Literatur

Hugo Ball: Langsame Konversion

Schriftsteller, Journalist und Performancer – eigentlich war es klar, dass der vielseitige Hugo Ball (1886–1927) keine normale Ehefrau finden würde. Und in der Tat: Er fand eine Exzentrikerin, die ihn zur katholischen Kirche führte.
Allround-Künstler und Gelehrte Hugo Ball
Foto: IN | Von Dada zu Jesus: Der Allround-Künstler und Gelehrte Hugo Ball liebte in seinem Leben die Extreme.

Es lebe der Kommunismus und die katholische Kirche!“ Mit solchen ketzerischen Sätzen hat Hugo Ball (1886–1927), einer der eigenwilligsten Künstler des Expressionismus, seine Umwelt regelmäßig in Erstaunen versetzt. Die Gründerfiguren des „Dadaismus“ Hugo Ball und Emmy Hennings (1985–1948) gehören heute zu den vergessenen Namen der deutschen Literatur und des Katholizismus. Für kurze Zeit standen sie im Rampenlicht der Öffentlichkeit, als sie während des 1. Weltkriegs die Kunstrichtung des Dadaismus gründeten. Anschließend wandte sich der Freigeist Hugo Ball unter dem Einfluss seiner Frau Emmy, einer Konvertitin, dem Katholizismus zu und entwickelte sich zu einem bemerkenswerten geistlichen Schriftsteller.

Doch: Wer war dieses Paar eigentlich? Wie lebte es? Emmy Hennings wurde 1885 in Flensburg geboren und seit frühester Jugend zog es sie zur Schauspielerei – aber der Erfolg blieb aus und sie landete als Cabaretsängerin in der Münchener Boheme. Sie war Schauspielerin, Sängerin, Muse und Dichterin; um ihre Drogensucht zu finanzieren arbeitete sie als Gelegenheitsprostituierte, liebte Männer und Frauen, wobei ihr loser Lebenswandel sie mehrfach ins Gefängnis brachte.

Trotz dieses turbulenten Lebenswandels und der Übertretung fast aller christlichen Gebote war Emmy Henning, die 1911 zur katholischen Kirche konvertierte, eine treue Kirchgängerin und betete täglich vor ihrem Hausaltar. Sie fühlte sich innerlich zerrissen zwischen Glaubenssehnsucht und ausschweifendem Leben. Schon früh war sie aber davon überzeugt, dass es für eine Liebesbeziehung neben Leidenschaft auch eines gemeinsamen Glaubens bedürfe. Immer, wenn sie mit Freunden zusammenlebte, wie beispielsweise 1913 mit dem Schriftsteller Johannes R. Becher, drängte sie auf das gemeinsame Gebet. Bei einem Besuch einer ihrer Auftritte 1914 in der Schwabinger Künstlerkneipe „Simplicissimus“ verliebte sich der Dramaturg und Schriftsteller Hugo Ball in Emmy. Zum Zeitpunkt ihres Aufeinandertreffens befanden sich beide in einer existenziellen Lebenskrise: Emmy war unglücklich über ihr Leben als drogenabhängige Chansonette mit den rasch wechselnden Liebesbeziehungen und ihren Gefängnisaufenthalten. Der Außenseiter und Atheist Hugo hingegen suchte nach einer Beziehung, die ihn, den vielseitig Begabten, aus seiner Einsamkeit herausführen sollte.

1915 taten sich die beiden Pazifisten zusammen, flüchteten vor der Kriegsbegeisterung in die neutrale Schweiz und schlugen sich trotz bitterster Armut mit Auftritten in Kneipen und billigen Amüsierlokalen durch: Emmy als Sängerin und Tänzerin, Hugo als Klavierbegleitung und Texter. 1916 trat das Paar mit einem spektakulären Auftritt ins Rampenlicht der modernen Kunst. Es gründete in Zürich das „Cabaret Voltaire“, das zum Geburtsort des „Dadaismus“ wurde und sich zum Umsturz bisher gültiger Kunstüberzeugungen entwickelte und bis heute die moderne Kunst wesentlich beeinflusst. Das alltägliche Zusammenleben erwies sich als überaus schwierig. In den ersten Jahren stand ihre Beziehung immer wieder kurz vor dem Scheitern, weil ihre Charaktere und Lebenseinstellungen zu unterschiedlich waren. Als Emmy 1917 eine Affäre mit einem Spanier begann, verfolgte Ball sie mit einem Revolver in der Tasche. Er gewann sie aber zurück und ermutigte sie, über die eigenen Erfahrungen mit Prostitution, Drogen und Inhaftierungen zu schreiben, was für Frauen damals ein absolutes Tabu war.

