Hof der Päpste“. Der Vatikanspezialist, der durch kein Problem aus der Ruhe zu bringen ist (und zum Beispiel auch spät nachts auf eine dringende Anfrage aus der Heiligen Stadt eine Antwort findet, so zum Beispiel, seit wann denn nun die Päpste eine weiße Soutane tragen und warum sie dies tun), bietet somit einem katholisch freudigen Publikum die einmalige Möglichkeit, sich an Anekdoten aus fünf Jahrhunderten zu erfreuen, die den heiligen Sälen des Apostolischen Palastes und dem ins Geheimnisvolle gehüllten Umfeld der römischen Päpste von Julius II. bis Leo XIII. ein lächelnd heiteres Antlitz verleihen.

Gleich zu Beginn räumt der Autor das vorurteilsbeladene Bild einer katholischen Kirche aus dem Raum, das sie gern als Gegnerin des Lachens und des Humors erscheinen lässt. Nersinger macht deutlich, dass die Geschichte und dabei vor allem der Blick auf das Zentrum der Kirche anderes lehren. „In Rom, der Ewigen Stadt, sah man sich stets der ,iucunditas‘ verpflichtet“, so Nersinger, und beginnt seinen kleinen Streifzug durch den „hierarchischen“ Humor mit Julius II. Dabei bleibt er nicht auf einer oberflächlichen Ebene der Erzählung von auf Effekt ausgerichteten Sonderheiten stehen, sondern bietet dem Zuhörer die Möglichkeit, ein humorvolles Ereignis innerhalb seines präzisen historischen Kontextes zu betrachten und vieles zu lernen, was entweder unvermutet oder innerhalb einer „offiziellen“ Geschichte verschüttet liegt.

So berichtet Nersinger, dass im Jahr 1410 erstmals ein Feuerwerk in der Ewigen Stadt von einem Domherrn vom Sankt Peter vermerkt worden sei. Viel hätten die Römer daran gesetzt, den friedlichen Gebrauch von Schwarzpulver für imposante Spektakel weiterzuentwickeln. „Zu Ostern, am Hochfest der Apostelfürsten Petrus und Paulus und am Krönungstag des Papstes zündete man auf der Engelsburg ein Feuerwerk, das einem gewaltigen Vulkanausbruch glich und den Himmel der Ewigen Stadt in gleißendes Licht tauchte. Kein Geringerer als Michelangel Buonarroti soll das Konzept für das faszinierende Spektakel geschaffen haben. Papst Julius III. ließ 1555 eine Medaille schlagen, die ein Fass zeigt, aus dem Feuerwerkskörper emporsteigen; die Medaille trägt die ungewöhnliche Umschrift: „Hilaritas Pontificia – Päpstliche Heiterkeit“.

Gerade der Karneval spielte für die Heilige Stadt bis zum Zeitpunkt der Zerstörung des Kirchenstaates im 19. Jahrhundert und der gewollten „neuen Ernsthaftigkeit“ eine große Rolle. „Der Römische Karneval ist ein Fest, das dem Volk nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt“, stellte Johann Wolfgang von Goethe in seiner „Italienischen Reise“ fest. „Der Unterschied zwischen Hohen und Niederen scheint einen Augenblick aufgehoben; alles nähert sich einander; jeder nimmt, was ihm begegnet, leicht auf, und die wechselseitige Frechheit und Freiheit wird durch eine allgemeine und gute Laune im Gleichgewicht erhalten“. Dieses fröhliche Treiben wurde laut Nersinger von den Päpsten nicht nur geduldet, sondern von ihnen gefördert. „Martin V., der die Feier des Karnevals von einem Tag auf mehrere ausdehnte, hätten die dankbaren Römer den Ehrentitel „il Papa Carnevale“ verliehen. Tragische Umstände wie die erregte Auseinandersetzung zwischen Napoleon Bonaparte und Pius VII. („Wissen Sie auch, dass die Römische Kirche sehr gut ohne Sie auskommen kann?“ – „Gewiss“, erwiderte der Papst, „genau so gut, wie Frankreich ohne Bonaparte auszukommen vermag.“) finden ebenso Eingang in die Darstellungen Nersingers wie ironievolle Berichte aus dem Apostolischen Palast zur Zeit Leos XIII. Dieser hatte wie schon sein Vorgänger Pius IX. mit einer alten Tradition gebrochen und Frauen den Zutritt zu den Liturgien in der Sixtinischen Kapelle gewährt. „Dies führte dazu, dass die Angehörigen des weiblichen Geschlechts vermehrt in die Sixtina drangen und schon bald mehr als die Hälfte der Teilnehmer an den Papstgottesdiensten stellten – viele kamen freilich nur, um einen Blick auf den Pontifex zu erhaschen. Als Leo XIII. aufgrund eines in der Sakristei eingetretenen Schwächeanfalls auf den Vorsitz einer Zeremonie verzichten musste, teilte man den Gläubigen in der päpstlichen Palastkapelle mit, anstelle des Heiligen Vaters werde nun der Kardinaldekan dem Gottesdienst vorstehen. Die Verblüffung des Purpurträgers war groß, als er dann in eine sichtlich geleerte Kapelle einzog und sogar noch einige Damen bei deren überhastetem Verlassen erblickte. Der Päpstliche Zeremonienmeister berichtete empört von diesem Vorfall; auf dem Gesicht des Papstes zeigte sich jedoch keine Verärgerung, sondern ein viel sagendes Lächeln.“

Anekdoten aus dem Päpstlichen Hof: Es handelt sich dabei um die Kunst, Geschichte über Geschichten zu vermitteln und die Vielgestaltigkeit einer Wirklichkeit erahnen zu lassen, die sich ansonsten gern in der weiten Abständigkeit verliert und oft gerade deshalb zu irrationalen „antirömischen Affekten“ führt.

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