Hugo Ball hatte trotz seiner katholischen Kindheit in Pirmasens seinen Glauben verloren und befand sich im Zustand einer „geistigen Obdachlosigkeit“. Beim Vortrag von Lautgedichten 1916 im Cabaret Voltaire geschah etwas Außergewöhnliches. Er fühlte sich unerwartet zurückversetzt in die Gottesdienste seiner Kindheit. „Da bemerkte ich, dass meine Stimme, der kein anderer Weg mehr blieb, die uralte Kadenz der priesterlichen Lamentation annahm, jenen Stil des Messgesangs, wie er durch die katholische Kirchen des Morgen- und Abendlandes wehklagt. [...] Einen Moment lang schien mir, als tauche in meiner kubistischen Maske ein bleiches, verstörtes Jungensgesicht auf, jenes halb erschrockene, halb neugierige Gesicht eines zehnjährigen Knaben, der in den Totenmessen und Hochämtern seiner Heimatpfarrei zitternd und gierig am Munde des Priesters hängt.“

Im Nachhinein interpretierte Ball dieses Ereignis als eine Schlüsselerfahrung, als ersten Impuls zur späteren Bekehrung und Rückkehr zur katholischen Kirche. Sein Interesse am Glauben war geweckt, es begann seine „langsame Konversion“, wie er es nannte. Es war ein langer Weg. Während er zwischen 1916 und 1919 in Briefen, Essays und Büchern die katholische Kirche und das Papsttum noch heftig kritisierte, besuchte er zugleich privat mit Emmy Gottesdienste und betete mit ihr. Als weiteren Beweggrund, zum Glauben zu finden, erwähnte Ball später Erfahrungen „schmerzlicher Art“, wobei er „Krieg mit seinen Trostlosigkeiten“ und „moralische und ökonomische Depressionen“ anführte. Für Ball stillte der katholische Glauben „das Bedürfnis nach geistiger Direktive“ und „nach einem sicheren Standort inmitten der Zusammenbrüche“ der Nachkriegszeit.

Bis 1919 war Ball als politischer Journalist in einem Kreis von Kriegsgegnern mit Ernst Bloch aktiv und schrieb für eine Emigranten-Zeitung gegen Militarismus und Nationalismus. Einen wesentlichen Einfluss übte auch Emmy Hennings auf Balls Konversion aus, durch gemeinsame Lektüre von Mystikern und Heiligen, den Besuch von Gottesdiensten, Gespräche über den Glauben und ihre Gebete vor dem Hausaltar.

Schon früh ahnte Emmy, dass es für eine Ehe neben Leidenschaft auch eines gemeinsamen Glaubens bedurfte. Das erklärt ihre rätselhaften Gedanken bei den ersten Treffen mit Hugo: „Eins ahnte ich zum voraus, dass dies der Mann war, mit dem ich beten konnte. Dies war das einzige Motiv, das mich bestimmte, mich ihm vollkommen anzuvertrauen.“ Diese Aussage verdeutlicht Emmys tiefe Sehnsucht nach einem gemeinsam gelebten Glauben, um ihre Zweifel zu ertragen und Fehltritte zu überwinden. In der Begegnung mit Hugo erfüllte sich ihr religiöser Hunger und Herzenswunsch nach Glaubensgemeinschaft. Hugo hingegen sah in Emmy eine Frau, die auf dem Weg voranging, den er selber suchte und ihn bei seinem religiösen Suchen unterstützte.

Durch das Zusammenleben öffnete er sich für ihre religiöse Welt. Auch Balls Freunde bestätigten, wenn auch missbilligend, „dass Hugo stark unter dem Einfluss dieser Frau stand“ und dass sie es war, „die Hugo Balls Weg zu Gott“ bestimmte.

1920 siedelte das Paar ins Tessin um und Ball begann, über sein bisheriges Leben nachzudenken und warf sich mit intellektuellem Heißhunger auf sein neues Interessengebiet: den Katholizismus. Anregung erhielt er durch die „Acta Sanctorum“, eine mehrbändige Sammlung von Heiligenleben. Ball suchte einen neuen Ausgangspunkt, um mit der Enttäuschung über die ausbleibende Erneuerung Deutschlands umgehen zu können.

Das gemeinsame Interesse am Glauben verband das Ehepaar. Aber während Emmy sehr emotional in Gedichten und Notizen um ihre Glaubenssehnsucht kreiste, vertiefte sich Hugo mit Eifer in altchristliche Schriften und Lebensentwürfe, aber auch in Fragen der Psychoanalyse und Seelenkunde.

1919 hatte er bereits die utopische Idee einer „Internationale der religiösen Intelligenz“ entwickelt, die außerhalb von Staat und Kirche eine „asketische, demütige, selbstlose und uneigennützige Elite“ bilden könnten. Es sollten Menschen sein, die keine Macht und keinen Besitz anstreben und daher unabhängig sind. Nun stieß Ball auf die Heiligen. Ihre Lebensform der Hingabe an Gott und die Kirche sowie ihre Tugenden wie Opfer, Hingabe, Verzicht, Demut und Liebe waren die Werte, die Deutschlands Intelligenz brauchte.

Hugo war nun davon überzeugt, dass eine Erneuerung der Gesellschaft nur aus dem Inneren des Menschen erfolgen könnte und dass er bei sich anfangen müsse. Es ging dem Paar um eine innere Wandlung und Umkehr zum Glauben, was sie eng verband. Ball suchte nach Erlösung und war bestrebt, ein heiliges Leben zu führen.

Seine Konversion fand 1922 ihren Abschluss in der Generalbeichte in München und dem Wiedereintritt in die katholische Kirche. Nach seiner Hinwendung zum Katholizismus lebte Ball, der radikal dem einmal als richtig Erkanntem folgte, nicht eine gemäßigte, bürgerliche Version des Glaubens, sondern einen integralen Katholizismus. Dabei verstieg er sich gelegentlich in einen katholischen Rigorismus, der die „Unbedingtheit der Nachfolge Christi“ nur in der Ausschließung aller säkularen Dinge zu erreichen glaubte.

Er entwickelte sich zum stark religiösen, der katholischen Kirche eng verbundenen Schriftsteller und bezog zu vielen Gewissheiten der Moderne eine Gegenposition. Wo schnelle Bedürfnisbefriedigung gepredigt und praktiziert wurde, lobte er die Askese, wobei Balls Katholizismus zugleich kindlich fromm und intellektuell reflektierend war. Das Glaubensleben des Paares nährte sich aus der Vielfalt katholischer Frömmigkeitsübungen wie Rosenkranz, Gebete, Litaneien, Beichte, Lieder, Heiligenverehrung, Buße, Wallfahrten, Liturgie, Sakramentalien, Marienfrömmigkeit und Zuwendung zu Engeln.

Emmy Hennings und Hugo Ball heirateten 1920 in Bern standesamtlich, eine kirchliche Heirat blieb ihnen verwehrt, da Emmy vor ihrer Konversion bereits einmal verheiratet gewesen war. Nach dem Umzug ins Tessin entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen Hermann Hesse und dem Paar. Für den ebenfalls im Tessin lebenden Hermann Hesse wurde Ball zur wichtigsten Bezugsperson und die Biografie über Hesse zu Balls erfolgreichstem Buch.

Ball und Hesse diskutierten oft nächtelang über spirituelle Themen: Psychoanalyse, Religion, Träume, Kunst und ihre mittelalterlichen und indischen Interessen. Im Gespräch mit Hesse entwickelte Ball die Idee, über die Zusammenhänge zwischen Exorzismus und Psychoanalyse und über das frühe Mönchstum des Vorderen Orients zu forschen. Bei der Beschäftigung mit den Wüstenheiligen und dem Exorzismus ereigneten sich im Hause Ball plötzlich übernatürliche Phänomene, die Emmy wie folgt beschrieb: Ball „glaubte ähnliche Schläge zu empfangen, wie der Wüstenheilige, da er mit den Dämonen stritt. (...) Die Anfechtungen wurden Hugo und auch mir und dem Kind so lästig, dass er die Arbeit abbrechen musste“. Später im Januar 1925 in Rom und im März 1926 in Vietri erlebten beide erneut „einige Diabolismen“ und fühlten sich durch unerklärlichen Lärm bedrängt. Obwohl Hugo an die personale Existenz von Dämonen als Träger des Bösen glaubte, ging das Paar mit diesen Erlebnissen sehr diskret um.

Bei einem längeren Aufenthalt in Italien 1926 sprach Hugo Ball sogar davon, als Mönch in ein Kloster einzutreten. Die radikale Askese und das Mönchtum der frühbyzantinischen Kirche empfand er als ideale Lebensform. Musste dieser Zwiespalt zwischen der lebenslustigen Emmy und dem asketisch-mönchischen Hugo nicht zu Konflikten führen? Im Gegenteil, es war das, was Emmy bei Männern immer gesucht hatte. In ihrem Tagebuch notierte sie: „Es ist möglich, dass sich der Liebesgrad einer Frau nur nach dem Priesterlichen im Manne richtet. Jedenfalls ist doch das Heilige im Manne die eigentliche, die ursprüngliche Sehnsucht der Frau.“ Mit diesem Wunschbild drückte Emmy ihre lebenslange Sehnsucht nach einem Mann aus, der glaubt, asketisch-fromm lebt und „mit dem sie beten kann“.

Durch die Suche nach letztgültigen Wahrheiten und die Hinwendung zum Glauben bekam das Leben der beiden neben ihrer Liebe ein Ziel und den lange gesuchten Lebenssinn. Der katholische Glaube wurde für das Paar die existenzielle und schöpferische Quelle, um ihr tapferes Leben in völliger Armut und Einsamkeit ertragen zu können. Im Rückblick empfand Emmy ihre Ehe als Gnade, die auf Gott beruhte.

In ihren Erinnerungen „Hugo Balls Weg zu Gott“ schrieb Emmy über Balls letzte Tage: „Die Ärzte, wir konnten sie nicht genug herbeirufen, erwarteten stündlich das Ende. Ich hatte geweihtes Wasser von Lourdes kommen lassen, und als er Atemnot bekam, brauchte er sich nur zu bekreuzigen und ein wenig Wasser an sein Herz legen, um sogleich Linderung zu empfinden. Ich muss sagen, er war auch von diesen äußeren Dingen abhängig und trug in kindlichem Glauben an die Wunder- und Heilkraft, wohl auch als Zeichen seiner Verehrung, stets ein kleines Amulett am Hals, das die Unbefleckte Empfängnis und die selige Bernadette darstellte. So bedurfte dieser starke geistige Mensch, der sich mit den ernstesten und tiefsten Fragen des Lebens beschäftigte, bis zum letzten Augenblick gleichzeitig der allerrührendsten frommen Hilfsmittel. Sein Rosenkränzlein wollte er in den letzten Tagen kaum mehr aus den Händen lassen.“ Für Emmy Hennings wurde die Ehe mit Hugo Ball, die für sie mit dem Tod innerlich nicht endete, in den mehr als zwanzig folgenden Lebensjahren zu einem zentralen Thema ihres schriftstellerischen Schaffens.

Hugo Ball und Emmy Hennings und ihre Werke sind heutzutage weitgehend vergessen. Emmy Hennings Gedichte sind es wert, wieder entdeckt zu werden. Von der Literaturwissenschaft wird bis heute nur die Bedeutung Balls als Mitbegründer der Dada-Bewegung und Hesse-Biograf wahrgenommen, sein politischer Kampf gegen Krieg und Nationalismus ist aber ebenso vergessen wie seine Entdeckungen der asketisch-mystischen Tradition des Katholizismus.

Der Verfasser hat ein Buch über das Paar Hugo Ball und Emmy Hennings geschrieben. Es ist unter dem Titel „Gute Ehen werden in der Hölle geschlossen“ aktuell im FE-Medienverlag erschienen und kostet EUR 12, 80.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Alfred Sobel Autor Emmy Hennings Ernst Bloch Geistliche und Priester Hermann Hesse Hugo Ball Johannes R. Becher Katholische Kirche Katholizismus Päpste Voltaire

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier